Hidden Sunlight

Hidden Sunlight

By Stellar, ©2013 Stellar; All Rights reserved.
Original gepostet im Forum GayAuthors.org (Hidden Sunlight - Fiction - Gay Authors)
Aus dem Englischen von Iroc (Leon)

Diese Geschichte wird hier mit dem Einverständnis des Autors gepostet und darf ohne direkte Erlaubnis von Stellar nirgendwo sonst reproduziert oder veröffentlicht werden. Weiterhin obliegt dem Autor der Vorbehalt der Löschung der Geschichte in diesem Forum.

Klappentext:
Angesichts eines lebensverändernden medizinischen Eingriffs geht der 14-jährige Shay auf eine große Reise. Neben sich stehend, verwirrt und furchtsam stellt er sich der Veränderung – Gefühle, die ihn schon verfolgen, so lange er sich erinnern kann. Doch was stattdessen folgt, konnte er sich in seinen verrücktesten Träumen nicht ausmalen, und alles, was er bis dahin für normal hielt, wird sich für immer verändern.

Infos:
21 Kapitel
175.313 Wörter (Complete)
146.506 Views (Auf GA)
466 Kommentare
Contains Mature Content
Genre: Fantasy, Romance, Sci-Fi
Tags: gay, off-planet, space, coming of age, future, love
Teile der Triologie: Hidden Sunlight, Veil of Shadow, Lucid Truth (incomplete)

Kapitelübersicht:

  1. Etwas ganz anderes (9.175 Wörter)
  2. Nicht mehr Träumen (7.164 Wörter)
  3. Gestrige Gesetze (7.408 Wörter)
  4. Illusorische Absicht (6.819 Wörter)
  5. Rote Entschädigung (6.986 Wörter)
  6. Wahre Verbindung (6.703 Wörter)
  7. Latente Relevanz (7.101 Wörter)
  8. Perfekte Verbindung (7.445 Wörter)
  9. Schöner Beschluss (7.800 Wörter)
  10. Schild des Geistes (11.334 Wörter)
  11. Unschuldigkeit verloren (6.936 Wörter)
  12. Licht des Glaubens (5.326 Wörter)
  13. Fundamentale Einheit (10.633 Wörter)
  14. Entfernte Berührung (10.143 Wörter)
  15. Schlüssel der Hoffnung (7.208 Wörter)
  16. Tiegel des Krieges (8.511 Wörter)
  17. Bitteres Glück (10.405 Wörter)
  18. Das Schicksal naht (12.270 Wörter)
  19. Entfesseltes Sonnenlicht (11.690 Wörter)
  20. Ligen der Nacht (13.116 Wörter)
  21. Epilog (1.140 Wörter)
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Kapitel 1: Etwas ganz anderes

Teil 1

Meine erste und wohl prägendste Erinnerung an den Tag unserer Ankunft auf Lucere entstand, als der neue Horizont außerhalb des Shuttle-Fensters in Sichtweite geriet. Vor uns erstreckte sich die gewaltige Wölbung einer fremden Welt vor der tiefschwarzen Leere des Weltraums. Die Oberfläche des Planeten war überzogen von einem Geflecht aus blauen und grünen Formen, ganz ähnlich denen der Erde, wenngleich das Muster von Land und Meer mir unvertraut war. Doch es war der Himmel von Lucere, der meine Aufmerksamkeit mehr als alles andere fesselte. Die Wolkendecke breitete sich in großen windgepeitschten Wogen aus und unterbrach hier und da die Sicht auf den Boden – allerdings nicht genug, um die Aussicht zu verderben; der Schein einer fremden Sonne traf den Planeten, wo wir in Kürze landen sollten. Ganz anders als auf der Erde schien die Atmosphäre jedoch lebendig zu werden, als das Licht der Sonne auf sie traf – voller Wärme und Energie. Alles wurde in einem weichen, warmen Glühen angeleuchtet, als sei eine Art von Strahlung von der Oberfläche aus eingeschaltet worden, die sich nach oben gen Himmel ausbreitete.

Der Prozess unserer Ankunft dauerte nicht länger als 45 Minuten, und obwohl mein Vater ausführlichst die Hintergründe des eben Gesehenen erklärt hatte, war ich nicht in der Stimmung, mein Gehirn zu bemühen, auf seine Worte zu achten und herauszufinden, was er eigentlich gesagt hatte. Seine detaillierte Erklärung beinhaltete Begriffe wie „atmosphärische Absorption“, „Partikeldynamik“ und „native Refraktion“, um das Phänomen zu beschreiben, das den Himmel des Planeten so besonders aussehen ließ, und er kombinierte dies mit seiner Annahme, dass ich, weil ich überdurchschnittlich klug war, auch seiner Faszination für die Meteorologie Beachtung schenken wollte. Mit dem Kopf zu nicken und schwaches Interesse zu zeigen, genügte.

Tatsächlich erinnerte ich mich nicht mehr so gut an den Rest des Tages und auch nicht an die nächsten paar darauffolgenden Tage. Es war eine verschwommene Mischung aus Reisen und Informationen und Sehenswürdigkeiten und Geräuschen, und meine Eltern waren währenddessen, nun ja, meine Eltern. Meine Mutter, die endlose Quelle der Sorge um ihr liebstes Kind und mein Vater, der ewige Optimist und außergewöhnlicher Geek. All das war dennoch nur Ablenkung; ich wusste sehr gut, warum wir hier waren, und ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken. Nicht für eine Sekunde. Jeder Anblick, jedes Geräusch und jeder Geruch, jedes Wort und jeder Gedanke traf auf diese Mauer, die in meinem Kopf entstanden war; eine Mauer, die den Kern meiner Emotionen und meines Wesens selbst umschloss. Innerhalb dieser Mauer fühlte ich mich, als hätte ich mich fest zusammengerollt, einsam und allein mit meiner Angst vor dem, was die Zukunft bringen würde. Eine Angst, an der ich mich eng festklammerte, weil ich nicht dachte, dass es noch etwas anderes gab.

Die Zukunft …

Und am vierten Tag wurde diese Mauer zertrümmert.

Hey Iroc,

freut mich, dass du deine Geschichte hier postest. :slight_smile:

Das erste Kapitel ist sehr schön geschrieben und verspricht viel Spannung. :slight_smile:

Das Genre ist Fantasy oder?

LG Knutschkugel

Hey Knutschkugel,

ich bin auch sehr gespannt, wie euch die weiteren Kapitel gefallen werden! :blush:

Das Genre ist eher Sci-Fi, aber es gibt auch sehr viele Fantasy-Elemente, vermischt mit einer guten Dystopie. Aber ich will noch nicht zu viel verraten. :wink:

LG
Iroc

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Kapitel 1: Etwas ganz anderes

Teil 2

Nachdem er die Tür geschlossen hatte, drehte sich der Arzt um, reichte meinem Vater die Hand und nickte meiner Mutter höflich zu. „Marcus, Elisabeth. Es ist wunderbar, Sie beide endlich kennenzulernen.“

Mein Vater schüttelte die Hand und meine Mutter spiegelte den Arzt, indem sie freundlich zurück nickte. „Bitte nennen Sie mich Beth, Dr. Albans. Elizabeth ist ein bisschen förmlich.“

„Beth also.“ Er schmunzelte. „Das gilt auch für mich: Ich ziehe John vor. Und du musst dann Shay sein.“

„Ja“, konnte ich hervorpressen, leise, unsicher. „Hi.“ Johns Gesicht wölbte sich zu einem beruhigenden Lächeln, als er zu den Sitzen deutete. „Nehmt gern Platz, ich bin in einer Sekunde bei euch. Ich will nur noch einmal einen Blick in Shays Akte werfen, um sicherzugehen, dass ich genau weiß, wo wir heute stehen.“

Nachdem er sich hinter seinen Schreibtisch gesetzt und den Inhalt seines Computerbildschirms überflogen hatte, schaute er zu uns dreien auf, wobei sein Gesichtsausdruck nichts verriet. "Ich weiß, wie schwierig es für Sie war, so weit hierherzukommen, wegen der Kosten und des Stresses, die damit verbunden waren, aber ich möchte Ihnen sagen, dass die Chancen sehr gut stehen, dass wir bei dieser Behandlung ein positives Ergebnis sehen werden.“

„Der Aufwand hierfür spielt keine Rolle“, antwortete mein Vater, ohne den Blick vom Gesicht des Arztes abzuwenden. Er war so aufmerksam, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Sein Blick war ausschließlich auf John gerichtet, als wolle er ihn an den Stuhl fesseln. „Wenn es auch nur die geringste Chance gibt, dass es Shay hilft, dann werden wir es tun.“

Albans lehnte sich zurück und sah zu mir hinüber. "Nun, ich werde es ein letztes Mal durchgehen. Shay, ich weiß, dass du ein kluger Junge bist, aber ich muss sicherstellen, dass du die Risiken und die möglichen Folgen verstehst, denn es ist immer noch Zeit, jetzt abzubrechen, wenn du dich entscheiden solltest, dass du die Behandlung nicht willst. Wie viel weißt du darüber, wie sich die Behandlung auf deinen Körper auswirkt?“

Es fiel mir weiterhin schwer, überhaupt zu sprechen, geschweige denn Worte für eine sinnvolle Antwort zu finden. Meine Antwort kam als kaum mehr als ein heiseres Flüstern heraus. „Nicht viel Dr. Albans. Ich versuche irgendwie, nicht daran zu denken.“

Er stand auf, rollte seinen Stuhl um den Schreibtisch herum und setzte sich vor mir wieder, nach vorne gelehnt, um mir ins Gesicht zu schauen. Ich hielt seinem eindringlichen Blick stand und wusste immer noch nicht, was ich davon halten oder fühlen sollte. Nur, dass ich, wenn es nicht funktionieren würde, unweigerlich sterben würde. Viel früher und viel jünger, als ich es sollte. Er atmete hörbar aus, als er meine schicksalsergebene Einstellung spürte.

„Du weißt bereits, dass dein Zustand genetisch bedingt ist und dass normale medizinische Behandlungen nur die Symptome behandeln können. Sie heilen dich nicht, sie reagieren nur auf das, was mit dir geschieht, ohne jedoch die Ursache zu beheben. Unsere Behandlung ist anders und greift die Wurzel deiner Erkrankung an: Die genetische Struktur in dir, die die Defekte entstehen lässt. Die meisten Menschen kennen sie aus den Medien und aus dem Internet als „Gentherapie“, obwohl die moderne Wissenschaft diesen Teil der Medizin ein ganzes Stück weiter vorangebracht hat als diese einfache, veraltete Umschreibung. Hast du das soweit verstanden?“

Ich nickte stumm und blickte ihm weiterhin in die Augen.

„Gut. Nun, im Grunde genommen stecken wir dich in eine so genannte Hoffstadt-Kammer, die die Prozesse deines Körpers fast bis zum Tod verlangsamt. Normalerweise wäre es nicht sicher oder möglich, diesen Zustand beizubehalten, ohne schwere und dauerhafte Schäden an deinen inneren Organen und deinem Gehirn zu verursachen. Wir sind noch nicht in der Lage, lebende Menschen auf unbestimmte Zeit in einen Schwebezustand zu versetzen, aber das von uns verwendete genetische „Virus“ – in Ermangelung einer besseren Beschreibung – hat Eigenschaften, die es uns ermöglichen, diesen Zustand vorübergehend aufrechtzuerhalten, für die Dauer, die es in dir vorhanden ist. In dieser Zeit wird das „Virus“ deinen Körper vollständig überfluten und die Veränderungen vornehmen, für die es konstruiert wurde. Der gesamte Prozess wird zwischen fünf und sieben Tagen dauern – die genaue Dauer werden wir aber erst mit Sicherheit wissen, wenn wir begonnen haben. Bist du noch bei mir, Shay?“

Ich holte tief Luft und verdrängte bewusst das Gefühl, das meine Hände zum Zittern zu bringen drohte, indem ich beiläufig die Kante meines Sitzes ergriff und aus dem Fenster schaute, wo Himmel und Bäume in der Ferne zu sehen waren. „Was Sie also sagen wollen, ist … Sie würden mich lange genug auf Eis legen, damit meine DNA von diesem Virus umgeschrieben wird?“

Mein Vater lachte. „Ich sagte doch, er ist klug, Doktor. Das hat er auf jeden Fall von meiner Seite der Familie.“

„Marcus!“ Die Ermahnung meiner Mutter war zu erwarten und unvermeidlich gewesen, und traf auf einen verlegenen Blick.

„Eigentlich“, entgegnete John, ein Grinsen unterdrückend, „hat er recht. Zumindest was Ihren Sohn betrifft.“

Ich fühlte mich alles andere als amüsiert und setzte meinen Gedankengang fort. „Aber … warum muss ich denn, ähm, so schlafen? Können Sie das nicht einfach tun, während ich wach bin oder vielleicht nur von Medikamenten oder ähnlichem betäubt? Was, wenn es mich überhaupt nicht schützt? Ich meine, ich könnte dadurch einen Hirnschaden bekommen oder … was, wenn das Virus mich eher verschlimmert, als etwas zu reparieren? Oder was, wenn … ich überhaupt nicht mehr aufwache … und …“

Das nervöse Beben, das angekündigt hatte, meine Gliedmaßen zum Zittern zu bringen, schlug auf meine Stimme über, bevor ich den Satz beenden konnte. Ich konnte meine Mutter nicht mehr direkt anschauen und schaute weiter durch das Bürofenster in die Ferne. Die Menschen in diesem Büro waren mir im Moment viel zu viel, aber aus dem Augenwinkel wusste ich, dass sie einen entsetzten Gesichtsausdruck auf dem Gesicht trug. John rückte näher an mich heran, blockierte das Fenster und lenkte meinen Blick absichtlich zu ihm zurück.

„Shay, hör mir zu. Es muss so gemacht werden, weil die Behandlung so funktioniert. Es wird dir auch nicht wehtun. Im schlimmsten Fall wird sie einfach überhaupt nichts heilen, und du wirst nicht anders aufwachen als vorher. Im besten Fall wirst du völlig gesund und frei von jeglichen Problemen sein. Diese Art von Medizin wird immer noch für eine breitere Anwendung entwickelt, und du wirst einer der allerersten Menschen sein, die sie erhalten werden, aber ich habe nicht übertrieben, als ich sagte, dass ich glaube, dass die Behandlung dir wirklich helfen kann. Verstehst du?“

„Ja“, flüsterte ich. „Ich verstehe.“

„Das freut mich.“, sagte er und streckte sich nach vorne, um meine Schulter zu drücken. „Du brauchst keine Angst zu haben, aber es ist okay, in dieser Situation welche zu haben. Hast du noch andere Fragen, die du mir stellen möchtest?“

„Nur eine.“

„Sicher“, antwortete er. Derselbe ernsthafte, aber sympathische Blick dominierte noch immer seine Haltung. „Frag mich, was du wissen willst.“

Nicht zum letzten Mal an diesem Tag schien es, als wäre ich eine Fliege an der Wand, und die Ereignisse überschlugen sich, ohne dass ich überhaupt etwas dazu zu sagen hatte. Aus einer Million Meilen Entfernung hörte ich meine Stimme sprechen und sah die Überraschung im Gesicht von Dr. Albans und meinen Eltern, als sie es hörten. Es gab keine Verwechslung meiner Absicht, keine Möglichkeit, mich falsch zu interpretieren. Ich wusste, dass ich mich dem stellen musste, und je früher es geschah, desto früher würde ich frei sein.

„Kann ich heute anfangen?“

Auf die eine oder andere Weise würde ich frei sein.

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Ich erinnere mich noch als ich das auf GayAuthors gelesen hab. Damals mochte ich Stellars Schreibstil sehr, auch wenn das als nicht-Muttersprachler schon manchmal eine kleine Herausforderung wegen seines großen Wortschatzes war ^^

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Danke, @Zuri für deinen Kommentar!

Ja, der Schreibstil ist zeitweise schon wirklich herausfordernd. Ich würde behaupten ich habe erst wirklich Englisch gelernt, als ich das gelesen habe. ^^ Stellars Formulierungen sind aber auch wirklich blumig, das macht die Übersetzung auch nicht gerade einfach. Aber es erinnert mich ein bisschen an meinen eigenen Schreibstil. :smiley:

LG
Iroc

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Kapitel 1: Etwas ganz anderes

Teil 3

Es handelte sich um die Nummer 14 von insgesamt 15 Kammern, die in einem Raum im Untergeschoss des Gebäudes in einer Reihe entlang einer Wand zur Innenseite des Gebäudes hin errichtet worden waren. Jede war mit einer Steuereinheit an der gegenüberliegenden Wand verbunden; eine dicke Ansammlung von Kabeln trat aus dem Sockel der Maschine aus und verlief entlang des Bodens, sicher verlegt unter einer konvexen, undurchsichtigen Abdeckung. Obwohl der Arzt sie als eine Kammer beschrieben hatte, schien das Wort „Kapsel“ besser zu passen, denn das Design und die Form erinnerten mich an eine vergrößerte Version der Expresskurier-Bots in San Francisco. Die Vorderseite der Kapsel zischte beim Öffnen, sprang auf und glitt auf doppelten Schienen nach oben.

Als ich mich zurücklehnte und mich gegen das weiche Material des Innenraums lehnte, sank mein Körper in die Einbeulungen ein, als wäre es eine Couch, die durch zu viel Gebrauch einen bleibenden Eindruck gewonnen hatte. Dr. Albans redete noch immer in dieser freundlichen, geschäftsmäßigen Art und Weise vor sich hin. Zuerst darüber, wie die grundlegenden regulierenden Funktionen der Kammer in ihr Gehäuse integriert und nicht sichtbar waren, selbst wenn man – wie ich – darin ruhte, und dann etwas darüber, wie die Luft- und die Stromversorgung unabhängig voneinander geregelt und gefiltert wurden – aber zu diesem Zeitpunkt täuschte ich meine Aufmerksamkeit nur noch vor. Ich war viel zu sehr darin versunken, wo ich die nächsten Tage verbringen würde. Ich konnte kaum glauben, dass dies so hochtechnologisch war, wie der Arzt es behauptete. Es sah aus und fühlte sich an, als habe jemand gerade ein bequemes Möbelstück in ein Stück Metall und Plastik gepresst, wie eine Filmrequisite aus der Zeit, als mein Urgroßvater noch ein Junge war.

„Shay?“

Ich kehrte spontan in die Realität zurück. John beobachtete mich mit einem leicht amüsierten Gesichtsausdruck, als er sich vorbeugte, um zu sehen, wie ich mich in der Kapsel entspannte.

"Äh, es tut mir leid, Doktor. Es ist nur, na ja … es ist … "

„-mehr wie ein sehr teurer Sessel als ein medizinisches Gerät?“ Sein Grinsen war nicht zu übersehen, als er meinen Satz für mich beendete, während er mit dem Finger auf das Glas der hochgefahrenen Abdeckung klopfte.

„Ja“, stimmte ich zu und bemühte mich, nicht zu lächeln. „Ich meine, ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber ich vermute, es war etwas mit mehr Nadeln und Schläuchen und … Zeug.“

„Nun, weißt du, nicht lange, nachdem wir diese Dinge erhalten hatten, waren einige meiner Kollegen ziemlich vernarrt in die Handwerkskunst und gaben Möbelbestellungen beim Hersteller auf. Unter uns gesagt, die müssen einen Mordsgewinn gemacht haben.“ Er zwinkerte mir zu, lehnte sich von der Maschine zurück und lief zur anderen Seite des Steuerstandes. „Du bist also nicht der Erste, der getäuscht wurde.“

Getäuscht. Das Wort hallte in meinen Gedanken wider, als ich meinen Kopf wieder auf die Oberfläche des Polsters fallen ließ. Dann, plötzlich, ohne Vorwarnung, war es wieder da. Wie ein Schwindelanfall oder Übelkeit drang es durch mich hindurch, eine lähmende schwarze Welle der Depression und Angst. Die Kopfschmerzen, die schulfreien Tage und manchmal Wochen, der erschöpfte medikamentöse Schlaf und die zu häufigen Krankenhausbesuche. Die Reise in eine andere Welt, der Stress und die finanzielle Belastung für meine Mutter und meinen Vater, ein krankes Kind zu bekommen. Mich zu bekommen. Die Abtrennung von allem, was um mich herum menschlich war, von allem, was wirklich real war.

Vor allem: die Angst. Die Angst, dass ich nie ein Leben ohne Schmerz erleben würde. Ein normales Leben, in dem ich die gleichen Dinge erleben könnte wie alle anderen auch.

„Shay?“ Albans Stimme drang wieder zu mir herüber, fragend, eindringlich. „Wir sind tatsächlich fast so weit, anzufangen.“

Ich räusperte mich, blinzelte schnell, und die stechenden Emotionen verblassten, als ich sie in mir begrub. Ich verbarg sie unter der Realität, in der ich mich befand. „Okay, Dr. Albans.“

Sein Blick blieb auf mir hängen; er fixierte mich mit einem besorgten „Ich glaube nicht, dass es dir ganz gut geht“-Blick, aber er sagte nichts. Er tippte auf die Konsole vor sich und konzentrierte sich wieder auf den Bildschirm: "Eigentlich ist ‚fast‘ eine Untertreibung. Wir sind bereit zu beginnen. Deine Laborergebnisse haben alle grünes Licht. Die Kammer ist vorbereitet. Alles, was du dir merken musst, ist, dass du, wenn der Prozess einmal begonnen hat, erst dann wieder zu Bewusstsein kommst, wenn er abgeschlossen ist. Der einzige Grund, warum das anders wäre, ist, wenn es ein Problem mit deinen Vitalfunktionen gäbe, aber vertrau mir, Shay, das wird NICHT passieren, okay?“ Der Arzt sah mich noch einmal ernsthaft an und wollte ein Zeichen dafür, dass ich verstanden und akzeptiert hatte, was er sagte. „Okay?“

Ich nickte.

Sein Gesichtsausdruck wurde weicher, und er kehrte zum gleichen Ort an der Kapsel zurück, wo er zuvor stand. Seine Hand ruhte sanft auf meinem Arm, und ich versuchte, mich von meinen Gefühlen nicht überwältigen zu lassen. Sie zu kontrollieren war das, was ich mein ganzes Leben lang getan hatte – die einzige Möglichkeit, geistig gesund zu bleiben. Das sollte sich auch jetzt nicht ändern.

„Das ist alles sehr viel für jemanden in deinem Alter, Shay, und ich weiß, wie oft du das in letzter Zeit gehört hast, aber nachdem ich dich getroffen habe, kann ich nur sagen, wie beeindruckt ich von dir bin. Du bist intelligent, sehr selbstbewusst und reif. Und nicht nur das, sondern du bist auch mutig. Unglaublich mutig. Es erfordert eine besondere Art von Mut, das zu tun, was du tust. Denk daran, dass dies alles vorbei sein wird, bevor du es überhaupt merkst. Die Vergangenheit wird bald nicht mehr als eine schlechte Erinnerung sein.“

Die Worte blieben mir im Hals stecken. Auf einmal wollte ich ihm danken, ihm sagen, dass ich mir nicht sicher war, ob ich an ein Happy End glaube, dass ich meine Eltern vermisse, aber nicht wie ein bedürftiges Kind aussehen wollte, indem ich das erwähnte, dass ich mir auch nicht sicher war, ob ich überhaupt wusste, was ich sagen wollte, und dass ich einfach wollte, dass es vorbei ist … aber es kam nichts heraus. Der Arzt konnte jedoch scheinbar meine Gedanken lesen, seine Lippen kräuselten sich zu einem straffen Lächeln, er schüttelte ein wenig den Kopf, als ob er mir unbewusst meine Ängste nehmen wollte. Dann ging er zurück zur Kontrollstation.

Er setzte sich auf den Stuhl und tippte ein paar Dinge auf der Steuereinheit. Dann setzte er sich aufrecht hin und schaute mich direkt an. Ich traf seinen Blick. Er hielt ihn etwa 10 Sekunden lang fest.

Dann, ohne nach unten zu schauen, berührten seine Finger wieder die Tafel. Ein Klickgeräusch kam von oben, und die Luke bewegte sich nach innen und unten, das leise Wimmern der elektrischen Motoren verstummte und das Gesicht des Arztes verschwand, als sich die Front schloss. Dann rastete die Tür ein, und ich befand mich schließlich in völliger Dunkelheit. Das einzige Geräusch war das schwache Zischen, als die Kammer luftdicht wurde, und das Seufzen meines eigenen Atems.

Dann, für ein paar Sekunden, nichts mehr. Nur eine Schwärze, die nichts hergeben wollte. Kein Ton, keine Farbe, keine Bewegung. Kurzzeitig machte ich mir Sorgen, ob mit dem Start etwas schiefgegangen war, aber dann hörte ich auf zu denken. Ich merkte, dass ich mich irgendwie schläfrig fühlte. Sehr entspannt und behaglich, warm.

Der letzte Gedanke, der mir durch den Kopf ging, bevor ich in diesem lauen, lichtlosen Kokon gemütlich in Ohnmacht fiel, war die Frage, ob mein Vater uns jemals eine Couch wie diese kaufen würde.

Dann, nichts.

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Ja, stimmt. Damals musste ich beim Lesen von „Hidden Sunlight“ auch an „Die Herrschaft des Feuers“ denken :+1:

Kapitel 1: Etwas ganz anderes

Teil 4

Es ist schwierig zu beschreiben, wie man sich in Stasis fühlt.

Auf der einen Seite ist es irgendwie so, als schliefe man. Schwere Gliedmaßen, der Verstand schaltet sich langsam ab, alles geht in einen Ruhezustand.

Auf der anderen Seite ist es auch so, als wäre man tot. Keine Körperkontrolle mehr, kein Gefühl des Atmens, keine Bewegung, keine Andeutung, dass man noch am Leben ist. Nichts anderes als Stille.

Doch es war kein Schlaf und es war nicht der Tod. Es war irgendwo auf halbem Wege zwischen beiden, eine atemlose, gedankenlose, ausgedehnte Traumwelt, ohne Träume. Ohne Schmerz und Emotionen, ohne bewusste oder unbewusste Veränderungen. Zumindest sollte es so sein, aber irgendwie war ich mir dessen auf irgendeiner Ebene bewusst. Tief im Inneren, selbst wenn alles nur um Haaresbreite über der absoluten Bewegungslosigkeit lag, konnte ich irgendwie noch wahrnehmen.

Danach erinnerte ich mich an nichts Bestimmtes mehr. Keine wirklichen Erinnerungen und wirklichen Empfindungen, denn mein Körper und mein Geist waren auf nichts davon eingestellt, nahmen es nicht auf. Ich versteckte mich nur in einer sehr weit entfernten schattigen Ecke meines Bewusstseins, und ein Teil von mir war immer noch in der Lage, es zu wissen. Der Teil von mir, der die winzigsten Nuancen fühlen konnte. Es fühlte sich an wie dieses goldene Glühen. Es schien sich, selbst ohne Zeitbegriff, langsam durch mich hindurch zu erwärmen, bis ich in einer angenehmen, harmlosen Subsistenz eines Traumes badete; weniger als das – ein Nicht-Traum eigentlich, der sich eine Ewigkeit lang fortzusetzen schien.

Dann wachte ich auf.

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Über Kommentare und Anregungen freue ich mich wie immer! :slight_smile: Es gibt jeden zweiten Tag einen neuen Teil.

Kapitel 1: Etwas ganz anderes

Teil 5

Das erste, woran ich mich erinnere, war das Klicken der Kammer, die sich öffnete, das Zischen des Luftdrucks, der sich änderte, genau wie beim Schließen der Kammer. Diese kleinen Geräusche waren für mich die Auslöser, um richtig aufzuwachen. Meine Augen waren immer noch geschlossen, als ich wieder Empfindungen wahrnahm. Meine Arme und Beine, meine Füße, mein Bauch, mein Kopf; alles fühlte sich normal an. Meine Kehle war trocken – wirklich trocken, fast ausgedörrt – aber ansonsten war es, als sei ich von einem Nickerchen aufgewacht.

Der Raum war schwach beleuchtet, als ich mich aufrichtete und mir die Augen rieb. Niemand sonst war da, und ich fragte mich, wo meine Eltern und Dr. Albans waren. Der Arzt hatte gesagt, dass sie alle da sein würden, wenn es für mich Zeit zum Aufwachen sei, aber es sah nicht so aus, als sei seit langem jemand in diesem Raum gewesen. Ein Staubteppich lag auf dem Boden, und ich watschelte langsam darüber. Kleine Staubwolken stiegen auf, während ich mich bewegte, und wirbelten fast kitzelnd um meine Zehen. Mein Verstand versuchte, zusammenhängende Gedanken über das Geschehen zusammenzufügen. Ich trug immer noch die Kleidung, in der ich am selben Morgen angekommen war, da der Arzt mir versichert hatte, dass es egal sei, was ich in der Kammer trug. Meine Schuhe wurden im zweiten Stock, vor Albans Büro, zurückgelassen. Die Hoffstadt-Kammern befanden sich im Untergeschoss, ein paar Stockwerke unter dem Erdgeschoss.

Als ich die Treppe hinaufging, begann ich etwas zu bemerken: Dieser Ort war das reinste Chaos. Die Staubschicht war schon ein offensichtlicher Hinweis gewesen, aber als ich zum Erdgeschoss hinaufstieg, hatte ich ein seltsames Gefühl in der Magengrube: Irgendetwas stimmte hier nicht.

Tatsächlich stimmt etwas mit diesem Ort ganz und gar nicht.

Als ich weiter nachdachte, wurde mir klar, dass ich bisher weder ein einziges brennendes Licht gesehen hatte, noch ein Anzeichen dafür, dass noch jemand hier war. Es war völlig still.

Unangenehm leise.

Dies sieht aus wie ein völlig verlassenes Gebäude.

Das Gefühl verstärkte sich noch, als ich das letzte Stück der Treppe zur Lobby hinaufstieg, nun ernsthaft beunruhigt. Als ich den dunklen Flur entlang schlich, wich der Staub auf dieser Ebene einer schmutzigen, fleckig aussehenden Patina. Vorsichtig umrundete ich eine Ecke und stoppte regungslos bei dem Anblick, der sich mir nun bot.

Was zur …

Die Lobby war ursprünglich mit bequemen roten Ledersofas, Zeitschriften, einem Wasserkühler und einem langen, geschwungenen Schreibtisch aus weißem Syntheseholz gefüllt, an dem das Empfangspersonal die Kunden begrüßt hatte. Jetzt war das alles verschwunden. Das breite Fenster, das fast die gesamte Außenwand einnahm, war zertrümmert worden – offensichtlich schon vor einer ganzen Weile, denn es waren nicht mehr viele Glasscherben zu sehen, mal abgesehen von Scherben, die noch am Rahmen hingen. Das gesamte Mobiliar und die Dekoration waren verschwunden; an ihre Stelle traten verstreute Holz- und Lederreste, Äste, Blätter und Schmutz. Draußen sah es nicht großartig anders aus. Der Parkplatz war übersät mit Unkraut und Schutt, zerbrochenen Ästen und willkürlichen Abfallstücken. Keine Autos. Keine Menschen. Es war mitten am Tag, bedeckt, die Wolken glühten schwach im Sonnenlicht, viel gedämpfter als das letzte Mal, als ich sie sah. Selbst die Straße, die zurück nach Palatus führte, sah leer aus. Die Stadt selbst war von hier aus nicht sichtbar.

Verwirrt und bestürzt stolperte ich starr vorwärts auf den rissigen Asphalt des Parkplatzes. Noch immer vom natürlichen Licht geblendet, stand ich einfach blinzelnd da und nahm alles in mich auf. Dieser Ort sieht verlassen aus, menschenleer. Tagelang, vielleicht wochenlang. Mein Atem kam immer schneller und schneller, obwohl ich mir Mühe gab, nicht zu hyperventilieren. Ich versuchte, das aufkommende Gefühl der Panik zu ignorieren.

Wo sind alle?

Was geht hier vor sich?

Warum bin ich allein?

Ist das eine Art schrecklicher Traum?

Bin ich überhaupt wach?

Als ich zu dem friedlichen Schein des Himmels aufblickte, erreichte die wachsende Panik ihren Höhepunkt und traf mich wie ein rasender Lastwagen. Die Tränen quollen hoch und liefen über, und die Wut, die Frustration, die Ungerechtigkeit, die verdammte Ungerechtigkeit darüber, wie verrückt die Welt zu sein schien, kam in einem Schrei heraus. Ein wortloser Schrei des Leidens und der Trauer, der so lange anhielt, bis mir die Lungen wehtaten und ich auf die Knie sank, die Fäuste so fest geballt, dass mir die Knöchel schmerzten. Tränen tropften auf meine Hose und mein Hemd, als ich nach unten blickte und mit meinem nächsten Atemzug wieder schrie, diesmal jedes einzelne Schimpfwort, das mir einfiel. Meine Sicht war so verschwommen, dass ich überhaupt nichts mehr erkennen konnte, und meine Augen brannten – mit Kopfschmerzen begleitet – von der Befreiung.

Ich schrie so lange, bis es schließlich auf dem leeren Parkplatz, dem leeren Gebäude und der leeren Landschaft nichts mehr zum Anschreien gab. Ich holte tief Luft und wischte mir das Gesicht am Ärmel ab und saß einfach nur da, erschöpft von allem.

Ich will nur, dass es verschwindet. Ich wünschte, ich wäre …, dass ich … Ich weiß es nicht. Dass ich …, dass ich … jemand anderes bin. Irgendjemand anderes … damit jetzt ich nicht hier sein muss. Damit ich nicht so am Arsch sein muss.

So kaputt.

Ich holte noch einmal tief Luft und schaffte es endlich, mich etwas zu beruhigen. Einatmen. Ausatmen. Dann wurde mir durch diese einfache Handlung zum ersten Mal bewusst, während ich auf der unbequemen steinigen Oberfläche saß, so allein und durcheinander in der kühlen Luft des Nachmittags, auf dieser fremden Welt, dass der Schmerz verschwunden war.

Mit der unerklärlichen Art und Weise, wie die Dinge nach dem Aufwachen waren, war mir das nicht in den Sinn gekommen. In meinem Kopf war nicht genug Platz gewesen, um darüber nachzudenken und gleichzeitig zu versuchen, herauszufinden, was zum Teufel hier passiert war. Instinktiv griff meine Hand an meine Brust und meinen Bauch und ich holte noch einmal Luft, dieses Mal langsamer und überlegter. Wieder konnte ich nichts anderes fühlen als die Atmung, das Auf und Ab, die Muskeln, die sich so bewegten, wie sie sich normalerweise bewegen sollten. Das leichte Zwicken in meiner Lunge und die Schmerzen weiter unten, die immer zu zufälligen Zeitpunkten ausgelöst zu werden schienen, wenn ich mich anstrengte, oder selbst ohne jede Aufforderung …

Waren sie verschwunden?

Es gab keine Kopfschmerzen bis ich aufgehört hatte zu weinen. Das ist normal. Keine Schmerzen in der Brust. Meine Arme und Beine fühlen sich gut an, genau wie beim Aufwachen in der Kammer.

Langsam kletterte ich wieder auf meine Füße, und mit einem aufsteigenden Gefühl der Aufregung, mein salzfleckiges Gesicht und meine Kleidung ignorierend, wurde mir klar, dass mein Körper sich normal anfühlte. Alle Anzeichen meines Krankheitszustands waren verschwunden. Jetzt, da ich wirklich darüber nachdachte, fühlte ich mich gut. Ich fühlte mich normal. Ich habe mich noch NIE zuvor so gefühlt. Es stimmte immer etwas nicht, aber jetzt? Jetzt war da nichts. Jetzt war es nur noch das reine Leben.

Ich bin durstig und wirklich hungrig, und … und … Ich bin GEHEILT! Ich bin nicht mehr krank.

Die Erleichterung war riesig und gab mir etwas Verstand zurück. Ich wollte mich von all dem nicht unterkriegen lassen. Ich war verdammt noch mal geheilt! Ich hatte noch nie zuvor in meinem Leben eine solche Motivation gehabt, und mit der Offenbarung, dass ich mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr krank war, fühlte ich mich erneuert – im Geiste wie auch körperlich.

Ich möchte jetzt wirklich dringend von hier weg. Aber zuerst muss ich meine Schuhe finden …

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Kapitel 1: Etwas ganz anderes

Teil 6

Als ich der Straße vom Parkplatz weg und zurück in Richtung Palatus folgte, versuchte ich, mich an alles zu erinnern, was ich mir über die umliegende Landschaft hatte merken können. Als wir ankamen, war ich viel zu abgelenkt gewesen, um der Stadt viel Aufmerksamkeit zu schenken – selbst nach unserer Ankunft. Ich erinnerte mich nicht einmal an die Fahrt zum medizinischen Zentrum selbst, nur vage an den Ort, an dem wir uns aufhielten. Es war ein Motel am Stadtrand, das Papa für einen Monat gebucht hatte. Wenn ich es bis dorthin schaffe, kann ich meine Eltern oder jemanden, der weiß, wo sie sind, vielleicht finden.

Was auch immer im Volkov-Gebäude, dem Ort, den ich gerade verließ, geschehen war, muss ernst gewesen sein. Es sah nicht so aus, als wäre irgendjemand seit einer ganzen Weile auf dieser Straße unterwegs gewesen. Vielleicht waren es mehr als nur Wochen. Vielleicht war es Monate her, dass ich ‚schlafen‘ ging, aber der Arzt sagte mir, dass es nicht möglich sei, so lange ohne große Probleme ‚Winterschlaf‘ zu halten. Wenn das wahr wäre, wäre ich hirntot oder einfach nur tot. Also konnte es nicht sein, oder? Ich meine, ich fühle mich zu 100 % in Ordnung. Tatsächlich fühle ich mich besser als je zuvor. Die Behandlung hat gewirkt. Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie gewirkt hat!

Die Träumerei wurde durch das Knurren meines Magens und dem ebenso aufdringlichen Kratzen in meiner Kehle unterbrochen. Wie weit war es bis Palatus? Ich dachte angestrengt nach, der Kies knirschte unter meinen Turnschuhen, als meine Beine auf Autopilot weiterflogen, hartnäckig und verbissen, der Geist noch immer beschäftigt. Wir fuhren, ähm, mehr als 15, fast 20 Minuten von der Stadt aus, und Papa fuhr fast die ganze Strecke mit 90 Sachen pro Stunde, weil er ein Freak ist und gerne langsamer als das Tempolimit fährt. Wie auch immer. Das heißt also, ähm, 30 Kilometer? Weniger, vielleicht 25 oder so.

Ich stöhnte laut auf. Ich hätte wahrscheinlich vier oder fünf verdammte Stunden gebraucht, um in die Nähe der Stadt zu kommen. Bis dahin würde ich verhungern. Ich hatte das Gefühl, schon ewig nichts mehr gegessen zu haben, und in Verbindung mit diesem Durst würde die Strecke sicherlich keinen Spaß machen.

Ich war so beschäftigt mit meinen Gedanken, dass ich das schwache Rascheln und die Bewegung in den Bäumen am Straßenrand nicht bemerkte. Plötzlich traf mich ein stechender Schlag an der Schulter und ein Ruck brachte mich aus dem Gleichgewicht. Der Schock war elektrisch und ziemlich heftig, und meine Gliedmaßen verkrampften sich, ich war kurzzeitig betäubt und fiel nach hinten. Was zum Teufel? Schwindelig griff ich nach dem Betäubungspfeil, der immer noch schmerzhaft in meinem Fleisch steckte, und zog ihn heraus, wobei ich gleichzeitig versuchte, aufzustehen. Es blieb jedoch keine Zeit, denn den Bruchteil einer Sekunde später wurde ich wieder von den Füßen gerissen und von der Straße weggezogen, alles drehte sich.

Das Nächste, woran ich mich erinnerte, war der Aufprall auf dem Boden, mein Gesicht wurde auf Stöcker und getrocknete Blätter gepresst. Dann wurde ich herumgezogen und gewaltsam auf den Rücken gerollt. Menschen standen über mir. Es waren zwei von ihnen, vielleicht noch einer weiter weg – ich war mir nicht ganz sicher. Beide waren männlich, einer jünger, einer älter. Der Jüngere blickte zu mir hinunter, ein Blick aus purer Verachtung im Gesicht, wandte sich dem anderen zu und begann, rasch in einer anderen Sprache zu sprechen. Es dauerte einen Moment, um zu registrieren, welche Sprache es war, während ich da lag, blinzelte, mir die Stirn rieb und die letzte geistige Unschärfe des Schocks verschwand.

Spanisch? Warum Spanisch? Dann erinnerte ich mich. Lucere wurde von europäischen Kolonisten besiedelt. Hier wurden viele europäische Sprachen gesprochen. Ich konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber er war aufgeregt, als er auf mich zeigte und wieder wild gestikulierte. Der Ältere sprach nicht, aber als sein Blick zu mir herunterzuckte, war sein Gesicht teilnahmslos. Kalt. Gutaussehend, aber auf eine sehr arrogante, harte Art. Eine lange gerade Nase, dunkle Haare, olivfarbene Haut und eisenharte braune Augen. Er sah aus, als ob er mir wehtun würde, wenn ich ihm nicht das gebe, was auch immer er will. Oh, verdammt.

Dann richteten sich seine Augen wieder auf den jüngeren Mann, aber im nächsten Moment waren sie wieder auf mich gerichtet, als er mir einen zweiten Blick zuwarf und seinen Kopf vollständig herumdrehte, um auf mich herabzusehen, und nun schien er überrascht. Dann, ohne seinen Blick von mir abzuwenden, hob er bestimmend die Hand: „Carlos, sch.“

Der jüngere Mann hielt sofort den Mund und runzelte die Stirn, als auch er sich umdrehte, um mich anzuschauen. Der Ältere hockte sich nieder, dicht vor meinem Gesicht. Er sah mich noch eine oder zwei Sekunden lang aufmerksam an, dann sprach er, seine Stimme sanft, aber äußerst eindringlich. Ich konnte Schweiß und Schmutz riechen, und ich konnte bis ins kleinste Detail eine Linie schwarzer Stoppeln auf seinem Kiefer sehen, die von seiner letzten Rasur stammten. Ich wusste nicht warum, aber alles an ihm machte mich wahnsinnig nervös.

„Hablas español?“

Ich schüttelte langsam den Kopf, ein Klumpen bildete sich in meiner Kehle.

„Italiano? Deutsch? Ou français?“

Ich schüttelte wieder meinen Kopf. Mein Mund fühlte sich staubtrocken an und ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt hätte sprechen können, selbst wenn ich gewollt hätte.

Dann etwas langsamer und stark akzentuiert. „Wie wäre es mit Englisch? Ich finde schon, du siehst aus wie das Kind von irgendeinem Gringo. Ich glaube, ich habe recht, ?“

„Ja, Englisch“, krächzte ich, meine Stimme so rau und trocken wie die Blätter, auf denen ich lag.

Ohne zu zögern, erhob sich seine Hand, griff nach meinem Kinn; er schob es erst nach links, dann nach rechts und untersuchte mein Gesicht. Dann ging er bis zum rechten Handgelenk hinunter und zog meinen Arm hoch. Dann den anderen Arm. Der andere Mann begann wieder auf Spanisch zu sprechen, wurde aber sofort zum Schweigen gebracht.

„Ich will mich nicht wiederholen, Carlos. Wir haben einen Gast hier, siehst du das nicht? Etwas Höflichkeit, favor.“

Carlos seufzte gereizt und glotzte immer noch auf mich herab. „León, wirst du ihn jetzt fragen? Frag ihn, warum er keine …“

„Alles zu seiner Zeit, chico.“ León unterbrach den Jüngeren sanft. „Zuerst habe ich ein oder zwei eigene Fragen an unseren neuen Freund hier.“ Er lächelte mich wölfisch an, lehnte sich dann ein wenig zurück und zog mich abrupt in eine Sitzposition, sein Gesicht noch immer unerträglich nah an meinem. Ein Freund? Ich frage mich, wie er mit seinen Feinden umgeht.

„Wo sind meine Manieren? Wie du gehört hast, bin ich León und das ist Carlos. Und du bist …?“

„Shay.“

„Also, hola mi amigo Shay. Ich entschuldige mich für unser Aufeinandertreffen, aber es sind gefährliche Zeiten, verstehst du?“ Gefährliche Zeiten? Ohne Scheiß. „Es ist kein Ort zum Wandern, dieses Land. Man will nicht in der Öffentlichkeit erwischt werden. Aber, das gibt mir zu denken. Was macht ein junger Mann wie du ganz allein hier draußen?“

Irgendetwas sagte mir, dass es ein großer Fehler wäre, ihm die ganze Wahrheit zu sagen, aber gleichzeitig schien er schrecklich scharfsinnig zu sein. Mein Instinkt riet mir, nicht zu lügen, weil ich sowieso nicht wirklich wusste, was vor sich ging. Nicht zuletzt hatte ich das Gefühl, dass es nicht gut ausgehen würde, wenn er merken würde, dass ich nicht ehrlich war, oder wenn er meine Geschichte nicht glaubte, was genauso wahrscheinlich war. Denk schnell nach. Teile der Wahrheit. Eine Halbwahrheit, nur nicht die ganze.

„Ich, äh, wurde von meiner Familie getrennt. Wir sind noch nicht lange hier, ich habe mich nur verirrt.“

Sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert. „Verloren, hm? Könnte wahr sein, glaube ich. Du siehst nicht wie einer von hier aus der Nähe aus. Deine Kleidung ist fremd, man kann sie leicht riechen, besonders auf einer Straße wie dieser.“ Seine Augen wurden schmal und das Grinsen verblasste etwas. Unwillkürlich zog sich meine Kehle zusammen. „Es scheint, Carlos interessiert sich für etwas anderes an dir, Amigo. Das tue ich auch, das gebe ich zu. Du siehst, ich treffe nicht oft jemanden, der so sauber ist wie du. Du musst mir sagen, wie kommt es, dass du so unberührt bist?“

Es gab keine Möglichkeit, mich da herauszumogeln. Ich wusste nicht einmal, was er meinte. Unberührt? Sauber? Spricht er von einer Art Krankheit? Mein Zögern und meine Verwirrung müssen beide offensichtlich gewesen sein, denn León zog den Ärmel der Jacke, die er trug, hoch und hielt seinen Unterarm vor mich. In Flächen und Flecken sah die Haut seines Arms verfärbt und falsch aus. Von der Zeit, die ich in Krankenhäusern und in der Nähe von Ärzten verbracht hatte, kam mir sofort das Wort „Läsion“ in den Sinn. Sie waren nicht allzu groß, vielleicht in Münzgröße, aber sie waren über seinen ganzen Arm verstreut und sahen aus, als hätte sich etwas in seinem Fleisch eingenistet. Es sah unglücklich mit der normalen Haut verschmolzen aus, die Textur schien völlig verhärtet zu sein. Es sah fast unmenschlich aus, und ich kämpfte darum, nicht vor ihm zurückzuschrecken. Okay, also definitiv eine Krankheit.

„Also, erzähl mir, Shay. Ich wette, du hast nichts davon. Du musst mir sagen, warum, ? Niemand entkommt dem hier, aber sieh dich an.“

„I-ich weiß es nicht!“ Ich stotterte. „Ich weiß nicht, warum! Ich schwöre es.“

Der ältere Mann grunzte und drehte sich zu Carlos um. Die beiden wechselten einen flüchtigen Blick, und León zog seinen Ärmel zurück und stand abrupt auf. Die Bewegung gab den Blick auf ein Mädchen frei, das einige Schritte hinter ihnen stand. Hispanisch wie die beiden Männer, fast einen ganzen Fuß kleiner, ihr langes schwarzes Haar hinter dem Kopf zu einem Pferdeschwanz gebunden. Weiche Schokoladenaugen und ein zurückhaltendes, sanftes Gesicht; sie war wunderschön, obwohl ich keine Sekunde Zeit hatte, sie zu bewundern, bevor Carlos vorrückte, die Sicht blockierte und mich vorne an meinem Hemd packte. Seine Faust zog sich zurück und wollte gerade donnernd nach unten zuschlagen, als das Mädchen von hinten nach seinem Arm griff. Carlos ließ mich los und drehte sich zu ihr um, beschwerte sich bereits auf Spanisch; sein Gesicht war rot vor Wut. Worte wechselten im Schnellfeuer zwischen ihnen hin und her, was darin endete, dass das Mädchen die Hand hob und ihn schallend ins Gesicht schlug. Schwer atmend drehte er sich um, spuckte vor mir auf den Boden und stürmte durch das Unterholz davon. León, der diesen Austausch reglos und schweigend beobachtet hatte, sagte nur ein einziges Wort.

„Sofia.“

Sie wandte sich ihm zu. Als sie mir nun näherkam, wurde die Ähnlichkeit deutlich. Sie musste seine Tochter sein oder zumindest mit ihm verwandt. Das Gesicht, die Haltung des Körpers, waren sehr ähnlich*. Allerdings scheint sie nicht so psychotisch zu sein wie die anderen hier Anwesenden. Vielleicht kann ich ein „normales“ Gespräch mit ihr führen. Vielleicht gibt es dann nicht die gleichen versteckten Folteranspielungen.*

León sagte einen einzigen Satz auf Spanisch zu ihr, blickte auf mich herab, sein Blick berechnend. Dann drehte er sich um und ging in die Richtung, in die der andere gerade gegangen war. Das Mädchen griff nach meiner Hand und zog mich zum ersten Mal seit Beginn all dieser Ereignisse auf die Füße.

„Es tut mir leid“, sagte sie zu mir und lächelte mich ein wenig an. „Sie können beide sehr unangenehm zu Fremden sein. Ich bin Sofia. Das sind mein Vater und mein Cousin. Carlos ist ein Brutalo. Ich kann nicht glauben, dass er dich schlagen wollte.“

„Ich auch nicht“, murmelte ich und fügte dann schnell hinzu: „Danke. Dafür, dass du ihn davon abgehalten hast.“ Ihr halbes Lächeln wuchs und wurde zu einem ausgewachsenen. „Es ist okay. Wir müssen reisen, und du wirst jetzt mit uns kommen. Es hat also keinen Sinn, verletzt zu werden.“

„Reisen?“

„Sí.“ Sie nickte schnell. „Mein Vater wird nicht zulassen, dass du uns verlässt. Bitte versuche nicht zu fliehen, oder …“ Sie ließ den Satz unvollendet, obwohl sie es nicht unbedingt nötig hatte. Oder ich werde gejagt und wahrscheinlich getötet oder wie ein Tier gefesselt werden. Dann griff sie wieder nach meiner Hand und begann, mich mit sich zu ziehen. „Außerdem würde er, wenn er dich schlagen würde, einen tiefen Abdruck hinterlassen. Er schlägt sehr hart zu, und dein Gesicht ist zu hübsch, um es zu entstellen.“

Warte, was? Hübsch?!

„Komm, Shay. Wir müssen uns beeilen. Wir wollen nicht zurückbleiben. Los geht’s!“

Und dann – mit wenig Alternativen – machten wir uns auf den Weg.

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Kapitel 1: Etwas ganz anderes

Teil 7

Ich weiß nicht genau, in welche Richtung wir uns bewegten, aber selbst, wenn es weg von Palatus war, war ich zumindest dankbar, dass León und seine beiden Kohorten so freundlich waren, mir etwas zu Essen und menschlichen Kontakt zu geben. Obwohl die beiden Männer kaum ein Wort mit mir sprachen und Carlos seinen Hass kaum verbergen konnte, der sich größtenteils auf alles zu richten schien, was er aus dem geringsten Grund nicht gutheißen konnte, galt meine Aufmerksamkeit meistens nur Sofia. Sie war gesprächig und stellte mir oft sinnlose, bedeutungslose Fragen, um mir die Zeit zu vertreiben, Trivialitäten über die kleinen Dinge, die mir einfielen, und es half mir sicherlich, mich von allem anderen abzulenken.

Doch ‚alles andere‘ war immer noch da. Die Zahl der unbeantworteten Fragen hatte nur zugenommen, umso länger ich bei Bewusstsein war. Was geschah mit dem Medizinischen Zentrum Volkov? Wo waren die Menschen, die ich kannte? Hatte diese Krankheit etwas damit zu tun? Warum gingen wir nicht entlang der Straße in die Stadt und was machte sie gefährlich? Jetzt, nach anderthalb Tagen gemeinsamer Reise mit den dreien, hatte ich begonnen, mich seltsam zu fühlen. Es war nicht wie irgendwelche Symptome meiner früheren Krankheit. Keine Anzeichen dafür waren zurückgekehrt. Es war etwas viel Seltsameres. Es war, als ob ich von diesem seltsamen Aufsteigen von … etwas erfüllt wäre.

Ich konnte es nicht wirklich definieren.

Die einzige Beschreibung, die mir in den Sinn kam, war, es eine Art Energie zu nennen. Eine warme, pulsierende, vibrierende Energie. Nur, dass es keine physische Wahrnehmung gab. Ich spürte keine Wärme, kein Pulsieren oder Vibrieren. Ich fühlte mich einfach anders. Ich wusste, dass es da war und sich in mir aufbaute, wie ein Blitzableiter, der langsam statische Elektrizität ansammelt und sich immer stärker auflädt. Trotzdem gab es keine Beweise. Es gab keinen Beleg für irgendetwas.

Nur ein ungreifbares Gefühl.

Das war die jüngste Frage, auf die ich keine Antwort hatte: Woher kam das, und warum geschah es?

Am Abend erreichten wir einen anderen Gebäudekomplex auf dem Land, hier wollte León uns für den Abend schlafen lassen. Die einzelnen Gebäude waren kleiner als Volkov, aber es gab mehrere Außengebäude, die ohne weiteres eine größere Grundfläche bedeckten. Auch im Gegensatz zum medizinischen Zentrum gab es hier deutliche Anzeichen von Gewalt. In den Innenräumen der Wohnungen war nicht mehr viel zu sehen, und viele von ihnen hatten nichts als Müll im Inneren, aber noch offensichtlicher waren die Wände und Böden der meisten von ihnen aufgesprengt worden, sodass verdrehter Stahl, Beton und überall klaffende Löcher zurückblieben. Der Ort sah aus, als wäre er von Sprengkörpern getroffen worden; Raketen, Mörser oder etwas Ähnlichem.

Ich hatte nur sehr wenig Zeit, etwas davon zu sehen, bevor Sofia mich in eine der geschlosseneren kleineren äußeren Ruinen zog. Was von den Mauern übrig blieb, diente als Windschutz und Privatsphäre vor den Elementen. Wir ließen uns in der Nähe eines Überhangs aus gebrochenem Beton aus den Überresten des nächsten Stockwerks nieder. Sie riss uns ein großes Stück Dörrfleisch ab, das wir für all unsere Mahlzeiten gegessen hatten, sowie ein Stück trockenes, mehliges Brot, dem folgte ein Schluck Wasser aus einer Trinkflasche, das überraschend gut schmeckte.

Als die Kühle des Abends einsetzte, fröstelte ich, ohne es verhindern zu können. Es muss offensichtlicher gewesen sein, als ich dachte, denn eine Sekunde später saß Sofia direkt neben mir, legte ihre Schlafdecke um unsere Schultern und rutschte ganz nah an mich heran. Überrascht lächelte ich sie an, als sie sich ein wenig vorbeugte.

„Danke“, flüsterte ich ihr zu. „Ich weiß nicht, warum du so nett zu mir bist.“

„Danke mir nicht, Shay“, flüsterte sie zurück. „Ich mag dich. Du benimmst dich mir gegenüber nicht wie ein Arsch. So wie manche Jungs es tun.“

Carlos schnaubte von dort, wo er ein paar Meter entfernt saß, und warf uns einen vernichtenden Blick zu.

„Ignorier ihn. Er ist eifersüchtig, weil er kein Glück mit Mädchen hat. Das hatte er nie und wird er auch nie haben.“

„Glück?“ Er spöttelte höhnisch, als er jetzt sprach und seine Stimme begann, etwas lauter zu werden. „Du solltest deinem kleinen Freund dort von deinem eigenen Glück erzählen. Vielleicht wird er dich nicht mehr so sehr mögen, wenn er es weiß?“

Ich spürte, wie sich Sofia neben mir anspannte, und dann hob sie den Kopf leicht an und blickte ihren Cousin scharf an. „Du bist wirklich ein Arsch. Dazu kannst du gar nichts sagen!“

Dann drehte sich León auf der anderen Seite des ruinierten Bodens schnell um und unterbrach mit seiner dominanten Stimme die Diskussion. „Sofia, Carlos. Seid beide still.“

Carlos begann vorhersehbarerweise zu protestieren, dass ihm eine Antwort verweigert wurde, aber León sprach erneut, diesmal mit einem dringenden, wütenden, tiefen Zischen. „Carlos! Silencio!“ Dann, ohne ein weiteres Wort, winkte León uns allen zu sich. Sofia berührte meinen Arm und deutete mit dem Kopf zu ihnen hin. Sie zog mir die Decke weg, wir standen auf und gingen dorthin, wo León war. Er führte uns drei zu dem Betonkamm, von wo aus wir in der einsetzenden Dämmerung gerade noch zu den anderen Gebäuden dahinter blicken konnten.

Nicht mehr als 30 Meter entfernt und in trägem, schrägem Schritt zwischen den Gebäuden bewegten sich mindestens ein Dutzend … Kreaturen. Ich war mir nicht sicher, was sie waren, nur dass ich zwei Dinge wusste, sobald ich sie sah. Erstens, dass sie so anders waren als alles, was ich bisher auf Lucere gehört oder gesehen hatte, dass sie diesem Planeten fremd sein mussten.

Zweitens, dass sie Raubtiere waren.

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Heute mal ein etwas längeres Kapitel. Hier wird ein sehr wichtiger und niedlicher Charakter eingeführt, bleibt gespannt! :wink: Diese Geschichte ist schließlich auch eine Lovestory. Über einen Kommentar würde ich mich sehr freuen!

Kapitel 1: Etwas ganz anderes

Teil 8

Jedes Wesen war zweifüßig, humanoid geformt und spiegelte in etwa den Umriss einer Person wider, aber was war bereits das war bereits das Ende der Ähnlichkeiten mit Menschen. Die Körper waren schlank und wirkten muskulös, die Oberfläche war mit einer gesprenkelten Ansammlung sich überlappender grüner, schwarzer und brauner Plättchen bedeckt, Panzerstücke, die sich zu wellen und zu beugen schienen, während sich die darunterliegende Muskulatur sich bewegte. Der Kopf war etwas weiter nach vorne geneigt, als es bei einem Menschen üblich wäre, und der Schädel schien fast dreieckig zu sein. Wenngleich das Gesicht rau und ledrig zu sein schien, so waren die Augen fast unsichtbar, verborgen unter dem soliden Schutz eines dicken Stirnknochens. Der Kiefer und das untere Gesicht waren beinahe löwenartig oder zumindest katzenartig. In Kombination mit den vergrößerten Händen und Unterarmen und den Fingern, die in extrem unheilvoll aussehenden, messerscharfen Raubtierkrallen endeten, waren sie ganz eindeutig Raubtiere.

Eine mutierte Kreuzung zwischen einer Eidechse und einem Löwen. Auf Steroiden. Wenn ich hier mal lebend herauskomme …

Sie bewegten sich träge parallel zu unserem Standpunkt, kamen nicht näher, entfernten sich aber auch nicht viel weiter. Wenn sie alle paar Schritte anhielten, schnupperten sie in der Luft oder schauten sich aufmerksam um. Prüfend. Dann schleppten sie sich wieder vorwärts. Ihre Atmung war von uns aus hörbar, ein raspelndes, seufzendes, keuchendes Geräusch, das mich schaudern ließ. Genau wie bei einem Löwen. Ein menschenfressender außerirdischer Löwe in Menschengestalt aus einem Horrorfilm. Einfach brillant.

Leóns Hände auf unseren Schultern zogen uns vorsichtig zurück. Sein Flüstern war extrem leise, ich verstand mittlerweile sein Bestreben, möglichst keinen Krach zu erzeugen. „Sie kamen von Westen herauf, und ich bin sicher, dass sie von hier aus nach Norden ziehen werden, das Land begünstigt dies. Ich werde kein Risiko eingehen, wir müssen jetzt nach Osten aufbrechen.“ Er deutete mit einem Nicken in Richtung der hinteren Mauer und des dahinter liegenden Waldes. „Es gibt einen anderen sicheren Ort, von dem ich weiß, dass wir ihn erreichen können, bevor es zu dunkel wird, nicht allzu weit in diese Richtung“.

Wir alle nickten mit großen Augen mit den Köpfen. Carlos und León hielten nur inne, um die Decken und die wenigen Vorräte aufzusammeln, in Bündel zu schnüren und sie sich auf den Rücken zu werfen. Dann zog er uns wieder zu sich heran: „Wir gehen einer nach dem anderen. Zuerst ich, dann Carlos, dann Sofia, dann Shay. Wir können nicht zusammen gefangen werden, sonst werden wir alle sterben. Lasst eine Minute Zeit, bevor ihr der letzten Person folgt. Folgt der Mauer von diesem und dem nächsten Gebäude und lauft dann geduckt weiter, bis ihr bei den Bäumen seid. Lauft dann nach Osten, soweit ihr könnt, für eine ganze Weile. Ich werde warten.“

Dann schlich er zu dem, was uns als Eingang diente, warf einen Blick zwischen den zerbrochenen Betonfundamenten hinaus und schlüpfte nach draußen.

Kurze Zeit später drehte sich Carlos um, sah uns beide an, nickte knapp und folgte dem Weg seines Onkels nach draußen. Sofia blickte mich an, wir beide noch immer an der halben Mauer gehockt, zu nervös, um auch nur etwas anderes zu tun, als schweigend zu warten. Etwa eine Minute danach huschte sie nach vorne, küsste mich leicht auf die Wange, flüsterte „Viel Glück“ und war weg, bevor ich antworten konnte.

Jetzt war ich allein. Ich glitt an der Wand entlang und lugte aus der Öffnung nach draußen. Sie wussten noch nicht einmal, dass wir hier waren. Sie waren nur auf der Durchreise, auf dem Weg zu einem anderen Ort. Ich hatte nicht vor, dass sich das änderte. Die Wesen schienen sich allmählich zwischen den Gebäuden gen Norden zu schlängeln, genau wie León angenommen hatte, obwohl das nichts dazu beitrug, das Zittern zu beruhigen, das meinen Körper und meinen unregelmäßigen Atem ergriff. Es bräuchte nur eines von ihnen in diese Richtung zu blicken, und ich wäre … am Arsch.

Bitte, macht einfach weiter mit dem, was ihr gerade tut. Hier gibt es nichts zu sehen.

Schließlich, als ich die Wartezeit für lang genug erachtete, holte ich tief Luft, schlüpfte vorne heraus und begann, an der Wand des Gebäudes entlang zu kriechen. Mein Herz fühlte sich an, als würde es in meiner Kehle klopfen, und jedes Ein- und Ausatmen schien laut genug zu sein, um die Toten zu wecken, aber dennoch erreichte ich innerhalb von wenigen Sekunden den Rand des ersten Gebäudes, ohne entdeckt zu werden. Ich warf einen verstohlenen Blick über meine Schulter, zurück zu der Stelle, wo die „Patrouille“ gewandert war. Das Sichtfeld von dort, wo sie sich befanden, war nun fast vollständig durch Mauerwerk blockiert, und meine Nerven begannen sich zu beruhigen.

Nichts mehr. Keine Bewegung. Keine Veränderung. Sie scheinen ihren Weg fortzusetzen. Gut.

Dann konzentrierte ich mich wieder nach vorne, querte den Spalt zwischen den Gebäuden, und als ich an der Wand des zweiten Gebäudes entlang loslief, kam von links, aus Richtung Norden, ein leises, zitterndes Atemgeräusch.

Ich erstarrte.

Oh Gott.

Mit einer für die Größe überraschend weichen Bewegung sprang eines der Wesen von der bröckelnden Wand des Gebäudes gegenüber demjenigen, gegen das ich mich duckte, herunter, so still wie eine Statue. Es war etwas jünger als die anderen, nicht so massig. Ob wegen des verblassenden Lichts oder weil ich vollkommen stillstand und in den Hintergrund überblendete, sah es mich nicht. Es muss jedoch gewusst haben, dass ich in der Nähe war, denn es blieb stehen, hob den Kopf in die Luft und schnüffelte.

Da es sich nicht auf mich fixiert hatte, schaute es direkt an mir vorbei, zurück in die Richtung, aus der ich gekommen war. Es hielt in diesem Starren gut 30 Sekunden lang inne. Schätzend, berechnend, beobachtend. Dann schwang der Kopf umher, so geschmeidig wie ein Uhrwerk, und die Kreatur begann, in die genau entgegengesetzte Richtung zu starren.

Ein kalter Schauer fegte über mich hinweg. Das Ding ist verdammt schlau. Es weiß, dass ich hier bin. Es sucht noch nach mir, und das könnte meine einzige Chance sein. Ich ergriff sie, glitt vorsichtig an der Wand entlang, nicht mehr als drei Meter entfernt, zu einem intakten Eingang und rutschte ins Innere des Gebäudes. Gerade als ich es hineinschaffte, schwenkte der Kopf zurück. Bei der Durchsicht des Raumes fand ich nichts als Berge von Betonschutt, schweres geschweißtes Stahlgittergeflecht, das für die Konstruktion der Wände selbst verwendet wurde. Teile davon waren freigelegt und abgerissen, und zu meiner Überraschung sah in dem Gerümpel in der Ecke liegend: ein Brecheisen.

Gerade als sich meine Hand um das rostende Stück Stahl schloss, hörte ich ein hauchendes, zischendes Geräusch. Die Kreatur stand in der Türöffnung. Der Kopf war leicht zur Seite geneigt, und trotz der Dunkelheit war es nicht zu übersehen, dass es mich direkt anstarrte.

Oh. FUCK.

Der Kiefer öffnete sich, zwei Reihen gezackter Reißzähne erschienen in Sicht, und es zischte wieder etwas lauter. Dann begann es sich zu bewegen. Furchtbar schnell querte es den Raum, die rechte Kralle hob sich, um einen Hieb aus der Luft auszuführen, ich brachte das Brecheisen von neben meinem Körper herauf, nachdem ich es vorher so unauffällig wie möglich gehalten hatte. Ich weiß nicht, ob es reines Glück oder perfektes Timing war, ich weiß es nicht, aber die volle Wucht von ein paar Fuß soliden Eisens schlug seitlich auf dem Kopf der Kreatur ein und ließ den Angriff eine Millisekunde, bevor er mich erreichen konnte, völlig entgleisen, sodass die Kreatur um sich schlagend zu Boden ging.

Heilige Scheiße.

Vollkommen geschockt starrte ich es eine Sekunde lang an, als es vom unerwarteten Schlag verwirrt krampfte und zuckte. Dann setzte das Adrenalin ein. Steh nicht so da. Tu etwas, Shay. TU VERDAMMT NOCH MAL WAS. Ich packte eines der Stahlgitter, hob es wie von Sinnen hoch, ließ es über den Boden gleiten und warf es auf die Kreatur, wobei ich mit meinem ganzen Gewicht auf das Gitter warf. Es versuchte wieder zu stehen, aber das plötzliche Gewicht von mir und einem Haufen verschweißter Stahlgitter war zu viel, und wir stürzten wieder zu Boden.

Die Gliedmaßen hatten sich durch das Maschengitter verheddert und waren nutzlos, die Klauen konnten mich nicht erreichen, aber als es sich darunter durchkämpfte, stießen die Kiefer durch den Spalt und das Ding schnappte nach mir, stach und biss nach meinem Gesicht. Das Brecheisen wurde zu einem Knüppel, und ich versuchte, auf es einzustechen, ihm ins Auge oder an eine andere verletzliche Stelle zu schlagen, aber alles schien zu hart zu sein, um es zu durchdringen. Scheiße! Steck endlich einen verdammten Schlag ein!

Es drückte nach oben und versuchte, sich unter dem Gitter herauszubewegen oder sich zu befreien, und ich drückte nach unten und versuchte verzweifelt, es gefangen zu halten. Dann verhakten sich die Zähne bei einem Abwärtsstoß am Brecheisen, es riss es frei, schüttelte den Kopf und schleuderte das Teil quer durch den Raum. Gleichzeitig rutschte eine der umherirrenden Hinterklauen durch die Stangen und stach mir in den Unterschenkel. Ich keuchte, als mir ein heftiger Schmerz ins Bein schoss und ich das Gleichgewicht verlor, wobei ich halb vom Gitter herab rutschte, halb herunterrollte.

Kräftig buckelte die Kreatur und die Gitterstäbe drehten sich fast senkrecht, standen eine Sekunde lang aufrecht, bevor sie direkt auf mich kippten. Bevor ich überhaupt etwas tun konnte, waren unsere Positionen vertauscht, und das Gewicht der Kreatur lag auf dem Gitter, ihr Kopf drückte mit weitem Maul durch die nächste Öffnung. Meine Faust schlug wild auf die Schädelseite, als es buchstäblich versuchte, mir das Gesicht abzubeißen, doch die Schläge bewirkten nicht viel mehr, als dass der Kopf sich um ein Stück zur Seite flog und mich vor Schmerzen wieder keuchen ließ, wobei sich meine Knöchel durch die Schläge aufgeschlagen fühlten. Ich konnte nicht viel mehr tun, als beide Hände um den Kopf der Kreatur zu legen und zu versuchen, den Mund zuzudrücken. Es schlug um sich, schnaubte und krümmte sich, während ich seinen Kopf festhielt.

Stirb endlich, verdammt!

Dieses Ding war ein sich windender, spuckender Rachedämon. Nichts in der Natur war so absichtlich bösartig und grausam, und während ich versuchte, das Gefühl zu ignorieren, verwundet zu sein und keine Kraft mehr zum Kämpfen zu haben, lenkte ich all meinen eigenen Hass und meine Willensstärke wieder auf ihn zurück, als ob nur die Kraft des gerechten Zornes es zum Verstummen bringen könnte.

Dann geschah etwas, das ich nicht erklären konnte. Als ich dieses Ding nach unten fixierte und mit ihm ums Überleben kämpfte, strömte die nicht greifbare, nicht wahrnehmbare, pulsierende Energie, die ich in mir gespürt hatte und die sich seit meinem ersten Erwachen langsam aufgebaut hatte, aus mir heraus. Wie ein übernatürlicher, unsichtbarer Strom aus goldenem … Etwas brach sie hervor und floss in die Kreatur.

Es sprang zurück, als ob es von Säure verbrannt worden wäre, und löste sich aus dem Gitter. Es schüttelte den Kopf von einer Seite zur anderen, als wolle es sich von etwas befreien. Es wich von mir zurück und kratzte auf dem Beton, als es sich in die Ecke drängte. Mit zitternden Gliedmaßen brach es auf dem Boden zusammen, rollte sich eng ein, und hörte auf sich zu bewegen.

Erschöpft und blutig hob ich das Gitter an und stieß es von mir. Im Stehen humpelte ich zur hinteren Wand hinüber, setzte mich hin und lehnte dagegen, während ich noch einmal überprüfte, dass das reglose Ding in der hinteren Ecke wirklich tot war. Sieht ziemlich still aus. Gut genug für mich. Nicht, dass ich die Kraft hätte, es noch einmal zu bekämpfen, wenn es tatsächlich noch am Leben wäre. Dann zuckte ich zusammen. Scheiße, mein Bein tut höllisch weh. Ich sah auf die Wunde hinunter, die Kralle hatte ein en sauberen Schnitt durch mein Hosenbein und in meine Wade gemacht. Es war nicht halb so schlimm, wie es aussah oder sich anfühlte. Der Schnitt war ziemlich flach und blutete nicht sehr stark.

Ich hatte Glück gehabt. Mehr als Glück. Ich sollte tot sein, aber ich habe … etwas mit dem Ding gemacht. Ich weiß nicht, was ich getan habe, aber … aber ich bin am Leben.

Diese Gedanken spukten in meinem Kopf, zu erschöpft, um etwas anderes zu tun, als einfach nur dazusitzen und mich an die Wand zu lehnen. Als das Adrenalin schlussendlich nachließ, schlief ich ein.

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Heyyy Leon,

Tut mir leid, dass ich erst jetzt kommentiere.
Hatte viel zu tun und es gibt hier im Moment ja einiges zu lesen :wink:

Wow, was für eine Wahnsinnige tolle Geschichte bis jetzt :relaxed:

Die Detailreiche Beschreibung der Umgebung, der Menschen/Charaktere und der Kreatur ist echt atemberaubend schön :slight_smile:

Ich fand es bereits sehr interessant, als der Doktor etwas hatte, womit er Shay heilen konnte. Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, ob es gut gehen würde und welche Folgen es haben wird. Erinnert mich immer an Filme, wo etwas neues ausprobiert wird und es dann total schief geht. Wenn ich mir vorstelle, ich würde dort in den Arztzimmer sitzen, mein Freund wäre bei mir, alles ist normal, dann wache ich auf und ist alles wie in einer Apokalypse und mein süßer schnuckeliger Freund wäre weg, ich würde heulen. Ich wüsste nicht wie ich reagieren würde :sob::sob:

Mir würde es nur eines machen. Angst.

Die Spanier scheinen ja sehr merkwürdig zu sein. Mit dem Namen Carlos, hast du wieder in die Klischeekiste gegriffen oder? :wink:
Sofia ist mir bis jetzt am sympathischen. Sie hat einen sehr schönen Namen und scheint auch sehr hübsch zu sein.

Mir wurde richtig Angst und Bange, als das Tier auf Shay losging. Zum Glück konnte er sich retten und eine Art Superkraft einsetzen und sich so retten. Mich erinnert die Geschichte an ein Spiel. Dort wurden Menschen durch eine Cordyceps-Pilzinfektion zu Menschen, die willenlos wurden und andere Menschen durch Bisse versuchten zu töten oder auch zu Zombies zu machen. Sie hatten auch eine Art Panzerplatten, die durch die Pilzinfektion entstanden. Dort wurden sie auch nach und nach größer und verändert ihr Aussehen. Die Städte und Landschaften waren auch zerstört und überall lag Schutt herum und vieles war kaputt. Es gibt einige Parallelen zu dem Spiel, weshalb mir deine Geschichte sehr gut gefällt und ich mich gut hineinversetzen kann.

Ich freue mich auf weitere Kapitel :slight_smile:

LG Knutschkugel

Huhu Knutschkugel,

ich hab mich sehr über deinen Kommentar gefreut! Anscheinend liest die Geschichte doch jemand. :smiley:

Ja, der originale Autor der Geschichte (Stellar) hat wirklich eine atemberaubende Fähigkeit, Dinge bildlich zu beschreiben. Ich hoffe, das kommt in dieser Übersetzung ansatzweise rüber. :slight_smile:

Zum Glück hat Shay von zuhause nicht viel mehr als seine Krankheit und seine Eltern mitgebracht. Und anscheinend wurde er geheilt, er hat also mehr, als jemals zuvor. ^^

Carlos ist schon seeehr ein Klischee, das stimmt. :smiley: Aber solche Leute trifft man leider immer wieder.
Sofia ist wirklich toll. Sie erinnert mich ein bisschen an meine Schwester, die auch Sophia heißt. ^^

Oh, das Spiel klingt wirklich sehr ähnlich. Wie heißt das denn?

So, dirzuliebe gibt es auch gleich das nächste Kapitel hinterher. :wink:

LG Iroc

Kapitel 1: Etwas ganz anderes

Teil 9

Ich muss die ganze Nacht geschlafen haben, denn als ich am nächsten Morgen erwachte, drang langsam ein sanfter Lichtstrahl durch das östliche Fenster herein. Ich gähnte und rieb mir die Augen. Hoffentlich habe ich nicht zu arg geblutet. Um die Einstichwunde an meinem rechten Bein herum war eine Kruste aus getrocknetem Blut, und es fühlte sich steifer an als das andere. Es wird unbequem weiterzulaufen, aber etwas Zeit, vielleicht ein oder zwei Tage, und es sollte wieder in Ordnung sein.

Ich bewegte meinen Rücken und streckte mich, mein Körper schmerzte überall. Als ich meinen Kopf hin- und herdrehte, um mich zu entspannen, wanderte mein Blick in die Ecke des Raumes, in der sich die Kreatur befand. Nur, dass die Kreatur nicht da war.

Nicht ganz.

Was …

Angesichts der erstaunlichen Dinge, die mir in den letzten Tagen widerfahren waren, hätte ich vielleicht nicht überrascht sein sollen. Doch Überraschung hätte nicht ausreichend beschrieben, was ich hier sah. Mein Gehirn brauchte ein paar gute Sekunden des Anstarrens, um meine Augen einzuholen. All dies, weil genau an der Stelle, an der ich die Kreatur zuletzt gesehen hatte, in der genauen Position, in der sie lag, in genau derselben Haltung, etwas anderes war.

Ein menschliches Wesen.

Ein Junge.

Es ist zwar kein Geheimnis, dass Amerikaner schneller „auf first name basis“ bzw. per du sind als Deutsche, aber in so förmlichen Kontexten ist das doch etwas ungewöhnlich – andererseits ist das hier ja auch eine Science-Fiction-Geschichte und das kann sich mit der Zeit etwas geändert haben

Das erinnert mich an Stasiskapseln :thinking:
Es könnte aber auch zum Feld der Cryotherapie gehören

Die Behauptung kann ich bestätigen

Wem sagst du das? ^^

Ja, das könnte möglicherweise ein klein wenig auf Die Herrschaft des Feuers abgefärbt haben :stuck_out_tongue_winking_eye:

LG Zuri

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Hey Zuri,

vielen Dank für deinen Kommentar! :slight_smile:

Natürlich, die Zeiten sind fortgeschritten und mit dem aktuellen Trend zur Informalität wird es bis dahin vermutlich noch informeller werden. Weiterhin habe ich auch jetzt schon beobachtet, dass Erwachsene viel schneller per du sind, wenn sie über ihre Kinder reden.

Aus dem weiteren Verlauf ergibt sich, dass es ein bisschen was von beidem ist. ^^

So, weiter geht’s gleich mit dem nächsten Teil! :slight_smile:

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Kapitel 2: Nicht mehr träumen

Teil 1

Als Teenager in der ersten Hälfte meiner Teenagerjahre hatte ich bereits vieles ertragen, was über die „normale“ Erfahrung anderer in meinem Alter hinausging. Die meisten dieser Erfahrungen waren keine, die ich als positiv empfand; viele waren sehr negativ und zerstörend für mein Leben. Einige waren absolut schrecklich. Einige waren für ein ruhiges Kind aus einem abgeschiedenen Vorstadthintergrund äußerst seltsam und äußerst nervtötend.

Doch in diesem Moment konnte absolut nichts mit der schieren surrealen Absurdität des Augenblicks verglichen werden. Stase? Definitiv seltsam. Ruinen verfallener Gebäude, keine Menschen? Bizarr und beunruhigend. Krankheiten und seltsame mutierte Kreaturen? Äußerst merkwürdig und mehr als nur ein wenig furchteinflößend. Doch wenn man sieht, wie aus diesem bösartigen, animalischen, wahrscheinlich außerirdischen Mutanten-Ding ein richtiger Mensch wird, ein Junge?

Das übersteigt alles, was ich beschreiben könnte.

Ist das echt? Ich schätze, ich muss für eine gute Minute oder länger in einem Zustand des mentalen Schocks gefangen gewesen sein. Dieser Gedanke schoss in einer sich wiederholenden Schleife durch mein Gehirn, wobei das sprichwörtliche geistige Auge nicht über das hinauskam, was vor mir zu liegen schien.

Ist es tatsächlich das, was ich sehe? Wie das? Nur … wie kann das sein?

Dennoch, es lag sprichwörtlich vor meinen Augen.

Als meine Koordination sich entschied, sich wiederherzustellen, und ich aufstand und ein paar zitternde Schritte zu der bewegungslosen Gestalt machte, war alles bis ins kleinste Detail vorhanden. Was ich sah, attackierte meine Sinne und meinen Verstand und rebellierte selbst nach einer Pause der Rationalität gegen die Idee. Es lehnte ab, was eindeutig offensichtlich schien. Das ist unmöglich. Völlig unmöglich! Das Ding kann keine Person geworden sein. Es gibt KEINE Möglichkeit! Wie …

Die Wahrnehmungen, die meine Sinne von dieser außergewöhnlichen Szene durchdrangen, haben diese Idee als nichts weiter als eine Illusion zerstört. Da war ein schwacher, aber anhaltender kränklicher Geruch, fast sauer und leicht beißend, der viel stärker wurde, als ich näherkam. Der Boden um den Jungen herum sah feucht aus und hatte eine dunklere Farbe. Es schien kein Blut zu sein, oder vielleicht war es in der Biologie der Kreatur Blut. Was auch immer es war, es durchtränkte den Beton und Kies, auf dem er lag, und obwohl es sich größtenteils aufgelöst hatte und sich während der Nacht oder der Morgenwärme verflüchtigt hatte, sah das, was übrigblieb, klebrig und leicht zähflüssig aus. Wiederum wie Blut, nur war es keine mir bekannte Art von Blut.

Auf dem Boden lagen auch Stücke von Panzerplättchen. Sie waren über seine leblose Form verstreut, als ob sie direkt von seinem Körper gefallen wären. Doch keine ganzen Stücke, sondern nur Scherben. Gesprungene Hälften, gebrochene Enden. Fragmente und Splitter. Die Überreste einer Kreatur, die existierte, aber nun verschwunden schien, hinterließen … das hier. Ein Junge. Eine verdammte PERSON. Was zum Teufel ist auf diesem Planeten passiert?! Warum ist das … wie ist das …

Meine Gedanken blieben wieder einmal stehen. Ich schloss meine Augen und hielt inne. Tief durchatmen. Dies ist kein Traum. Es geschieht wirklich. Konzentriere dich einfach. Bleib ruhig.

Wie ging es jetzt weiter? Nachsehen, ob er lebte oder tot war? Er sieht nicht tot aus. Er sieht nur aus, als würde er schlafen. Wie ein wirklich tiefer Schlaf, vielleicht ein Koma. Sein Rücken war mir zugewandt, auf dem ein schmutzig aussehender Rückstand, eine wenig einladende grün-graue Paste, verschmiert war. Ich konnte nicht viel mehr sehen, da er mit dem Gesicht nach unten lag, aber es sah aus, als klebte sie auch auf seinen Schultern. Wahrscheinlich überall auf ihm.

Es ist, als wäre die Kreatur einfach völlig weggeschmolzen. Als hätte ich Weihwasser auf einen Dämon geworfen und das Böse verbrannt, um etwas Reines zurückzulassen. Ein Mensch …

Dann murmelte er, ein Geräusch des Erwachens. In einer einzigen fließenden Bewegung gab es einen fast augenblicklichen Übergang vom Unbewussten zur Wirklichkeit, in all ihrer unausweichlichen Herrlichkeit. Er drehte sich um, setzte sich auf und öffnete die Augen. Ich blieb, wo ich war, verdammt ängstlich, wie erstarrt, als ich nur einen Fuß entfernt vor ihm kauerte. Zuerst starrte er ins Leere, aber dann konzentrierte er sich.

Auf mich.

Keine Reaktion.

Sein Mund öffnete sich, der Kiefer erschlaffte. Dann sah er nach unten, auf seinen eigenen Körper. Er hob die Arme, drehte die Hände um, die Finger zuckten in der Luft, immer noch ausdruckslos, still. Dann traf es mich. Er ist verwirrt von all dem. Es ist neu für ihn. Völlig neu für ihn. Er sieht das vielleicht zum ersten Mal. Vielleicht zum ersten Mal überhaupt?

Dann wandte er sich wieder mir zu, um mich anzustarren. Mit großen Augen. Verängstigt. Völlig verwirrt. Ängstlich. Seine Brauen gerunzelt, seine Schultern beginnen zu zittern. Er hat vor all dem genauso viel Angst wie ich. Dann erhob sich sein Brustkorb, und er atmete ein, wobei sich sein Mund in der unverkennbaren Bewegung von jemandem, der gleich so laut schreien wird, wie er kann, weiter öffnet.

Ach du Scheiße. Nein … nein!

Ich stürzte vorwärts, meine Hand klatschte auf seinen Mund, der Körper schnellte nach vorne im Rhythmus der Annäherung. Der Ton wurde abgeschnitten, blieb mitten im Schrei stehen, und er erschrak bei der unerwarteten Berührung. Seine Augen zitterten vor zerrissenen Emotionen und begannen mich anzustarren, als ich meine Hand so sanft zurückzog, wie ich es konnte.

Bitte! Ich flehte ihn schweigend an. Bitte nicht schreien. Ich weiß nicht, was ich hier tun soll. Bitte sei einfach okay. Das drang scheinbar zu ihm durch, denn seine Augen begannen jedes Detail meines Gesichts aufnahmen und scannten immer wieder hin und her. Ich nahm einen Platz in seinem Kopf ein, der sich unumkehrbar in sein Gedächtnis einprägte. Warum zum Teufel sollte es ihm auch nur annähernd gut gehen? Würde es mir an seiner Stelle auch nur annähernd gut gehen? Wie würde es sich anfühlen, aufzuwachen und dass alles völlig fremd und anders ist, dass man bis zu diesem Moment nichts mehr weiß?

Nun, in gewissem Sinne weiß ich, wie sich das anfühlt.

Ich versuchte zu lächeln. Ich tat mein Bestes, um ein aufrichtiges, zufriedenes, alles-wird-wieder-okay Lächeln aufzusetzen. Beruhige ihn. Gib ihm keinen Grund, sich zu fürchten. Zögernd glitt meine linke Hand über seinen Rücken, ohne darüber nachzudenken, und er zitterte. Das Gefühl von gummiartigen, schmutzigen Rückständen und Flecken perfekt glatter Haut unter meinen Fingerspitzen wurde sofort unterbrochen, als er nach meinem Hemd griff. Das Material ballte sich zusammen, als die Faust hervorschnellte, und ich dachte einen Moment lang, er wolle mich zu sich ziehen. Dann war es offensichtlich, dass er das Gegenteil beabsichtigte, und er klammerte sich an mich, die Tränen flossen, als er sich von meinem Gesicht losriss, der Blickkontakt brach ab. Er schmiegte sich eng an mich, rollte sich zusammen und drückte sich in meine Seite wie ein verlorenes Kätzchen auf der Suche nach Wärme und Geborgenheit, mein Arm fiel locker über seine fernere Schulter.

Einfach atmen. Nicht aufregen, nicht ängstlich sein. Einfach nur atmen. Ich war mir nicht sicher, ob das Mantra in meinem Kopf zu seinem oder zu meinem Nutzen war. Aber das spielte keine Rolle. Das Gefühl der Zugehörigkeit, das Wissen, dass sich jemand anders genauso verloren, genauso entfremdet fühlte, war überwältigend. Die Intensität des Gefühls war stark, und meine Fassung bröckelte, die Fassade der Unterstützung verschwand. Ich zog ihn enger an mich und legte meine Wange in sein Haar. Ich fühlte mich verbunden. Auf eine Art und Weise verbunden, wie ich mich schon lange niemandem mehr verbunden gefühlt hatte, nicht einmal meiner eigenen Familie.

Verbunden …

Dann begann auch ich zu weinen.

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