Gemini

Moin Jungs!

wie bereits versprochen, veröffentliche ich natürlich Gemini hier wieder. Ich habe mich entschieden, das ganze Stück für Stück im 1-2 Wochenrhythmus zu posten. Vielleicht hat ja der eine oder andere Zeit und Lust, noch einmal die Geschichte zu lesen und auch zu kommentieren. Dann wirkt das ganze für zukünftige Leser nicht so wie eine Wand aus Buchstaben, sondern ist ein bisschen aufgelockert mit euren Meinungen. :slight_smile: Außerdem komme ich so selber wieder einmal dazu, die Geschichte zu lesen. Als ich damals das Buch fertig hatte, hing mir das alles nur noch zum Hals heraus. :laughing:

Auf jeden Fall würde es mich sehr freuen, wenn der eine oder andere das hier wieder mitverfolgt. Wenn ich euch im aktuellen Durcheinander meines Lebens vergesse, erinnert mich gerne daran, dass der nächste Teil ansteht. Der Vorteil ist dieses Mal, dass es garantiert fertig wird. :wink:

Achtet bitte darauf, falls ihr das Buch schon habt, bzw. die Geschichte schon kennt, keine Spoiler in Bezug auf zukünftige Kapitel zu posten.

Viel Spaß beim Lesen!

Gemini

Prolog

Sie schritt langsam durch die verlassenen Straßen von Albany. Der Geruch von Rauch, Bier und Erbrochenem hing immer noch in ihrer Nase. In ihren Armen trug sie zwei kleine Bündel, von denen hin und wieder leise Geräusche zu hören waren, die die friedliche Stille der Nacht durchbrachen.

Die beiden waren so wunderschön, so unschuldig. Sie hatte gehofft, Bill würde sich ändern und sein Leben endlich auf die Reihe bekommen, mit diesen zwei kleinen Seelen, die ihn brauchten. Er hatte es versprochen. Geklappt hatte das für vielleicht zwei, drei Tage. Dann kam sie von ihrer Arbeit als Reinigungskraft zurück und fand ihn auf dem Boden des Wohnwagens, wo er seinen Rausch ausschlief, umgeben von Bierflaschen und den weinenden Babys.

Sie hatte ihm eine zweite Chance gegeben, aber das Einzige, was das gebracht hatte, waren die blauen Flecken, die jetzt ihren Körper verunstalteten. Als er in dieser Nacht wieder anfing zu trinken, starb ihr letzter Funke Hoffnung. Sie liebte die kleinen Jungen und hatte sie aufwachsen sehen wollen, aber ihr wurde klar, sie konnte ihre Kinder nicht mit dem versorgen, was sie brauchten; eine sichere Umgebung und genug Geld fürs Essen, Kleidung und Bildung. Als sie schwanger war, wusste sie, dass es schwierig werden würde, aber Bill ging es besser und er hatte ihr ja schließlich versprochen, er würde alles für sie tun.

Nachdem er sie heute wieder geschlagen hatte, realisierte sie, dass es so nicht weitergehen konnte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis den Babys etwas passierte. Sie musste arbeiten gehen, also konnte sie nicht immer da sein, um sie zu beschützen. Sie schämte sich so sehr für ihr Versagen; hoffte, dass, wenn die Jungen aufwuchsen, sie verstünden und ihr verziehen.

Als sie vor der Feuerwache stand, schaute sie auf ihre Söhne herab und genoss den letzten Moment mit ihnen. Sie küsste die beiden sanft auf die Stirn und flüsterte ihnen zu: »Ich liebe euch.« bevor sie sie auf den Boden vor der Tür legte. Sie drückte die Klingel und entfernte sich eilig. Als sie ging, fingen die Babys an zu weinen und es brach ihr das Herz, aber sie stoppte nicht. Sie hatte keine Wahl. Von der nächsten Hausecke, etwa 50 Meter entfernt, beobachtete sie versteckt, wie sich die Tür der Wache öffnete und ein Bär von einem Mann sich hinkniete, um die Säuglinge aufzuheben. Der Zettel, den sie an eine der Decken geheftet hatte, verschwand in seiner Tasche und dann schaukelte er die Säuglinge sanft in seinen Armen.

Er las die auf die Decken aufgenähten Namensschilder und sprach beruhigend auf die Kleinen ein. Nach einem Moment hörten sie auf zu weinen und der Mann trug sie mit sich in die Feuerwache. Langsam fiel die Tür hinter ihm zu, bis sie sich mit einem lauten Klack schloss. Das Einzige von ihr, was jetzt noch in dem Leben der beiden verblieb, war der Zettel, den sie für den Feuerwehrmann geschrieben hatte.

Das sind Joshua und Jacob. Sie wurden am 3. Juli geboren. Bitte sorgen Sie dafür, dass sie ein warmes Zuhause und eine liebevolle Familie bekommen. Ich liebe sie sehr und werde sie nie vergessen.

Stille Tränen flossen über ihre Wangen, als sie sich umdrehte und die beiden hinter sich ließ.

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Hey Sammy,

willkommen zurück im Forum!
Ich freue mich sehr, dass du wieder da bist und deine tolle Geschichte nochmal mit uns teilst! :heart_eyes:

Ich nutze die Gelegenheit auch, sie nochmal von vorn zu lesen. Das letzte mal ist erst ein halbes Jahr her und hat mich damals nach langer Abwesenheit zurück zum forum geführt. :wink:

LG
Iroc

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Hey Sammy,

Ach Sammy, du solltest uns mittlerweile schon gut genug kennen, um zu wissen, dass das unsere Spekulationen nur noch mehr anregt :wink:

Das freut uns sehr. Die Geschichte war damals verdammt gut und ist es nach wie vor.

Wow, das ist wirklich herzzerreißend. Sehen die beiden ihre Mutter nochmal wieder? :cry:

Ich weiß, dass es einfacher ist, als getan, aber die Entscheidung ihrer Kinder wird ihr ebenso wenig leicht gefallen sein: Warum verlässt sie Bill nicht? Ist er ihr wichtiger als ihre Kinder?

LG Zuri

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Hey!

@Iroc

Ich nutze die Gelegenheit auch, sie nochmal von vorn zu lesen. Das letzte mal ist erst ein halbes Jahr her und hat mich damals nach langer Abwesenheit zurück zum forum geführt. :wink:

Da bin ich ja froh, dass ich so indirekt meinen Teil dazu beitragen konnte, dass du das hier jetzt mit aufbaust. :smiley:

@Zuri

Wow, das ist wirklich herzzerreißend. Sehen die beiden ihre Mutter nochmal wieder? :cry:

Das ist eine gute Frage. Nicht alles hat immer ein garantiertes Happy End. :wink:

Ich weiß, dass es einfacher ist, als getan, aber die Entscheidung ihrer Kinder wird ihr ebenso wenig leicht gefallen sein: Warum verlässt sie Bill nicht? Ist er ihr wichtiger als ihre Kinder?

Das ist natürlich immer so die Frage. Hier natürlich, weil es der Geschichte dienlich ist. :wink: Ich denke, dass viele Mütter das tendenziell auch machen würden. Aber manche stecken da halt so in der Situation drin, dass ein Entkommen nicht so einfach möglich ist, sei es tatsächlich oder mental. Sie geht ja grundsätzlich den richtigen Schritt damit, die Kinder abzugeben, wenn sie tatsächlich keine sichere Umgebung gewährleisten kann. Ich würde auf keinen Fall sagen, dass Bill ihr wichtiger ist. Wichtiger sind ihr die Jungs. Aber sie sieht halt keinen Ausweg aus ihrer Situation.

Beste Grüße
Sammy

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Da gebe ich dir absolut recht. War auch wirklich eine provokative Frage meinerseits. Und Opfer toxischer Beziehungen sind psychisch eben auch nicht unbefangen in der Situation.

Wer braucht schon Happy Ends? ^^

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Hey Sammy,

es freut mich, dass du deine Geschichte postest und im neuen Forum dabei bist :slight_smile:

Es ist immer traurig zu hören/lesen, dass es solche Familien gibt. Die Mutter tut mir richtig leid. Sie hat das einzig richtige getan. Andererseits, zu hoffen, dass Bill sich ändern würde, ist auch etwas naiv.

Du hast dir auf jeden Fall schöne Namen für die beiden ausgesucht :slight_smile:

Ich bin gespannt, wie es weitergeht :slight_smile:

LG Knutschkugel

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Hallo Knutschkugel,

es freut mich, dass du den Weg zu uns gefunden hast und dass du bei meiner Geschichte kommentierst! :slight_smile:

Bist du Erst-Leser oder kennst du die Geschichte schon vom alten Forum?

Ich sehe es auch so, dass es naiv ist, darauf zu hoffen, dass Bill sich ändert. Leider erkennen viele in der Situation das erst zu spät.

Beste Grüße
Sammy

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Hier der nächste Teil. Ich habe das ganze selber noch einmal gelesen und einige ganz kleine Veränderungen vorgenommen, nur falls sich jemand wundert, dass der Wortlaut nicht mit der Printversion übereinstimmt. :smiley:

Zur Freude des einen oder anderen poste ich dieses mal ganze Kapitel. Das gibt zwar weniger Möglichkeit, alles im Einzelnen zu diskutieren und zu spekulieren, aber ich finde es so einfacher.

Freue mich, wie immer, über eure Gedanken!

Josh

»Hey Arschloch!«

Ich festigte den Griff um den Träger meines Rucksacks und ging schneller.

»Dreh dich nicht um, geh weiter. Es sind nur ein paar Meter bis zur Tür und dann bist du auf dem Schulhof«, dachte ich panisch.

Parker packte mich von hinten an der Schulter. Es war ein lautes Scheppern zu hören, als ich gegen die Schließfächer geworfen wurde. Ich ließ es widerstandslos geschehen und glitt zu Boden. Als ich hochschaute, erwiderte ein Paar wütender Augen meinen Blick. »Was ist dein Problem?« wollte ich fragen, aber die Worte blieben mir im Halse stecken.

Jap. Das bin ich. Joshua Abraham Adams, fünfzehn Jahre alt, ein Schwächling und ein Feigling obendrein. Besonders beliebt war ich offensichtlich auch nicht. Vor einem Jahr waren die Dinge schon nicht optimal, aber seitdem wir nach Albany gezogen waren, wurde es noch viel schlimmer. Ich wusste von Anfang an, dass dieser Umzug eine schlechte Idee war, aber meine Meinung interessierte meine Eltern sowieso nicht. »Albany wird dir gefallen«, hatten sie gesagt. »Du bist dort geboren. Es ist eine schöne Stadt.« Aber seit dem ersten Schultag, an dem Parker mich zu seinem neuen Lieblingsopfer ernannt hatte, hasste ich diese Stadt.

»Was guckst du so blöd, Loser?« blaffte Parker mich an. Vor einem Jahr hatten die wenigen Freunde, die ich hatte, mich Josh oder J genannt. Hier war ich nur Arschloch Loser oder Adams, aber nur wenn ich Glück hatte. Es war selten, dass mich überhaupt jemand ansprach. Seit Parker es auf mich abgesehen hatte, wollte niemand riskieren, etwas mit mir zu tun zu haben. Parker war stark und groß, genaugenommen mehr als einen Kopf größer als ich. Und er war ein unberechenbarer Scheißkerl.

Ein starker Schmerz in meiner Schulter riss mich aus meinen Gedanken. »Wenn ich dich rufe, Arschloch, dann solltest du besser hören.« Er hob die Faust um mich noch einmal zu schlagen. Ich schloss meine Augen und versuchte mich auf das Unausweichliche vorzubereiten. Dann hörte ich wie sich eine Tür öffnete und jemand begann, die Treppe herabzusteigen.

»Heute ist dein Glückstag, Adams; aber ich bin nicht mit dir fertig. Ich bekomme Geld von dir. Fünfzig Dollar. « Parker griff mich noch einmal, zog mich hoch und knallte mich mit einem weiteren lauten Scheppern in die Schließfächer hinter mir. Danach drehte er sich um und entfernte sich lockeren Schrittes, als ob nichts gewesen wäre.

Mit meinem Rücken an den Metalltüren hinter mir schob ich mich hoch, griff meinen Rucksack, der zur Seite geschleudert worden war, und versuchte mein T-Shirt zu glätten. Ich war immer noch dabei, den Schock abzuschütteln, als Mr. Fisher von den Treppen in den Flur kam.

»Josh, was machst du denn noch hier? Hast du nicht schon längst Schluss?« Er lächelte mich an. Mr. Fisher war einer der wenigen Leute in dieser Schule, die mich zu mögen schienen. Die meisten der anderen Lehrer bevorzugten es, ihre Distanz zu den Schülern zu halten.

»Oh, ich war einfach nur in Gedanken versunken, und dann stand ich hier und na ja…« Ich verstummte und hoffte, er bemerkte nicht, wie aufgewühlt ich war. Ich hätte ihm erzählen können, was passiert war, in der Hoffnung, es würde helfen, oder aber ihn fragen, ob er nichts gehört habe, aber er war Geschichtslehrer und er war komisch. Er war vermutlich irgendwo zwischen der Unabhängigkeitserklärung und dem Bürgerkrieg stecken geblieben. Wenn es um den Geschichtsunterricht ging, war Mr. Fisher ein Genie, aber er nahm nicht viel von dem wahr, was um ihn herum passierte und die meisten Schüler nahmen ihn nicht besonders ernst.

Er war mir gegenüber zwar freundlich eingestellt, aber er war geistig zu abwesend, um mitbekommen zu haben, was stattgefunden hatte; falls er überhaupt gehört hatte, wie ich gegen die Schließfächer geworfen worden war. Ihm zu erzählen, was los war, würde auch nicht helfen. Ich würde ihm leidtun, aber es gab nichts, was er tun konnte. Selbst wenn, Parker würde einfach nach der Schule auf mich warten. Es war besser zu schweigen und mich nicht mehr als unnötig zu blamieren.

Wir verließen das Gebäude und ich hielt die Tür für ihn auf. Nachdem ich ihm einen schönen Tag gewünscht hatte, machte ich mich auf den Weg nach Hause. Ich hatte gerade erst das Schultor passiert, als die Begegnung mit Parker wieder in meinen Gedanken auftauchte. Anscheinend hatte Parker mich jetzt als Geldquelle entdeckt. Das war neu. Glaubte er ernsthaft, ich würde ihm Geld geben, nur um ihn loszuwerden? Ich dachte einen Moment darüber nach und entschied, dass wahrscheinlich das Gegenteil der Fall wäre und er dann eher mehr forderte. Wenigstens war es Freitag, also war ich ihn für ein paar Tage los.

Mein Heimweg war nicht allzu lang und nach zwanzig Minuten zwecklosen Nachdenkens über das Problem mit Parker, erreichte ich mein verlassenes Zuhause. Meine Eltern waren nur selten vor dem Abendessen da und manchmal blieben sie tagelang weg.

Wir hatten eine Hilfskraft, Philip, aber ich mochte ihn nicht und ihm schien das mit mir nicht anders zu gehen. Offiziell war er angestellt, um das Haus sauber zu halten, einzukaufen und so weiter. Inoffiziell war es vermutlich sein Job, sicherzustellen, dass ich ein lieber kleiner Junge war, mich benahm und wahrscheinlich auch, meinen Eltern alles zu berichten, was ich tat.

Es war nicht besonders wahrscheinlich, dass ich wilde Partys schmiss, während meine Eltern außer Haus waren. Immerhin hatte ich keine Freunde mit denen ich das hätte machen können.

Gewöhnlich war Philip hier, wenn ich nach Hause kam, aber heute war er anscheinend gerade weg, einkaufen. Ich trottete in meinen Raum, warf meinen Rucksack in die Ecke und machte meinen Computer an. Facebook und E-Mails checken… nichts Neues. Was hatte ich auch erwartet?

Die wenigen Freunde, die ich vor dem Umzug hatte, blieben für eine Weile in Kontakt mit mir. Über die Zeit waren die Nachrichten kürzer geworden und irgendwann hörten sie ganz auf. Immerhin gab mir das mehr als genug Zeit, meine Hausaufgaben zu erledigen.

Danach las ich für gewöhnlich oder surfte im Internet. Wenn ich etwas fand, zum Beispiel ein Wort, welches ich nicht kannte oder welches interessant klang, endete das für gewöhnlich in langen Nachforschungen auf Wikipedia oder Google. Deswegen wusste ich vieles, was meine Mitschüler noch nie gehört hatten. Ich lernte nicht den ganzen Tag, um gut in der Schule zu sein; ich las einfach viel, weil ich mich für vieles interessierte.

Meine einzige andere Leidenschaft war das Schwimmen. Ich war durchschnittlich groß, schlank und hatte kaum Muskeln, aber sobald ich ins Wasser sprang, war ich wie ein Fisch. Das Einzige, wobei ich wirklich entspannen und meine Gedanken gehen lassen konnte, war, wenn ich Bahn um Bahn schwamm.

Um etwa halb sechs duschte ich schnell, zog frische Kleidung an und verließ mein Zimmer, um Abendbrot zu essen. Meine Eltern waren zwar normalerweise den ganzen Tag unterwegs, aber das gemeinsame Abendessen war ihnen besonders wichtig.

»Hallo Joshua«, grüßte mich meine Mutter, als ich den Raum betrat. »Wie war dein Tag?«

Ihr Ton war nicht gerade liebevoll, eher flach und ohne wirkliches Interesse. Geschäftsmäßig würde es am besten beschreiben, denke ich. Sie nannte mich Joshua. Nicht Josh, und auch nicht Joshi, wie früher, als ich noch klein war. Immer nur Joshua.

Ich setzte mich, während ich ihr antwortete. »Wie immer, ist nichts Besonderes passiert. «

»Wie war deine Mathematikklausur?« Mit anderen Worten: »Hast du eine Eins bekommen?« Das einzige, was meine Eltern wirklich interessierte, war Image; und meine Leistung in der Schule war ein Teil davon. Man muss verstehen, meine Eltern waren wahrscheinlich nicht gerade durchschnittlich. Die Familie meines Vaters war seit Generationen in der Waffenindustrie und er war sowohl Politiker als auch Firmenchef. Meine Mutter konnte ihre Blutlinie zu den Gründervätern zurückverfolgen und fehlte auf keiner politischen Veranstaltung ihres Ehemannes. Beide waren sehr religiös und erzkonservativ. Manchmal kam es mir so vor, als wüchse ich in den 50ern auf, nicht im 21. Jahrhundert.

»Ist gut gelaufen, ich habe eine Eins bekommen«, gab ich ihr die Antwort, die sie hören wollte und versuchte zu lächeln.

Mein Vater kam direkt von seinem Arbeitszimmer ins Esszimmer, in Anzug und Krawatte, wie immer. Er setzte sich und seufzte. Ich denke, viele würden meinen Vater als furchterregend beschreiben. Wir waren total verschieden. Er war groß und übergewichtig, während ich klein und schmal war; er war stark und ich war schwach. Er fragte nicht, er verlangte. Ich glaube, als er in meinem Alter gewesen war, hatte er sich definitiv wie Parker und nicht wie ich verhalten. Während ich schüchtern und höflich war, passte für ihn eher das Wort ›Tyrann‹.

Er sah aus, als ob er schon den ganzen Tag über etwas wütend gewesen wäre, versuchte aber sich zu kontrollieren und wendete sich mir zu: »Joshua, wie läuft’s in der Schule?« Ganz schlechtes Thema. Ein einziges Mal, erst neulich, hatte ich den Mut aufgebracht, meinen Eltern zu erzählen, was wirklich in der Schule los war. Ich war noch keine zwei Sätze weit gekommen, als mein Vater anfing einen Vortrag darüber zu halten, dass ich endlich erwachsen werden und meinen Mann stehen solle, anstatt herumzuheulen. Ich solle für mich kämpfen und nicht einfach so aufgeben.

Ich hatte versucht, ihm zu erklären, dass es nicht so einfach sei, Parker wog doppelt so viel wie ich, aber er wollte nichts davon hören. Seitdem hatte ich das Thema nie wieder angesprochen.

»Alles in Ordnung«, antwortete ich ihm knapp. Er nickte nur, um zu signalisieren, dass dies alles war, das er hören wollte. Dann sprach er ein kurzes Tischgebet. Das Abendessen verlief überwiegend in drückender Stille. Ich aß so schnell es ging und verließ den Raum, sobald die Regeln der Höflichkeit es zuließen.

Als ich meinen Raum betrat, entschied ich, dass ich unbedingt wieder schwimmen gehen müsse. Der luxuriöse Pool des privaten Schwimmclubs, zu dem ich normalerweise ging, war seit Anfang der Woche aufgrund von Renovierungen geschlossen. Fünf Tage ohne Schwimmen waren viel zu lang und zwischen der Schule und meinen Eltern fühlte ich mich mehr wie ein Gefangener, als wie ein freier Mensch.

In genau dem Moment, in dem ich das dachte: »Joshua, hast du deine Hausaufgaben schon gemacht? Brauchst du noch Hilfe mit irgendetwas?« Ich war so überrascht, ihn hinter mir sprechen zu hören, ich sprang beinahe an die Decke. Philip klopfte nie. Das hasste ich, aber es brachte nichts, sich zu beschweren, und meine Eltern kümmerte es auch nicht.

Er hoffte vermutlich, dass er mich irgendwann einmal beim Wichsen erwischen würde, oder so etwas. Irgendwie hatte ich bei ihm ein schlechtes Gefühl. Er verhielt sich zu merkwürdig und zu interessiert an mir, als dass ich es wagen würde, ihm zu vertrauen.

Ich drehte mich um und sagte ihm knapp, dass ich bereits alles erledigt hätte. Er nickte und schaute ein bisschen enttäuscht, als ob er gehofft hatte, einen Grund zu finden, mehr Zeit mit mir zu verbringen, aber verließ letzten Endes den Raum. Ich seufzte und drehte mich zurück zu meinem Computer. Das sollte die letzte Unterbrechung für den Tag gewesen sein.

Nach kurzer Suche im Internet fand ich das nächstliegende Freibad und druckte mir eine Karte mit dem Weg. Obwohl wir letzten Sommer hierhergezogen waren, kannte ich mich immer noch kaum aus. Ich konnte meinen Weg zur Schule, zum Einkaufszentrum und zur Bibliothek finden, und mehr brauchte ich nicht.

Als ich fertig war, verbrachte ich den Rest des Abends mit Lesen und Videos auf YouTube. Um Mitternacht herum fuhr ich den Computer herunter und zog mich komplett aus. Ich hatte mein eigenes Badezimmer und um diese Zeit brauchte ich mir keine Sorgen machen, dass irgendwer mein Zimmer betreten würde. Philip war weg und meine Eltern schliefen.

Ich war gewöhnlich eher schüchtern und wollte nicht nackt gesehen werden, aber wenn ich alleine in meinem Zimmer war, genoss ich das das Gefühl von Freiheit. Es war, als ob ich etwas Illegales oder Unangemessenes tat; etwas das niemand von mir erwarten würde. Ich weiß, das klingt vermutlich komisch, aber ich konnte nichts dafür, ich fühlte mich halt so.

Ich hätte sogar nackt geschlafen, aber ich konnte mein Zimmer nicht abschließen und wollte kein Risiko eingehen. Philip weckte mich manchmal morgens auf und ich wollte definitiv nicht, dass er mich so sah, denn wenn ich Pech hatte, und zu verpeilt oder zu müde war, dann zog er mir manchmal die Decke weg. Er tat das sogar an Wochenenden, wenn meine Eltern mal wieder vergessen hatten, mir irgendetwas Wichtiges rechtzeitig mitzuteilen. Genaugenommen sagen sie mir so gut wie nie vorher Bescheid, wenn es etwas gab, bei dem ich sie begleiten musste.

Sie behandelten mich, als ob ich immer noch ein kleines Kind sei. Daher wusste ich nie, wann er in mein Zimmer kommen würde, um mich zu wecken. Nackt zu schlafen war also keine gute Idee, aber immerhin konnte ich, bevor ich schlafen ging, einige Minuten so herumrennen.

Selbst wenn ich nicht der echte Mann war, der ich laut meinem Vater sein sollte, schaffte ich es wenigstens, das perfekte Kind zu sein. Ich versuchte so gut zu sein, wie ich nur konnte. Ich spürte, dass sie mich nicht liebten, aber ich versuchte alles in meiner Macht stehende, um ihre Erwartungen zu erfüllen. Vielleicht würde das ihre Gefühle mir gegenüber ändern? Ich hatte nur Einsen in der Schule, kam meinen Eltern nie in die Quere und machte nie etwas falsch oder bereitete Probleme.

Meine Eltern hatten nicht einmal eine Ahnung, dass ich fähig war, sexuelle Gefühle oder Gedanken zu haben, und dass war auch besser so. Sie waren so konservativ, wenn es möglich gewesen wäre, hätten sie wahrscheinlich sogar eine Gesetzesinitiative gestartet, um Sex nach der Ehe zu verbieten.

Nachdem ich meine Kleidung abgelegt hatte, ging ich in das Badezimmer und begann meine Zähne zu putzen. Währenddessen schaute ich in den Spiegel und fragte mich, was falsch mit mir war.

Schlecht sah ich nicht aus. Ich hatte nicht einmal Pickel. Ich fuhr mit meiner rechten Hand durch mein dunkelbraunes, stets leicht strubbeliges Haar. Als ich jünger war, hatte mein Vater immer sichergestellt, dass ich eine militärische Kurzhaarfrisur hatte. Dann hatte Philip ihn irgendwie überzeugt, dass mir das nicht stand. Ich habe keine Ahnung, wie er das geschafft hat, oder warum er das tat. Wahrscheinlich bevorzugte der Perversling Jungen mit langem Haar. Ich hatte aber auch nichts dagegen, mir gefielen meine Haare besser, seit sie etwas länger waren.

Ich schaute meinen Körper an. Ich war zwar schlank, aber ich sah nicht so aus, als ob ich am Verhungern wäre. Die Pubertät hatte bei mir schon vor langem begonnen und ich hatte Haare an den Beinen, unter den Achseln und einen kleinen Pfad von Haaren, der gen Bauchnabel wuchs. Meine Stimme war auch deutlich tiefer, als noch vor einem Jahr. Ich sah okay aus, hatte reiche Eltern, also immer gute Klamotten und war höflich und schlauer als die meisten Jugendlichen in meinem Alter. Trotzdem schien es, als hätte ich ein Schild mit der Aufschrift ›kick me‹ auf meinem Rücken.

Leute wie Parker schienen von meinem mangelnden Selbstvertrauen angezogen zu werden, wie Haie vom Blut, und das, obwohl ich nicht genau erklären konnte, warum es so war. Es schien so einfach, etwas dagegen zu tun, aber wenn ich dann in die Ecke gedrängt war, stand ich nur da, bekam weiche Knie und konnte kein einziges Wort sprechen.

Ohne Parker hätte dieses Schuljahr ganz anders sein können. Ich hätte vielleicht sogar ein paar Freunde gefunden, wenn auch keine besonders engen, aber Parker hatte aus irgendeinem Grund entschieden, mich zu hassen.

Ich schaute in meine blassgrünen Augen und realisierte, dass meine Situation ziemlich hoffnungslos war. In der Schule wollte dank Parker niemand etwas mit mir zu tun haben und zu Hause wollten meine Eltern, dass ich perfekt war. Es interessierte sie kein bisschen, wer oder was ich eigentlich war, oder wie ich mich fühlte.

Wie beim Schwimmen versuchte ich, mich irgendwie über dem Wasser zu halten und so zu tun, als ob es gar nicht so schlimm sei. Nur empfand ich die Entfernung, die ich inzwischen geschwommen war, als enorm und ich hoffte auf einen Rettungsring, denn ich wusste, dass ich nicht mehr lange so weitermachen konnte.

Wie so oft in dieser Zeit hatte ich genau diese Gedanken. Stumme Tränen bildeten sich und begannen meine Wangen herunterzurollen. Ich versuchte, mich selbst mit dem Gedanken zu trösten, dass die Sommerferien nah waren. Es funktionierte, mehr oder weniger, nach ein paar Minuten. Ich zog mir eine Unterhose an, ging zu meinem Bett und schlüpfte unter die Decke. Ich lag für einige Minuten mit geschlossenen Augen da, versuchte einzuschlafen und fühlte mich sehr einsam und allein. Das Letzte was ich fühlte, bevor die Dunkelheit des Schlafes mich umhüllte, war die Hoffnung, dass die Dinge sich ändern würden.

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Das erinnert mich an meine Schulzeit. Ich bin froh, dass das vorbei ist :sweat_smile:

Ja, das ist das Problem mit Mobbing: Obwohl Parker darauf achtet, sich nicht erwischen zu lassen, passiert meistens auch nichts, wenn die Opfer sich Hilfe suchen.

  1. Es wird dem Opfer gesagt, dass es sich selbst helfen soll
  2. Wenn es sich verteidigt, wird gesagt, dass Gewalt keine Lösung sei und man sich ja dann auf dasselbe Niveau begebe
  3. Es wird dem Opfer gesagt, dass es normal unter Jungs sei und zum Erwachsenwerden dazugehöre

Aus persönlichen Interesse oder weil Mr. Adams das aus religiösen Gründen verurteilt?

Überlegt er, ob sein Aussehen daran schuld ist, dass Parker ihn mobbt? Wenn ja, dann kann man ihm versichern, dass es das nicht ist und er keine Schuld daran trägt.

Na wenigstens in einer Sache sind die sich dann einig.

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Ja, ich denke viele sind da auch einfach überfordert oder wollen sich nicht einmischen, weil kein Bock bzw. haben Angst Partei zu ergreifen. Oder sie wissen schlicht nicht, wie sie sich verhalten sollen, also Kopf in den Sand.
Es ist auch immer fraglich, wieviel es der reputation hilft, wenn jetzt ein Lehrer daherkommt und mit erhobenem Zeigefinger „Dududu, lasst mal den armen Joshi in Ruhe“ sagt. Da ist schon ein wenig mehr Skill erforderlich.

Ich glaube, dass Josh das gar nicht so sehr differenziert, warum. Er würde aber wohl eher seinen Vater (also dessen Ansichten) dahinter vermuten, zumal der Philip bezahlt (also als Angestellten). Insofern ist es nicht abwegig, kritisch zu sein, wenn der auf Kumpel tut. Letzten Endes ist alles, was Philip zufällig mitbekommt auch wieder gefährliches Wissen hinsichtlich Mr. Adams.

Ja Josh ist schon ziemlich cute. :smiley:

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Hey Sammy,

ich kenne die Geschichte bereits aus Boypoint. Ich habe das Buch bei dir gekauft und ein Exemplar meinem Freund geschenkt :slight_smile:

Oh man, der arme Josh. Parker ist echt ein mieser Kerl. Würde am liebsten jetzt Parker greifen und ihm mal „Ganz lieb“ eintrichtern, dass es falsch ist, was er da tut :wink:

Ich muss Zuri recht geben. Die genannten drei Punkte sind meistens das Problem. Echt schade, dass es oft genauso verläuft und den Opfern nicht geholfen werden kann.

Der Vater ist ja mal mega ekelhaft. Wie kann man nur solch eine Person sein?
Gruselig. Einfach nur Gruselig, dieser Mensch.

Phillip, kann ich noch nicht ganz einschätze. Mal sehen, ob und wann man herausfinden wird, welche Rolle er spielt und wie er als Person ist.

Josh schein ein echt süßer zu sein :slight_smile:
Hellgrüne Augen sind echt richtig toll :slight_smile:
Seine Frisur und sein Gesicht scheinen auch ganz hübsch zu sein :wink:

Trotzdem kommt er nicht an meinen süßen Freund heran :face_with_hand_over_mouth: :face_with_hand_over_mouth: :face_with_hand_over_mouth:

Ich bin gespannt wie es weiter geht :slight_smile:

LG Knutschkugel

aaah, da habe ich dann die Verbindung mit dem Namen nicht hergestellt. :smiley:

Man darf natürlich auch nicht vergessen, dass die Geschichte aus Joshs Perspektive erzählt wird und dementsprechend die Sicht der Dinge auch eingefärbt ist. Philip oder Mr. Adams würde das alles sicher ganz anders sehen.

Das heißt jetzt aber nicht, dass Mr. Adams jemand wäre, mit dem ich mich auf ein Bier treffen würde. :smiley:

Absolut. Ja, kopfloses Eingreifen kann durchaus kontraproduktiv sein und Hilfe gegen Mobbing sollte eher ganzheitlich verstanden werden, was auch viel früheres Ansetzen erfordert.

Aber das wäre doch die beste Recherche für eine authentische Charakterisierung :astonished:

Hatte ich in meinem Leben genug von, kann ich drauf verzichten. :smiley:

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Im Freibad

Normalerweise war ich ein totaler Morgenmuffel. Daher war es eher untypisch für mich, um 9 Uhr morgens mit guter Laune aufzuwachen und es gar nicht erwarten zu können, mich auf den Weg zu machen. Ich war entschlossen, all meine Sorgen über meine Eltern, Parker und seine Drohungen zu vergessen und stattdessen meinen freien Tag im Schwimmbad zu genießen.

Schnell putzte ich meine Zähne, schnappte mir meinen Rucksack, füllte ihn mit der Karte, die ich am Tag zuvor gedruckt hatte, meiner Badehose und einem Handtuch, und machte mich auf den Weg nach unten. In der Küche schrieb ich einen Zettel für meine Eltern und schmierte ein paar Sandwiches für den Tag, bevor ich mich auf mein Fahrrad schwang und losfuhr.

Selbst mithilfe der Karte brauchte ich etwas Zeit, um das Freibad tatsächlich zu finden. Das war aber nicht schlimm; wenigstens sah ich so ein wenig mehr von Albany und außerdem war es ein schöner Samstagmorgen.

Ich schloss mein Fahrrad am Zaun vor dem Freibad an, kaufte ein Tagesticket und zog mich rasch in einer Einzelkabine um. Das Schwimmbecken war zum Glück zu dieser Tageszeit noch relativ leer, was für mich bedeutete, dass es weniger Kinder gab, die mich beim Schwimmen stören konnten. Ich war nur hier, um meinen Frieden zu haben und um das Wasser an meinem Körper zu spüren.

Sobald ich ins Becken stieg, fühlte ich mich wohl. Das Wasser trug mein Gewicht und es war fast so, als ob es auch das Gewicht all meine Sorgen und Probleme übernahm. Ich drückte mich von der Wand weg und begann eine Bahn nach der anderen zu schwimmen. Jetzt gab es nur noch mich, die Sonne, das Wasser und meine langsamen Schwimmzüge. Gelegentlich tauchten Gedanken an Parker in meinem Bewusstsein auf, aber ich unterdrückte diese sofort. Er konnte mich in der Schule terrorisieren, aber hier war ich alleine, ohne ihn. Das bisschen Frieden, das ich hier hatte, würde er mir nicht nehmen.

Ich war bereits fast eine Stunde im Wasser, als eine Gruppe von Jugendlichen in meinem Alter ins Schwimmbad kam. Sie mussten von einer anderen Schule sein, weil ich keinen von ihnen erkannte. Nachdem sie ihre Handtücher auf dem Rasen abgelegt hatten, spielten sie Beachvolleyball auf dem Feld nahe beim Wasser.

Während ich schwamm schaute ich immer wieder zu ihnen herüber und sah wie sie interagierten. Es war der typische Klamauk den man zwischen jungen Menschen in einem Freibad erwarten würde. Ich wollte keine Aufmerksamkeit erregen, also war ich sehr vorsichtig mit meinen Blicken und schaute nur, wenn es nicht offensichtlich war.

Die Freundschaft und Wärme zwischen ihnen war einfach zu sehen und es tat mir regelrecht weh. Ich gab gewöhnlich vor, nichts mit anderen in meinem Alter zu tun haben zu wollen. Die meisten hatten sowieso nicht die gleichen Interessen wie ich. Aber je länger ich zuschaute, desto mehr sehnte ich mich danach, einer von ihnen zu sein. Nicht nur zu lesen, zu schwimmen und allein zu sein, sondern etwas mit anderen Leuten zusammen zu unternehmen; mit Leuten, denen ich etwas bedeutete und die mir etwas bedeuteten.

Aber was sollte ich tun? Sollte ich herübergehen und fragen: ›Hey, kann ich bei euch mitmachen?‹

Wie peinlich wäre das denn?

Also schwamm ich weiter meine Bahnen, unbemerkt und allein, abgesehen von ein paar Rentnern, die dasselbe taten. Etwas später entschied ich, dass ich genug hatte und verließ das Wasser. Nach einer kurzen Dusche ging ich über die Wiese, breitete mein Handtuch aus und setzte mich, weit weg von all den Jugendlichen, Familien und Rentnern. Ich verschmierte etwas Sonnencreme auf meinem Körper, lehnte mich zurück und schloss meine Augen.

Meine Haut war eher bleich und obwohl es gewöhnlich nicht viel brachte, wenn ich mich sonnte, hoffte ich, dass ich wenigstens etwas Bräune in diesem Sommer bekommen würde. Das Wetter im Frühling war überwiegend schlecht gewesen, sodass sich bisher kaum Gelegenheiten dazu geboten hatten.

Das Lachen und die anderen Geräusche, die der Wind von den Jugendlichen auf dem Beachvolleyballfeld herübertrug, ließen mich allerdings nicht lange ruhen. Ich drehte mich auf meine Seite und schaute ihnen beim Spielen zu, in der Hoffnung, dass einer von ihnen herüberkommen und mich fragen würde, ob ich nicht mitspielen wolle. Aber leider passierte nichts dergleichen. Als es spät wurde, packte ich wehmütig meine Sachen und fuhr nach Hause.

Es kam nur selten vor, dass meine Eltern samstags zu Hause waren, aber heute waren sie da. Als ich das Haus betrat, konnte ich bereits hören, wie mein Vater eine Tirade von Schimpfwörtern auf den Fernseher losließ. Er schaute vermutlich wieder etwas mit Demokraten. In einer Stimmung wie dieser war es besser, ihn zu meiden, also versuchte ich leise am Wohnzimmer vorbeizukommen, ohne bemerkt zu werden.

»Joshua, hat der Schwimmclub nicht geschlossen?« fragte meine Mutter, als sie mich vorbeischleichen sah.

»Ich bin ins Freibad gefahren«, erklärte ich. Ich wollte noch hinzufügen: »Danke, und wie war dein Tag?« aber ein Kommentar wie dieser konnte in der Anwesenheit meines Vaters schiefgehen. Er würde mich zwar nicht mit dem Gürtel schlagen, etwas das durchaus zuvor passiert war, aber ein oder zwei Ohrfeigen konnte ich dafür erwarten. Also besann ich mich eines Besseren, denn wenn er schlug, dann tat es richtig weh. Moderne Erziehung war für meine Eltern anscheinend auch ein unbekanntes Konzept.

»Dein Vater und ich werden heute Abend ausgehen. In der Küche ist Essen für dich«, informierte meine Mutter mich. Klasse! Wenigstens musste ich heute nicht mit ihnen essen.

»Diese verdammten Demokraten. Was ist nur falsch mit dieser Welt? Wenn das so weitergeht, können diese Schwuchteln bald heiraten und was kommt als nächstes? Hochzeiten mit Hunden und Pferden?« unterbrach mein Vater uns lautstark. Die Worte stachen.

Er war noch nicht fertig. »Es ist schlimm genug, dass die Schulen die Fakten pervertieren und den Kindern beibringen, dass diese Schwuchteln so geboren und nicht krank wären. Joshua, haben die euch das auch erzählt?«

»Ähm… ich - nein, ich kann mich nicht daran erinnern, dass sowas je Thema war…«, log ich. Ich konnte fühlen, wie mein Gesicht rot wurde. Ich musste weg, bevor meine Gefühle überkochten. Glücklicherweise schien mein Vater meinen Gesichtsausdruck als Zeichen zu verstehen, dass der bloße Gedanke mich anwidern würde. In Wirklichkeit war er es, den ich abstoßend fand.

»Du wirst da schon erfolgreich etwas gegen tun, Papa. Ich glaube an dich«, sagte ich ihm und zwang mich, ihm ein Lächeln zu schenken. »Ich gehe dann mal auf mein Zimmer.«

Mein Vater nickte mir zu. Ich drehte mich um und floh aus dem Raum. Es war schon paradox, dass ich ihn nie wirklich Papa nannte, außer bei einer Aussage wie dieser. Solange er glaubte, dass ich ihm komplett zustimmte, war ich in Sicherheit. Eigentlich sah ich die Dinge aber ein wenig anders als er. Es gab dieses Geheimnis, das ich hatte, die drei großen Worte, von denen ich mir sicher war, dass ich sie ihm nie sagen könnte: Ich bin schwul.

Ich wusste es schon seit zwei Jahren, aber mir war auch klar, dass ich es nie jemanden wissen lassen konnte. Meine Eltern würden mich verstoßen, im bestmöglichen Fall. Mein Vater würde vermutlich seinen Verstand verlieren, wenn er es je herausfinden würde. Ich fürchtete, er würde mich erschießen. Diese Furcht würde vielen vermutlich übertrieben vorkommen, aber für mich war das eine sehr realistische Möglichkeit.

Deswegen war mir immer klar, dass meine Eltern das nie herausfinden durften. Wenigstens nicht, bis ich mit der Uni fertig und weit, weit weg war, möglichst auf der anderen Seite des Landes, in LA oder San Francisco oder so. In diesem Fall würde ich mir weniger Sorgen machen. Vielleicht irgendwann in der Zukunft.

Das Geld meiner Eltern war mir ehrlich gesagt egal. Es gab wichtigere Dinge in meinem Leben, zumindest für mich. Geld allein macht nicht glücklich und dafür war ich der lebende Beweis. Falls sie mir den Geldhahn abdrehten, könnte ich damit leben. Ich war eher darüber besorgt, was passieren würde, solange ich noch komplett von ihnen abhängig war, als Minderjähriger ohne eine eigene Wohnung.

Jeder Moment in meinem Leben bedeutete totale Selbstkontrolle. In der Schule Jungs hinterherzugucken war unmöglich und zu Hause musste ich vorsichtig sein, was ich sagte und wie ich reagierte, besonders in Situationen wie diesen. Nur das Problem war, es wurde immer schwieriger.

Ich ließ mich auf mein Bett fallen und seufzte. »Du wirst da schon erfolgreich etwas gegen tun, Papa, ich glaube an dich«, wiederholte ich meine eigenen Worte in meinen Gedanken. Es fühlte sich so an, als hätte ich gerade mein eigenes Todesurteil unterschrieben.

Ich versuchte, mich zu beruhigen und meine Gedanken auf etwas Positiveres zu fokussieren. Für Sonntag hatte ich mir vorgenommen, wieder schwimmen zu gehen. Hoffentlich waren dann die anderen Jugendlichen wieder dort. Vielleicht passierte etwas, das mir eine Gelegenheit gab, sie kennen zu lernen. Ich schloss meine Augen und einer der Jungen, die zu der Gruppe gehörten, tauchte in meinen Gedanken auf, einer der meine Aufmerksamkeit sofort erregt hatte.

Er war der Lebhafteste, der Verrückteste aus dem Haufen. Er war eher klein, vielleicht 1,60 m, aber schien genauso alt zu sein, wie die anderen. Ich hatte nicht allzu viel von ihm gesehen, denn dafür hätte ich starren müssen und das wäre aufgefallen Trotzdem hatte ich jede einzelne Chance genutzt, ihm kurze Blicke zuzuwerfen. Er hatte blonde, etwas längere Haare und das süßeste Gesicht, dass ich je gesehen hatte.

Ich wusste nicht, warum ich mich so angezogen von ihm fühlte. Wahrscheinlich, weil ich wie er sein wollte; voller Energie, unbekümmert und selbstbewusst. Vielleicht würde ich morgen mehr Glück haben.

Ein weiterer Teil meiner Pflichten als der perfekte Bilderbuchsohn war es, sonntags den Gottesdienst zu besuchen. An diesem Morgen war es besonders schwer, rechtzeitig aufzustehen. Den letzten Abend hatte ich damit verbracht, über mein Leben nachzudenken und mehr depressive Musik zu hören, als gut für mich war. Danach las ich vor allem Geschichten über Jungen wie mich. Schwule Geschichten für Jugendliche zu lesen war das Einzige, was ich bei einem Vater wie meinem wagte. Ich wusste weitaus mehr über Computer als meine Eltern, daher wusste ich auch, wie ich meine Aktivitäten geheim halten konnte. Nicht, dass sie es je kontrolliert hätten, ich gab ihnen nie einen Grund zu glauben, dass ich nicht unschuldig wie ein kleiner Engel war, aber trotzdem; Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Nach einer kurzen Dusche zog ich meinen Sonntagsanzug an. Ich hasste Sonntage. Reich zu sein hatte seine Vorteile, aber ich verstand nie, warum meine Eltern dachten, wir müssten so tun als seien wir perfekt. Wenn Gott existiert, dann interessiert es ihn sicherlich nicht, was für Kleidung wir tragen. Laut seinem eigenen Buch hat er uns immerhin nackt geschaffen.

Ich war froh, dass ich mit dem Umzug immerhin der Sonntagsschule entkommen war, auch wenn ich nicht wusste, wie mir das gelungen war. Vielleicht hatte mein Vater einen Mitleidsmoment, weil er es selbst gehasst hatte, als er jung war.

Der Gottesdienst war schnell vorbei. Wie immer, wenn der Prediger seine Kanzelrede startete, schaltete ich mein Gehirn auf aus. Ich ließ all seine hasserfüllten Kommentare über Sünde, und dass wir alle in die Hölle kommen würden, an meiner Haut herunterinnen, wie Regentropfen, anstatt sie in mich aufzunehmen. Das hatte ich vor Jahren perfektioniert, als ich anfing all das zu hinterfragen, was meine Eltern und die Kirche mir beibrachten und stattdessen selber zu denken.

Nach dem Gottesdienst gingen wir, wie immer, in einem teuren Restaurant Mittag essen und damit war meine Pflicht für den Tag erfüllt. Sobald wir nach Hause kamen, schnappte ich mir meinen Rucksack und verließ das Haus.

Auf der Fahrt zum Freibad hoffte ich, die anderen Jugendlichen wiederzusehen. Beim Verlassen der Umkleide, konnte ich sie bereits auf dem Volleyballfeld spielen sehen. Am liebsten wäre herübergegangen und hätte einfach mit ihnen geredet, aber ich konnte mich nicht überwinden und glitt stattdessen ins Wasser.

Während ich meine Bahnen schwamm, schaute ich wieder den Jungen an, über den ich am vorherigen Abend so viel nachgedacht hatte. Er sprang fröhlich auf dem Spielfeld herum. Groß war er zwar nicht, aber er machte das erfolgreich mit seiner schier endlosen Energie wett.

Es schien, als ob mit jeder Minute, die ich ihn betrachtete, er süßer und süßer wurde. Ich fühlte mich wie besessen von ihm. Ich wusste nicht einmal seinen Namen, aber verspürte dieses unglaublich starke Verlangen, ihn kennen zu lernen.

Etwa eine Stunde später verließ ich das Wasser und legte mich wieder auf die Wiese, um mich noch ein wenig zu sonnen, dieses Mal allerdings deutlich näher an der Gruppe, als noch am Tag zuvor. Ich streckte mich auf meinem Handtuch aus und schloss meine Augen, um mich zu entspannen und darüber zu träumen, wie einer von ihnen zu mir herüberkommen würde, um mich zu fragen, ob ich mitspielen wolle.

Nur wenige Minuten später hörte ich jemanden etwas rufen, das mich sofort aus meinen Gedanken riss. »Komm endlich, J, ich will nicht ewig warten!«

Was? Sicherlich gab es hier niemanden, der mich als J kannte. Ich öffnete meine Augen und schaute mich um. Die Jugendlichen hatten sich entschieden zu gehen, aber einer von ihnen war immer noch auf der Wiese und stopfte sein Handtuch in seinen Rucksack. »Ich komme gleich«, rief er zurück.

Ich musterte ihn. Ich hatte ihn am Tag zuvor nicht gesehen, vermutlich, weil er nicht da gewesen war, und heute musste ich ihn übersehen haben, weil ich so beschäftigt damit gewesen war, den anderen, süßen Jungen zu beobachten. Er war in etwa so groß wie ich und sein Haar war etwas länger als meines, hatte aber genau die gleiche Farbe. Mehr konnte ich nicht erkennen, weil er mir den Rücken zugewandt hatte.

Nachdem er gegangen war, blieb ich noch ein paar Momente auf dem Rasen und verfluchte meinen mangelnden Mut und mein nicht vorhandenes Selbstbewusstsein. Ich hätte einfach hingehen und eine Unterhaltung anfangen oder mitspielen sollen. Ich fühlte mich so schwach und dumm. Das Wochenende war vorbei, es war Sonntagnachmittag, also würde wahrscheinlich eine volle Woche verstreichen, bevor ich die Gruppe wiedersah, falls überhaupt.

Als ich mit meiner Selbstmitleidsorgie fertig war, schnappte ich mir mein Handtuch und trottete niedergeschlagen zur Umkleide. Die anderen Jugendlichen waren bereits weg und der Gang, in dem sich die Schließfächer und Türen zu den Einzelkabinen befanden, war komplett leer. Ich hatte gerade meine Klamotten aus dem Schließfach genommen und wollte in eine Kabine gehen, als ich Parker um die Ecke biegen sah. Er entdeckte mich im selben Moment, wie ich ihn. Ein fieses Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er in meine Richtung schlenderte. Ich wollte schnell in die Kabine springen, aber meine Beine gehorchten mir nicht. Ich stand einfach da, wie zur Salzsäule erstarrt, fühlte wie Wellen der Panik mich überspülten, und hörte mein Herz laut und schnell in meiner Brust schlagen.

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Der arme Mr. Adams, dass der das noch miterleben musste :joy:

Das erinnert mich an einen Songtext:
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Okay, süß ist er schon mal nicht – merken wir uns das mal für später, lassen ihn das aber lieber nicht hören :wink:

Hey Zuri, danke für deinen Kommi. :slight_smile:

Es ist mal wieder Zeit für einen neuen Teil. :smiley:

Ich lese das ja auch nochmal, bevor ich es reinsetze. Man man man ist das cringey! Ich würde einige Stellen am liebsten nochmal neu schreiben mit der Schreiberfahrung die ich jetzt habe, aber naja… hilft jetzt auch nichts mehr. :smiley:

Begegnungen

»Wen haben wir denn da?« höhnte Parker. »Was machst du hier, Adams?« Er griff mich an den Schultern und drängte mich rückwärts. Ich fühlte, wie mein Kopf gegen die Wand schlug und für einen Moment sah ich Sterne.

Meine Klamotten fielen von meinen Händen auf den Boden und ich begann zu zittern. Sein Gesicht kam meinem nah, so nah, dass ich seinen Atem spüren konnte. »Was ist mit dem Geld?« zischte er, während er mich gegen die Wand drückte.

Bevor irgendetwas anderes passieren konnte, sah ich aus meinen Augenwinkeln jemanden um die Ecke kommen.

»Hey! Was ist hier los? Lass ihn in Ruhe!« Am Ende des Ganges stand der süße Junge, den ich den ganzen Tag beobachtet hatte. »So viel zum Thema erster Eindruck«, dachte ich beschämt.

Selbstbewussten Schrittes ging er in unsere Richtung. Die Angst, die ich zuvor gefühlt hatte, verwandelte sich jetzt in Panik. Parker hätte körperlich kein Problem damit, mich zu Brei zu schlagen. Ich wollte mir gar nicht erst vorstellen, was er mit diesem sogar noch kleineren Jungen machen würde.

Der Ausdruck auf Parkers Gesicht verriet mir allerdings, dass er komplett überrascht von diesem kleinen Typen war, der ihm einfach so sagte, er solle mich in Ruhe lassen. Er brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, was gerade passierte, bevor er sich seinem kleinen Herausforderer zuwandte.

»Das geht dich einen Scheißdreck an. Er schuldet mir Geld, also verpiss dich oder du erlebst was«, drohte Parker mit lauter Stimme. Aber der Junge schien kein bisschen beeindruckt zu sein. Er ging noch einen Schritt weiter und baute sich vor Parker auf, soweit das bei dem massiven Größenunterschied überhaupt ging. Es erinnerte mich an David und Goliath.

»Es ist mir vollkommen egal, ob er dir Geld schuldet. Lass ihn in Ruhe und verpiss dich selbst. Der Bademeister ist gleich um die Ecke. Lust auf eine Freifahrt mit der Polizei? Dann schlag zu!«, zischte er mit aggressiver Stimme.

Parker war vollkommen fassungslos und selbst wenn er dumm war, wusste er wahrscheinlich, dass wenn der Kleine wie am Spieß schrie, tatsächlich sehr schnell andere Leute hier sein würden. Er schaute genervt und drehte sich wieder mir zu. Er schlug mich ein letztes Mal gegen die Wand, bevor er mich losließ. Mir war immer noch schwindelig von dem Zusammenstoß von meinem Kopf und der Wand. Ich rutschte mit meinem Rücken an den Fliesen hinter mir zu Boden und zog meine Knie an.

»Sieht so aus, als ob deine kleine Freundin dich dieses Mal beschützen konnte. Wir sehen uns morgen in der Schule. Ich kann es gar nicht erwarten«, sagte er hämisch zu mir, bevor er sich umdrehte und ging.

Als ich ihm hinterherschaute, überflutete mich Verzweiflung. Parker schien mich einfach nicht in Ruhe lassen zu wollen. Wer weiß, was Montag passieren würde? Warum konnte mein Leben nicht so einfach und sorgenfrei sein, wie das von anderen? Warum hatte ich nicht die Eier, einfach etwas zu sagen, mich zu wehren? Es war einfach zu viel.

Ich hatte einen Kloß in meiner Kehle und spürte, wie sich langsam Tränen in meinen Augen bildeten.

Nein! Bitte nicht jetzt! Ich rollte mich zusammen, versteckte meinen Kopf zwischen meinen Knien und versuchte, ruhig zu atmen.

»Hey, alles okay?« fragte mein Retter besorgt. Ich wollte antworten, aber dann hätte er gehört, dass ich kurz davor war, zu heulen. Ich blieb also einfach stumm und verharrte in meiner Position.

»Hm, anscheinend nicht«, sagte er, mehr zu sich selbst als zu mir. Er setzte sich neben mich auf den Boden und legte seine Hand auf meine Schulter. »Ich bin Ethan. Wie heißt du?«

»Josh«, presste ich heraus. Meine Stimme klang merkwürdig hoch und belegt. Seine Hand bewegte sich inzwischen in langsamen, beruhigenden Kreisen über meinen Rücken. Es war, als würden kleine elektrische Impulse von seinen Fingern ausgehen, und sich unter meiner Haut verbreiten. Ich hätte das Gefühl ewig genießen können, aber gleichzeitig wurde mir bewusst, wie merkwürdig die Situation war, und wie unangenehm es für ihn sein musste, sich um einen Loser wie mich kümmern zu müssen. Ich räusperte mich und schniefte ein, zwei Mal, bevor ich mich traute, zu ihm aufzuschauen.

»Danke«, flüsterte ich schüchtern.

»Kein Problem«, antwortete er, und drückte meine Schulter sanft mit seiner Hand, bevor er mich losließ. Plötzlich kam mir die körperliche Zuneigung zwischen uns umso peinlich vor und ich fühlte meine Wangen erröten. Sein Gesicht zeigte ähnliche Gefühle. Nach ein paar Momenten räusperte er sich, versuchte die komische Spannung abzuschütteln.

»Ist der Typ immer so ein Arschloch? Schuldest du ihm wirklich Geld?« fragte Ethan mich.

»Nein, ich schulde ihm kein Geld, das behauptet er nur so«, erwiderte ich. »Vielleicht hofft er auch, dass ich ihm tatsächlich Geld gebe, um ihn loszuwerden.« Ich schniefte wieder. Ethan öffnete seinen Rucksack und kramte, bis er ein Taschentuch für mich fand. Ich gab ihm einen dankbaren Blick und putzte meine Nase.

»Danke nochmal.« Ich betrachtete ihn mit einem Hauch von Bewunderung in meinen Blick. »Ich checke immer noch nicht, wie du das gerade gemacht hast.«

»Kein Ding. Du hast Glück, dass ich etwas in der Umkleide vergessen habe und zurückkommen musste. Ich habe aber auch keine Ahnung, wie ich das gemacht habe. Ich habe nur gesehen, was passiert ist und nicht groß darüber nachgedacht. Im Nachhinein erscheint es mir ziemlich lebensmüde.« Er grinste mich an. »Ich schätzte, ich hatte halt Glück.«

Wir saßen noch einen Moment da, bevor er sich erhob und mir seine Hand anbot. »Komm, steh auf.« Ich nahm seine Hand und er zog mich hoch. Dann sammelte er meine Sachen vom Boden auf und gab sie mir. Wir schauten uns an. Ich war unsicher, was ich tun oder sagen sollte und er schaute schien in Gedanken versunken zu sein.

Noch bevor er etwas sagen konnte, platzte ich heraus: »Du musst denken, dass ich eine totale Pussy bin.«

Er zuckte mit den Achseln. »Der Typ war schon ziemlich gruselig. Ich hätte mich an deiner Stelle vermutlich genauso verhalten. Mach dir keinen Kopf drum.« Ich glaubte nicht wirklich, dass er das ernst meinte, aber lächelte ihn trotzdem an.

»Du siehst aus wie jemand, den ich kenne«, wechselte er das Thema.

»Ich kenne niemanden, der so aussieht wie ich,« antwortete ich ihm.

»Du wirst ihn wahrscheinlich sehen, wenn ich das nächste Mal hier bin. Du kommst doch hier wieder her, oder? Ich habe dich hier noch nie zuvor gesehen.«

»Ja, ich denke schon«, sagte ich, wobei mein Herz ein Stück schneller schlug. Er hatte mich gefragt, ob ich wieder hierherkommen würde. Ich zwang mich, ein breites Grinsen zu unterdrücken.

»Ähm«, fing er an. »Ich muss langsam los, aber bevor ich gehe, wie ist deine Handynummer?«

Ich gab ihm meine Nummer und er tippte sie in sein Handy und rief mich an, damit ich seine hatte. Danach lächelte er mir zu. Was für ein umwerfendes Lächeln! »Es war schön, dich kennen zu lernen, Josh. Tut mir leid, dass ich jetzt gehen muss, aber meine Mutter bringt mich um, wenn ich wieder zu spät zum Essen komme.« Er grinste mich an und lief los, nachdem wir uns verabschiedet hatten.

Ich zog mich um und machte ich mich auf den Weg nach Hause. Meine Eltern waren noch weg und Philip hatte an Sonntagen frei. Ich konnte nicht aufhören, an Ethan zu denken. Jetzt hatte er sogar einen Namen. Noch besser. Er hatte mich angelächelt. Ich hätte vor Glück platzen können.

In meinem Zimmer angekommen, machte ich meinen Computer an und hörte Musik auf YouTube, während ich ein Buch las. Nach etwa einer Stunde vibrierte mein Handy. Eine neue SMS von Ethan: Hey Josh, Mittwoch treffen?

Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen, so glücklich war ich. Schnell schrieb ich eine Antwort: Sicher, wann?

Nicht einmal eine Minute später vibrierte mein Handy erneut.

Um 3 Uhr. Pass morgen in der Schule auf dich auf!

Wie süß! Er macht sich Sorgen um mich! Alleine das zu wissen, machte die Idee, am Montag zusammengeschlagen zu werden, nahezu ertragbar. Es würde nicht weniger wehtun, aber immerhin hatte ich etwas, woran ich mich festhalten konnte.

Ich werde einfach in der Nähe der Lehrer bleiben. Freue mich schon auf Mittwoch!

Seine Antwort kam beinahe sofort: Gute Idee! Ich mich auch!

In dem Moment knurrte mein Magen. Ich legte das Handy beiseite und ging in die Küche, um mir ein paar Sandwiches zu machen. Der Rest des Abends war eine Achterbahnfahrt der Gefühle zwischen Aufregung darüber, dass ich Ethan sehen würde, und Angst, Parker in der Schule zu treffen.

Am nächsten Morgen dachte ich darüber nach, meinen Eltern zu sagen, dass ich krank sei, aber ich war ein schlechter Schauspieler. Mein Vater hätte mir gesagt, dass ich mich wie ein Mann benehmen und gehen solle, und dass ich nicht krank aussähe. Außerdem müsste ich mich dann den ganzen Tag mit Philip herumschlagen. Ich würde Parker sowieso irgendwann wieder begegnen; wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen.

Bis zu dem Ende der zweiten Stunde lief alles gut. Unsere Schule war ziemlich groß, wodurch es mehr oder weniger möglich war, jemanden zu meiden. Parker war zudem eine Klasse über mir, was die Sache noch einfacher machte. Ich wollte gerade den Klassenraum verlassen, da sah ich Parker im Gang stehen. Ich drehte mich sofort um, ging zurück zu meinem Tisch und tat so, als hätte ich etwas vergessen.

Der Raum leerte sich, bis nur noch Mr. Fisher und ich übrig waren, also versuchte ich Zeit zu gewinnen.

»Das war eine wirklich interessante Stunde«, sagte ich.

»Danke«, antwortete er. Wir hatten die Geschichte der Sklaverei in den USA behandelt. »Es ist interessant, dass Sklaverei damals als komplett normal angesehen wurde und heutzutage kann niemand verstehen, dass zu der Zeit fast keiner verstanden hat, wie falsch es war, denkst du nicht?«

»Ich denke ich kann es verstehen. Jeder Mensch ist letzten Endes nur ein Produkt seiner Umgebung und dessen, womit er aufgewachsen ist. Wer weiß, was die Menschen in hundert Jahren denken werden?« antwortete ich. »Vielleicht werden sie diese ganzen Anti-Schwulen-Aktivisten wie meinen Vater so betrachten, wie wir heutzutage die Sklavenhalter«, fügte ich in Gedanken hinzu.

Mr. Fisher schaute mich mit Anerkennung an und nickte. Er ging Richtung Tür und ich folgte ihm. Glücklicherweise war meine nächste Stunde im Raum an Ende des Ganges, also blieb ich nahe bei ihm und verabschiedete mich, als wir die Tür erreichten.

Ich seufzte, froh Parker entkommen zu sein. Nach diesem Ereignis sah ich ihn nicht mehr, weder in der Mittagspause noch zwischen den Stunden. Zuerst dachte ich, ich hatte einfach nur Glück, aber als ich am Ende der letzten Stunde meine Sachen packte, hörte ich, wie zwei meiner Mitschüler über ihn redeten.

»Was ist eigentlich mit Parker, den habe ich den ganzen Tag nicht gesehen?« fragte Ryan. Er war einer von den Leuten, die mein Leben schwierig machten. Nicht so sehr wie Parker, aber schön war es trotzdem nicht.

Parker war der Einzige der mich offen hasste; Gott allein weiß, warum. Dann gab es noch seine Freunde, solche wie Ryan, denen ich meistens ausweichen konnte, wenn Parker nicht in der Nähe war. Der Rest behandelte mich wie einen Aussätzigen, weil sie Angst vor Parker hatten. Immerhin waren diese Leute überwiegend neutral. Sie machten sich nicht die Mühe, mir Probleme zu bereiten. Sie redeten zwar nicht mit mir, aber sie ließen mich in Ruhe.

»Hast du nicht gehört, was passiert ist?« antwortete Caleb. Er war einer von den Neutralen. »Er wurde beim Beschmieren von Schließfächern erwischt, ist für den Rest der Woche suspendiert.«

Ryan machte eine Grimasse, schnappte seinen Rucksack und rempelte mich mit Absicht an, als er zur Tür ging. »Pass auf wo du stehst«, zischte er, bevor er weiterging. Ich reagierte nicht auf ihn; es würde nur noch mehr Probleme verursachen.

Meine Gedanken kehrten zu Parker zurück. »Was für ein Idiot«, dachte ich mir, während ich den Klassenraum verließ. »Hoffentlich hat er eine richtige Sauerei mit Edding gemacht und muss es selber wieder entfernen.«

Das bedeutete eine ganze Woche ohne Parker. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Meine Eltern waren noch bis Mittwoch auf einer Geschäftsreise, es konnte also gar nicht besser werden. Na ja, außer Philip. Wenn meine Eltern verreist waren, nervte er sogar noch mehr als sonst. Ich versuchte, ihn so gut ich konnte zu ignorieren. Ohne meine Eltern und Parker verging die Zeit wie im Flug und ehe ich mich versah, war es Mittwoch.

Es war Punkt drei Uhr, als ich beim Freibad ankam. Ich checkte mein Handy und sah, dass ich eine neue Nachricht hatte: Wir kommen ein bisschen später, nur dass du Bescheid weißt. - Ethan

Ich entschied mich, vor dem Freibad auf ihn, und wer auch immer sonst noch mit wir gemeint war, zu warten. Also schloss ich mein Fahrrad an den Zaun an und lehnte mich gegen die Mauer neben dem Eingang. Nach ungefähr einer Viertelstunde erschien Ethan zusammen mit einem anderen Jungen. Ethan schloss sein Fahrrad neben meinem an und kam zu mir herüber. Der andere Junge, der ihn begleitete, nahm sich Zeit mit seinem Rad und schlenderte dann gemächlich zu uns.

»Hey, schön dich wiederzusehen, Josh«, sagte Ethan, als er meine Hand schüttelte.

»Hey Ethan«, antwortete ich schüchtern.

Mein Blick fiel auf den Typen hinter ihm. Meine Eltern wären nicht damit einverstanden gewesen, dass ich mit jemandem wie ihm herumlief. Seine Klamotten sahen so aus, als wären sie über mehrere Geschwister weitergereicht worden; seine Jeans hatten Flicken und waren ausgewaschen. Er sah nicht obdachlos oder ungepflegt aus, aber es war offensichtlich, dass seine Familie nicht genug Geld hatte. Ethan trug zwar keine Designerklamotten, aber seine Sachen waren trotzdem gut und neu genug, dass es keinen zu großen Unterschied zwischen uns machte. Sein Freund allerdings, der kam von einer ganz anderen Welt.

Als ich zu seinem Gesicht aufschaute, blinzelte ich ungläubig. Ich hätte genauso gut in einen Spiegel schauen können. Seine Augen hatten die gleiche blassgrüne Farbe wie meine und unsere Münder und Nasen waren ebenfalls identisch. Seine Haare waren etwas länger als meine, aber hatten dieselbe Farbe und waren, genau wie meine, leicht strubbelig. Er starrte mich mit demselben überraschten Gesichtsausdruck an, den ich gehabt haben musste. Es war irgendwie unwirklich, beinahe wie ein Traum.

»Hey, ähm, ich bin Josh, aber meine Freunde nennen mich J«, stammelte ich vor mich hin.

»Ähm… ja…«, fing er an. »Ich bin Jacob, aber meine Freunde nennen mich auch J.« Er war das also gestern! Wie hatte ich ihn bloß übersehen können? Ich war anscheinend wirklich sehr auf Ethan fixiert gewesen.

»Wir sehen irgendwie gleich aus«, platzte ich mit dem Offensichtlichen heraus.

»Jap. Fühlt sich irgendwie komisch an, nicht?« Jacob schien sich endlich vom ersten Schock erholt zu haben und wirkte amüsiert.

Ethan stand neben uns und beobachtete uns schelmisch. »Hab doch gesagt, dass ich eine Überraschung habe. Denkst du, das war es wert, heute mitzukommen?«

»Jaja, du zahlst trotzdem für mich; ändert nichts dran, dass ich pleite bin«, winkte Jacob ab.

Wir kauften uns Eintrittskarten und zogen uns um. Als wir aus den Umkleidekabinen kamen und Richtung Schwimmbecken gingen, waren die vorherigen Unterschiede zusammen mit unseren Klamotten und dem Status, den sie symbolisierten, verschwunden. Es war gruselig, wie gleich wir aussahen, wenn wir nur in Badehose waren.

Ich bemerkte, dass er ein paar mehr Muskeln als ich hatte. Dafür war ich etwas größer, vielleicht ein oder zwei Zentimeter, wie Ethan uns mitteilte, als er uns befahl, uns Rücken an Rücken zu stellen. Und Jacob war genauso blass wie ich.

»Ihr geht sogar gleich«, merkte Ethan an, als er uns von der Seite aus betrachtete. Wir drehten uns mit genau der gleichen Bewegung, wie Spiegelbilder, zueinander, um zu überprüfen, ob er Recht hatte, woraufhin wir lachen mussten.

»Wo ist der Rest von den Leuten, mit denen ihr letztes Wochenende hier wart?« fragte ich, während wir uns auf den Rasen setzten.

»Die kommen heute nicht«, informierte Ethan mich. »Wir hängen hier nur an Wochenenden ab. Ehrlich gesagt habe ich dieses Treffen nur organisiert, damit ihr beide euch seht.« Er grinste uns an.

»Wo wir gerade davon sprechen«, fing Jacob an. »Wir sind uns zu ähnlich für einen Zufall. Zumindest denke ich das. Sind wir vielleicht verwandt? Was ist dein Nachname? Vielleicht sind wir Cousins oder so?«

»Mein Nachname ist Adams, aber ich glaube nicht, dass ich irgendwelche Cousins habe, die ich nicht kenne«, antwortete ich. »Und definitiv keine, die aus einer armen Familie kommen«, fügte ich in Gedanken hinzu. Ich meinte das gar nicht negativ, aber sagte es trotzdem nicht, weil es in jedem Fall beleidigend herüberkommen würde, egal wie ich es meinte.

Ich dachte darüber nach, ob wir verwandt sein könnten, aber es passte einfach nicht. Die wenigen Verwandten, die wir hatten, waren allesamt stinkreich. Meine Familie war auf beiden Seiten seit Generationen wohlhabend und mein Vater war ein Einzelkind, während meine Mutter nur eine Schwester hatte.

»Meiner ist Baker, ich habe viele Verwandte, also keine Ahnung«, sagte er. »Ich schätze ich werde einfach heute Abend meine Mutter fragen müssen.«

»Vielleicht bist du ja sein Klon«, witzelte Ethan.

»Ja genau«, kommentierte Jacob trocken.

Wir saßen noch etwas länger dort und schauten gedankenvoll in den Himmel. Nach einer Weile wurde Ethan unruhig. Er schien tatsächlich ein wenig hyperaktiv zu sein. »Lass ins Wasser gehen«, schlug er vor.

Wir gingen in den Nichtschwimmerbereich und fingen an, mit einem Ball zu spielen. Es entwickelte sich schnell zu einem Gerangel mit viel Untertauchen, gegenseitigem Werfen und Schubsen. Ethan war klasse. Er war kleiner als wir, was es einfach machte, ihn hochzuheben und dann zu werfen.

Ich genoss den Kontakt von nackter Haut auf nackter Haut. So etwas hatte ich nicht mehr gehabt, seit ich ein Kind war, und selbst damals nur wenig. Ich musste ein wenig Acht geben, weil ich immer wieder fühlte, wie sich ein gewisser Teil meines Körpers meldete. Wenn das passierte, glitt ich einfach unter Wasser und tat so, als ob ich versuchte ihnen zu entkommen, bis alles wieder entspannt war. Die Vorstellung von nackten, alten Omas half dabei sehr, wie jeder weiß.

Nach einer Weile im Wasser, waren wir total erledigt und gingen zurück zu unseren Handtüchern, um uns auszuruhen. Jacob legte sich links neben mich und Ethan ließ sich auf meiner anderen Seite nieder. Ich schloss meine Augen und genoss die Sonne und den Moment. Ich war beinahe weggedöst, als plötzlich eine weibliche Stimme hinter uns mich zurück ins Hier und Jetzt riss.

»Hey Jungs. Ethan, J, was geht?«

Ich setzte mich auf und drehte mich um. Hinter uns war ein hübsches Mädchen in unserem Alter. Sie hatte langes, blondes Haar und ein wunderschönes Gesicht. Ich war zwar schwul, aber das sah selbst ich. Sie schaute zuerst mich an, dann Jacob und dann wieder mich. »Wow! Das ist gruselig. J, hast du das Schullabor in die Luft gejagt und einen Klon von dir geschaffen?«

Jacob musste darüber lachen. »Nah, Ethan hat ihn gefunden. Sein Name ist Josh, aber du kannst ihn auch J nennen.«

Er grinste und drehte sich zu mir. »Das ist Sarah, sie ist eine Freundin von uns.«

»Schön dich kennen zu lernen, Sarah«, sagte ich schüchtern zu ihr und zwang mich, ihr in die Augen zu schauen, anstatt zu Boden. Ich verfluchte mich selbst dafür, dass ich immer so befangen war, wenn ich neue Leute traf.

»Hey Josh, das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite.« Sie lächelte mir freundlich zu. »Na ja, ich wollte eigentlich nur hallo sagen. Ich muss zurück, meiner kleinen Schwester das Schwimmen beibringen. Wir sehen uns morgen in der Schule.« Wir verabschiedeten uns und sie lief zurück zu ihrer Schwester, die am Schwimmbecken auf sie wartete.

Wir entschieden, dass wir für den Tag genug hatten. Es war schon spät und Philip hatte betont, ich solle unbedingt pünktlich zum Abendessenerscheinen, weil meine Eltern von ihrer Geschäftsreise zurückkämen. Jacob und ich tauschten Handynummern aus und er versprach mir, sofort Bescheid zu sagen, falls er Neuigkeiten über unsere mögliche Verwandtschaft oder irgendwelche anderen Ideen hatte.

Mein Vater schien keine allzu gute Geschäftsreise gehabt zu haben. Nachdem er das übliche Tischgebet gesprochen hatte, verfiel er in einen Monolog darüber, dass die Moral des Landes zerfiele. Es ging um irgendeine Gerichtsverhandlung über Schwulenrechte und er verstand nicht, wie die Richter auch nur für einen Moment erwägen konnten, zugunsten der Schwulen zu entscheiden.

Ich tat so, als hätte ich ihm zugehört und nickte ab und zu, während ich mit meinen Gedanken komplett woanders war.

Jacob. Warum sahen wir uns so ähnlich? Zufall? Das war eine einfache, aber nicht wahrscheinliche Erklärung. Mir war nicht allzu viel über meine Familie bekannt, aber eine Verbindung konnte ich da nicht sehen. Meine Tante lebte an der Westküste und ihre Kinder waren bereits erwachsen.

Ich ließ meiner Fantasie freien Lauf. Vielleicht war er der uneheliche Sohn meines Vaters. Vielleicht hatte er meine Mutter betrogen, während sie schwanger mit mir war, weil sie ihn nicht rangelassen hatte? Bei dem Gedanken musste ich grinsen. So religiös wie mein Vater war, schien es unwahrscheinlich, dass er überhaupt Sex hatte. Andererseits, waren nicht gerade die Religiösen die Schlimmsten?

»Das würde ihn zu meinem Halbbruder machen«, sinnierte ich. Der Gedanke war aufregend. Ich hatte mir schon immer gewünscht, einen Bruder zu haben. Jemand in meinem Alter, der mich verstand und der auf meiner Seite war, der für mich da war und für den ich da war. Seit ich ein kleiner Junge war, hatte ich viele Bücher verschlungen und jedes Mal, wenn ich etwas über Brüder und ihre Verbundenheit las, sehnte ich mich danach, auch einen zu haben.

Auf die Frage, warum ich keinen Bruder hatte, wechselten meine Eltern immer das Thema und ignorierten mich. Ich schaute meinen Vater an. Außer unserer Haarfarbe hatten wir nicht viel gemeinsam. Gar nichts eigentlich, realisierte ich.

Vielleicht hatten sie als wir Babys waren, einen Fehler im Krankenhaus gemacht? Ich hatte mal von so etwas in den Nachrichten gehört. Zwei Babys waren verwechselt und in die falschen Betten gelegt worden. Die Eltern hatten dann das falsche Kind mit nach Hause genommen und das Ganze wurde erst viel später bemerkt.

War das vielleicht, was passiert war? Der Gedanke, dass meine Eltern vielleicht gar nicht wirklich meine Eltern waren, versetzte mich in eine komische Stimmung. Einerseits würde dies die Welt, wie ich sie kannte, zerstören und wenn meine Eltern das herausfanden… wer weiß schon, was die tun würden? Andererseits war es ein sehr interessanter Gedanke, dass es vielleicht jemanden da draußen gab, mit dem ich verwandt war. Vielleicht jemand, der nicht so engstirnig und intolerant war, wie meine Eltern es waren.

Mit diesen Gedanken ging ich in mein Zimmer und verbrachte den Abend damit, über all das nachzudenken. Als ich kurz davor war, ins Bett zu gehen, sah ich, dass ich eine neue SMS hatte:

Hey Josh, ich bin’s, Jacob. Hast du morgen Nachmittag Zeit? Wir müssen reden. Lass im Stadtpark am großen Springbrunnen treffen, ab 3 Uhr, wann immer du kannst.

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Hey Sammy, immer gerne :smiley:

tut mir leid, dass dieser Kommentar ein wenig länger auf sich warten lassen hat :grimacing:

Wem sagst du das ^^ Das kenn ich von meinen Geschichten auch ganz gut. Aber das spiegelt dir ja auch gut, wie du dich entwickelt hast :+1:

wir hatten doch damals diesen Schreibtippsthread. War cool, dass damals Autoren aus ihrem Erfahrungsschatz geteilt haben :slight_smile:

Ethan – einfach iconic! Man muss ihn einfach lieben :joy:

Na ja, den Hetero spielt er ja ziemlich überzeugend ^^

Also es gibt dazu sogar eine ziemlich gute Serie auf Netflix: Orphan Black

Da wiederum kann ich die Serie „Good Omens“ auf Amazon Prime empfehlen :sweat_smile:

Hey, kein Ding, ich bin ja selbst nicht grad pünktlich. :smiley:

Ich bin grad ein bisschen im Prüfungsstress, aber ich dachte mir es ist langsam Zeit, mal wieder was zu posten. :slight_smile:

Jacob
Ich schaffte es gerade so, rechtzeitig zum Abendessen nach Hause zu kommen. Nach dem Überraschungstreffen mit Josh waren Ethan und ich ins Einkaufszentrum gegangen, um noch ein wenig zusammen abzuhängen. Ethan war total super. Egal wie schlecht es einem ging, mit seiner lebensfrohen Art schaffte er es immer, einen wieder aufzumuntern. Er war dieser fröhliche Typ, der das Leben so nahm, wie es war und sich nie Sorgen machte. Außerdem war er ein guter Freund und einer der wenigen, denen ich vollkommen vertraute.

Wir waren schon seit Jahren befreundet und hatten praktisch keine Geheimnisse voreinander. Es war beinahe ein wenig komisch, einem Typen so nahe zu sein, aber es war gut so wie es war. Einen Freund, der mich so akzeptierte, wie ich war, hatte einen hohen Wert.

Meine Familie war arm. Mein Vater hatte früher ein Bauunternehmen geführt, bis aus irgendeinem Grund alles in die Brüche ging. Ich hatte nie verstanden, was genau passiert war. Irgendwie waren wir auf einmal pleite und ein wenig später hatte mein Vater einen schweren Autounfall. Es dauerte lange, bis er sich davon erholte. Das war Jahre her; ich war damals noch im Kindergarten.

Ich erinnere mich noch daran, dass wir eine Haushälterin und ein Dienstmädchen hatten, und all die anderen Dinge, die reiche Leute haben. Seit mein Vater pleitegegangen war, arbeitete meine Mutter als Haushälterin, während er von Job zu Job wanderte und versuchte, eine Festanstellung zu bekommen.

Der Unfall hatte seine Spuren hinterlassen. Er konnte keine schweren, körperlichen Arbeiten mehr verrichten und das machte das Ganze schwierig. Dann waren da noch die Schulden, die wir abbezahlen mussten. Nicht mehr viel, aber genug, um uns unten zu halten. Wir kamen irgendwie durch, aber es war nicht einfach. Fünf Personen brauchten Essen, die Wohnung musste bezahlt werden und die Schulsachen waren auch nicht gerade billig.

Ich war es gewohnt, die gebrauchten Klamotten meiner älteren Brüder zu tragen. Die ganzen neuen, teuren Sachen, die andere Leute hatten, brauchte ich nicht. Meine Familie liebte mich, ich hatte einen warmen Platz zum Schlafen und genug zu essen. Das war alles, was ich brauchte.

In der Schule sah das allerdings nicht jeder so. Ethan war derjenige, der mich vom ersten Tag an so akzeptierte, wie ich war, und immer einen dummen Spruch auf Lager hatte, wenn jemand sich über mein Aussehen lustig machte. Meine Brüder versuchten auch, auf mich aufzupassen, aber die konnten nicht überall sein. Ethan und ich hatten fast alle Stunden zusammen, also war er an meiner Seite, wenn sie nicht da sein konnten.

Glücklicherweise hatte ich diese Probleme so gut wie gar nicht mehr. Ich war viel selbstbewusster als früher und konnte auf mich selbst aufpassen. Nach den anfänglichen Problemen wurde ich sogar mehr oder weniger beliebt, dank meiner Brüder und deren Freunden. Und dank Ethan. Er war seitdem einer meiner besten Freunde, auch wenn er manchmal etwas verrückt war.

»Essen ist fertig!« rief meine Mutter, »Beeilt euch, bevor es kalt wird!«

Zusammen mit meinen Geschwistern eilte ich in die Küche. Mein ältester Bruder war Conrad. Mit achtzehn Jahren war er bereits in seinem letzten Schuljahr. Er war eine totale Sportskanone und hatte bereits ein Baseball-Vollstipendium sicher. Ohne dieses Stipendium hätten meine Eltern es sich nie leisten können, ihn auf die Uni zu schicken. Mein anderer Bruder war Ian. Er war sechzehn und in sogar noch besserer Form als Conrad. Es gab praktisch keine Sportart, die ihm nicht lag.

»Ich habe dich den ganzen Tag nicht gesehen, Jacob. Was hast du so gemacht? Und wie läuft’s in der Schule?« fragte meine Mutter mit einem Lächeln.

»War mit Ethan unterwegs, im Freibad und so. Schule ist ganz ok«, antwortete ich lässig.

Meine Eltern waren ziemlich cool. Einige meiner Schulfreunde hatten religiöse oder strenge Eltern. Meine gingen zwar in die Kirche, aber sie waren nicht besonders religiös und zwangen uns nie, mitzukommen. Auch wenn es darum ging, wann wir abends zu Hause sein mussten, waren sie nicht besonders streng. Wenigstens nicht, solange man ihnen keinen Grund dazu gab. Einmal kam Conrad spät abends nach Hause. Er hatte einen Joint geraucht und war immer noch ziemlich dicht. Meine Mutter hatte ihn total zur Schnecke gemacht. Ich war mir sicher gewesen, er würde für den Rest seines Lebens Hausarrest haben.

»Jacob, Lust morgen mit Basketball spielen zu kommen?« frage Ian mich. Im Vergleich zu meinen Brüdern war ich klein, aber sie luden mich trotzdem oft ein, wenn sie Basketball mit ihren Freunden spielten. Sie hatten es sich zu ihrer Aufgabe gemacht ihren kleinen Bruder, mich, mehr für Sport zu begeistern. Es war ihnen egal, dass ich nicht so gut wie sie war. Wir hatten Spaß zusammen und ich war ihr Bruder, das war alles, was zählte. Es war schön, wie gut wir miteinander auskamen.

»Danke, aber ich habe schon was vor, Ian. Tut mir leid. Ich würde gerne mitkommen, vielleicht nächstes Mal«, antwortete ich ihm. Ich war ehrlich enttäuscht, dass ich nicht mitkommen konnte. Basketball mit meinen Brüdern war immer gut.

Er zuckte mit den Achseln. »Deine Entscheidung, aber du solltest mal wieder mitspielen. Die Jungs fragen schon nach dir.« Ich nickte ihm zu. Ich hatte es definitiv gut. Nicht jeder hat zwei große Brüder, die darauf achten, ihren kleinen Bruder möglichst viel an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Genaugenommen war ich gar nicht so viel jünger, Ian war gerade mal ein Jahr älter als ich, aber ich war so viel kleiner und schwächer als meine Brüder, dass die meisten Leute dachten, wir lägen mehrere Jahre auseinander.

Ich wandte mich meiner Mutter zu. »Mama, haben wir irgendwelche Verwandten mit dem Nachnamen Adams?«

Sie dachte einen Moment nach. »Nein, zumindest nicht soweit ich weiß. Warum fragst du?«

»Ach, kein spezieller Grund, nur so«, wich ich aus.

Sie warf mir einen komischen Blick zu, fragte aber nicht weiter nach.

Als wir mit dem Abendessen fertig waren, verließ ich das Haus, um einen Spaziergang zu machen. Ich musste in Ruhe darüber nachdenken, was früher am Tag passiert war und in der Wohnung ging das nicht. Bei fünf Leuten auf so engem Raum gab es immer irgendwelche Hintergrundgeräusche oder jemanden, der mich ablenkte. Außerdem sorgte die frische Luft für einen klaren Kopf.

Josh zu treffen, war ein ziemlicher Schock gewesen. Es passiert nicht jeden Tag, dass man jemandem begegnet, der genauso aussieht, wie man selbst. Vielleicht fand meine Mutter doch noch etwas heraus. Unsere Familie war riesig; meine Eltern hatten beide vier Geschwister. Die meisten von denen hatten wiederum selber Kinder. Es war schwierig, sich alleine die Namen unserer Cousinen und Cousins zu merken.

Aber tief in mir hatte ich eine andere Idee, eher eine Furcht, über die ich nicht wirklich nachdenken wollte. Keiner in meiner Familie sah mir wirklich ähnlich. Meine ganze Familie war blond, ich hatte dunkelbraune Haare. All ihre Gesichter sahen sich irgendwie ähnlich, außer meinem.

Auf Familienbildern sah es beinahe so aus, als sei ich ein Freund der Familie, der aber eigentlich nicht wirklich dazugehörte. Ich verdrängte den Gedanken. Das musste nicht unbedingt etwas bedeuten. Trotzdem…

Ich zog mein Handy, das ich von meinem eigenen, hart erarbeiteten Geld gekauft hatte, aus meiner Tasche und rief Sarah an. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sie den Anruf entgegennahm.

»Hey J, was geht?«

»Hey Sarah, nur mal eine kurze Frage, hast du das mit Josh schon irgendwem erzählt?«

»Nein, warum fragst du?«

»Könntest du das erstmal für dich behalten? Ich will da erstmal selber drauf klarkommen, bevor jeder davon weiß.«

»Das muss ganz schön gruselig sein«, sagte sie verständnisvoll. »Ich meine, stell dir mal vor. Er sieht dir so ähnlich, er könnte dein Klon sein. Er könnte alles Mögliche machen und dich dafür beschuldigen. Scheiße, er könnte Pornos drehen und alle würden denken, das wärst du!« fügte sie lachend hinzu.

»Von allen vorstellbaren Dingen, fällt dir natürlich genau das ein, Sarah! Das kannst wirklich nur du«, beschwerte ich mich lachend. Sarah war nicht gerade eine Lady. Das machte sie zu einer genialen Freundin. Sie war keine Schlampe oder so, ich war mir ziemlich sicher, dass sie noch nie Sex gehabt hatte, aber sie war einfach sehr locker, wenn über solche Dinge geredet wurde.

»Haha, du kennst mich, da kann man nichts machen. Keine Sorge, ich werde keinem das Geheimnis von deinem Klon verraten.

»Danke, Sarah! Übrigens, es kann gut sein, dass ich es dieses Wochenende nicht schaffe, ins Schwimmbad zu kommen, bin mir aber noch nicht sicher«, sagte ich ihr.

»Schade, aber das kann ich verstehen«, erwiderte sie enttäuscht.

Wir verabschiedeten uns und legten auf. Lächelnd dachte ich darüber nach, wie gut wir befreundet waren. Ich kannte sie seit meinem ersten Jahr an der High-School. Das war jetzt fast zwei Jahre her, und seit etwa einem Jahr war ich heimlich in sie verknallt. Bisher hatte ich das aber immer irgendwie ignoriert, weil ich Angst hatte, dass es unsere Freundschaft kaputtmachen könnte.

Meine Brüder stichelten mich bereits deswegen, aber das taten sie natürlich nur, wenn wir unter uns waren. Sie wären niemals so grausam, mich damit aufzuziehen, wenn andere es hören könnten. Ich hatte Ethan immer noch nicht davon erzählt und das war eigentlich nicht gut, aber ich hatte Angst, dass es die Dinge zwischen uns dreien ändern könnte.

Ich rief Ethan an, um ihn um das Gleiche zu bitten, wie Sarah. Er versprach mir, dass er kein Sterbenswörtchen sagen würde. Danach dachte ich über Josh nach. Es war wohl am besten, ihn erst einmal besser kennen zu lernen. Alles andere würde sich daraus ergeben. Ich tippte ihm schnell eine SMS:

Hey Josh ich bin’s, Jacob. Hast du morgen Nachmittag Zeit? Wir müssen reden. Lass im Stadtpark am großen Springbrunnen treffen, ab 3 Uhr, wann immer du kannst.

Ich bekam fast sofort eine Antwort: Ok, werde da sein.

Ich spazierte noch eine Weile länger durch die Nachbarschaft und grübelte über all die neuen Probleme, aber auch Möglichkeiten, die diese Situation mit sich brachte. Zum Glück war unsere Nachbarschaft ziemlich sicher, selbst zu dieser Tageszeit, sodass ich sorglos draußen herumlaufen konnte. Als ich endlich wieder zu Hause ankam, waren Ian und Conrad gerade dabei, sich bettfertig zu machen. Wir hatten die unausgesprochene Vereinbarung, alle gegen zehn Uhr ins Bett zu gehen.

Mit drei Jungs in einem kleinen Zimmer war das schlicht und ergreifend notwendig. Wenn jemand länger wachblieb, würde er damit auch die anderen wachhalten. Als wir noch jünger waren, war das besonders nervig für Conrad. Er blieb dann oft noch in der Küche, bis er müde genug war, um zu schlafen. In den letzten zwei Jahren hatte sich das aber gebessert. Ian und ich waren älter, also blieben wir genauso lange wach wie Conrad.

Trotzdem, Conrad konnte es kaum erwarten, ins Wohnheim der Uni zu ziehen und ehrlich gesagt, Ian und ich konnten es auch nicht erwarten, den Raum für uns zu haben.

Nach wenigen Minuten schlief ich ein und träumte, dass Josh und ich Rollen tauschen und die Lehrer täuschen würden. Er schrieb meine Mathe- und Geschichtsklausuren und ich ging für ihn zu Französisch und Sport. Sprachen waren das Einzige, außer Sport, bei dem ich in der Schule etwas taugte. Ich war nicht dumm oder so, aber ich nahm das meiste in der Schule einfach nicht allzu ernst.

Fünfzehn Stunden später machte ich mich auf den Weg in den Stadtpark. Ich war aufgeregt, Josh wiederzusehen und dachte immer noch darüber nach, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Ich hoffte, wir würden zusammen eine Lösung finden. Es war komisch, aber trotz der kurzen Zeit, die wir miteinander verbracht hatten, fühlte ich bereits etwas Spezielles zwischen uns.

Josh
Es war ein wunderschöner Donnerstagnachmittag. Die Sonne schien und die Temperatur war perfekt. Nicht zu heiß, aber warm genug, um ein T-Shirt zu tragen. Ich sah Jacob auf mich zukommen und erhob mich von der Bank neben dem Springbrunnen.

»Hey, schön dich wiederzusehen«, begrüßte ich ihn. Ich war mir nicht sicher, ob ich seine Hand schütteln oder etwas anderes tun sollte, oder einfach gar nichts. Einen Moment lang sah er genauso unsicher aus, wie ich mich fühlte, aber dann bot er mir seine Hand an. Als ich sie mit meiner ergriff, zog er mich in eine halbe Umarmung; die Sorte, bei der man immer noch eine gewisse Distanz hält, weil man sich gleichzeitig den Händedruck zwischen sich hat.

»Hey, geht mir genauso. Danke fürs Kommen«, antwortete er. »Diese ganze Sache ist ziemlich verwirrend und ich musste unbedingt mit dir reden.«

»Geht mir genauso. Ich meine, wem würde es nicht so gehen?« erwiderte ich mit einem schüchternen Lächeln.

»Lasst uns irgendwo hingehen, wo wir unter uns sind«, schlug er vor, und zeigte auf einen der Wege, die durch den großen Park führten. Wir folgten dem Pfad für eine Weile, bis er in das Unterholz abbog. Nach einigen Minuten erreichten wir eine Lichtung und setzten uns dort auf den Rasen. Ich nahm meinen Rucksack ab und öffnete ihn.

»Ich habe uns ein paar Sandwiches geschmiert, falls du welche willst.« Ich hielt ihm eins entgegen. »Erdnussbutter mit zerdrückter Banane.«

»Geil, danke!« Jacob grinste. »Die beste Combo die’s gibt. Besser geht’s gar nicht!«

»Jap. Find ich auch«, antwortete ich und zwinkerte ihm zu. »Aber das sollte uns inzwischen nicht mehr überraschen, oder?«

Wir grinsten uns an und dann lachten wir. Dabei klangen wir genau gleich. Als wir aufgehört hatten zu lachen, schauten wir uns an und mussten wieder anfangen zu lachen.

»Das ist verdammt cool«, bemerkte Jacob. »Ich fühle mich immer noch, als ob ich träumen würde.«

Hier zu sitzen und mich mit ihm zu unterhalten, erzeugte ein wohliges Gefühl in mir. »Das geht mir aber genauso«, sagte ich nickend.

»Hat deine Mutter dir etwas Interessantes sagen können?« fragte ich vorsichtig. Das Thema veränderte die Atmosphäre sofort. Wir waren beide angespannt.

»Sie sagte, sie wisse von niemand mit dem Namen Adams in unserer Familie. Ich habe darüber nachgedacht. Meine Geschwister und Eltern sehen mir nicht wirklich ähnlich. Ich habe mir bisher nie viel dabei gedacht, außer, dass es ein wenig komisch ist, dass ich so anders aussehe, und Ian nur elf Monate älter ist, als ich.

Er schluckte, bevor er weitersprach. »Das Treffen mit dir hat das ein wenig geändert. Ich glaube, dass ich adoptiert bin.«

Ich schaute ihn nachdenklich an. »Ich habe auch darüber nachgedacht. Es gibt eigentlich nicht viele Möglichkeiten. Ich sage nicht, dass es so ist, aber theoretisch könnte dein Vater mit meiner Mutter oder deine Mutter mit meinem Vater geschlafen haben. Das würde uns zu Halbbrüdern machen. Aber das ist irgendwie unwahrscheinlich. Ich sehe meinen Eltern nämlich auch nicht gerade ähnlich.

Ich legte eine dramatische Pause ein und schluckte. »Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass wir beide adoptiert sind.«

Er schaute mich an, als hätte er gerade eine Erleuchtung gehabt. »Wie alt bist und wann ist dein Geburtstag?«

»Dritter Juli und ich bin fünfzehn, du?«

»Das kann kein Zufall sein. Ich bin auch fünfzehn und habe am selben Tag Geburtstag. Sieht so aus, als ob wir Zwillinge sind, aber von verschiedenen Familien adoptiert wurden.«

Ich schüttelte meinen Kopf. »Was hier passiert, ist total verrückt. Ich meine, wie wahrscheinlich ist es, dass so etwas passiert? Zwillinge werden durch Adoption getrennt und treffen sich dann zufällig wieder. Wie passiert so etwas?«

Er hatte keine Antwort darauf. Ich auch nicht.

»Weiß du«, sagte er und klang dabei ein wenig verzweifelt. »Das ist irgendwie abgefuckt. Ich liebe meine Familie und alles, aber ich verstehe nicht, warum sie mir das nie gesagt haben. Wie werden meine Brüder reagieren, wenn sie herausfinden, dass ich adoptiert bin? Das ist ganz schön viel auf einmal und es verändert meine Sichtweise auf mein bisheriges Leben komplett.«

Ich musste ihn nicht einmal anschauen, um zu wissen wie er sich fühlte. Gewöhnlich war ich nicht gerade der Typ für körperliche Nähe, aber vielleicht lag das auch einfach daran, dass es niemanden gab, der mir wirklich etwas bedeutete. Es tat mir weh, ihn so zu sehen. Ich rutsche herüber und legte einen Arm um seine Schulter. Ich konnte förmlich fühlen, wie die Anspannung seinen Körper verließ, als ob sie durch meinen Arm und mich fließen und dann im Boden verschwinden würde.

»Bei mir ist das etwas anders«, sagte ich. »Ich glaube nicht, dass meine Eltern mich je geliebt haben. Vielleicht haben sie das, aber wenn, dann haben sie es nicht wirklich gezeigt. So oder so, vieles von dem was ich mein ganzes Leben lang geglaubt habe, ist anscheinend nicht wahr. Meine Familie ist ziemlich traditionell. Wahrscheinlich haben meine Eltern mich einfach adoptiert, weil sie selber keinen Erben hervorbringen konnten. So absurd es auch klingt, es ergibt Sinn. Das ändert aber nichts daran, dass das ein ganz schöner Schlag ist.«

Er legte einen Arm um mich und wir saßen einige Momente so, ohne uns zu bewegen. Nach einer Weile trennten wir uns voneinander und rutschen zurück. Ich beobachtete, wie er sich eine Träne aus dem linken Auge wischte. Komisch, dieses Mal konnte ich mich beherrschen, aber jemand anders nicht. Wahrscheinlich war das hier deutlich härter für ihn, als für mich. Ich war meinen Eltern sowieso nie wirklich nahe gewesen.

Um die unangenehme Situation loszuwerden, griff ich nach zwei weiteren Sandwiches und gab ihm eines davon. Er dankte mir, froh, dass ich das Gesehene nicht kommentiert hatte.

»Es gibt da eine Sache die wir allerdings bedenken müssen«, sagte ich zögerlich. »Was, wenn wir eigentlich gar keine Zwillinge sind?«

Sein Gesicht nahm einen nachdenklichen Ausdruck an und er nahm sich eine Minute bevor er antwortete. »Es gibt keine andere Erklärung. Wir könnten DNA-Tests machen und sollten das wahrscheinlich auch, sobald unsere Eltern davon erfahren. Bis dahin erscheint es mir offensichtlich, dass wir es als Wahrheit akzeptieren sollten. Um ehrlich zu sein, selbst wenn es nicht wahr ist; jemanden zu haben, der genauso aussieht, wie man selbst, klingt verdammt cool. Unabhängig davon, ob wir nun wirklich Zwillinge sind, oder nicht.«

Er pausierte einen Moment. »Ich bezweifle aber, dass wir falsch liegen. Es würde nichts bringen, uns davon zu überzeugen, dass es nicht so ist, wenn es eigentlich total klar ist.«

Ich nickte nachdenklich, als er fertig war. Er hatte Recht. Ich konnte meine Eltern sowieso nicht wirklich fragen und es gab nichts Besseres, als den Gedanken, einen Zwilling zu haben. Selbst wenn wir keine Zwillinge waren, sahen wir uns immer noch so ähnlich wie Klone. Außerdem erschien es mir auch irgendwie unwahrscheinlich, dass wir uns irrten.

»Also, was sagt uns das? Was sollten wir tun?« fragte ich.

»Ich will meine Eltern noch nicht damit konfrontieren«, entschied er. »Außer uns wissen bisher nur Sarah und Ethan davon. Ich habe die beiden gebeten, es erst einmal geheim zu halten und vertraue ihnen.

»Ja, ich denke, dass es so besser ist«, stimmte ich zu. »Wenn meine Eltern davon erfahren, könnten sie abstreiten, dass ich adoptiert bin, und versuchen, uns voneinander fernzuhalten. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass sie genau das tun würden.«

Er nickte. »Okay, es bleibt erstmal ein Geheimnis.« Wir verstummten, dann änderte er das Thema. »Es gibt da noch etwas, worüber ich reden wollte. Ich würde gerne mehr über dich und dein Leben erfahren.

»Geht mir genauso«, antwortete ich. »Vielleicht sollten wir einfach damit anfangen und die ganzen Probleme für später überlassen. Willst du anfangen?

Er willigte ein und fing an über seine Eltern, seine Geschwister und seine Freunde in der Schule zu sprechen, insbesondere über Ethan und Sarah.

Ich versuchte, mir soviel ich nur konnte zu merken. Er ging oft auf Einzelheiten ein und teilte viele kleine Geschichten über seine Brüder, Ian und Conrad, über die Schule, zum Beispiel wie er sein Bein gebrochen hatte und erzählte von dem Tag an dem er Ethan kennengelernt hatte. Er sprach auch über seine Kindheit und dem Bankrott der Firma seines Vaters.

Je länger er über sich redete, desto mehr fühlte ich mich in ein anderes Leben gezogen, welches aber gewissermaßen auch gleichzeitig meines war. Ich hätte sehr gut in seiner Familie landen können, und er in meiner. Für einen kurzen Moment war ich eifersüchtig. Trotz seiner armen Familie schien sein Leben gut zu sein. Die Eifersucht wurde aber schnell von dem Gedanken niedergerungen, dass wenn ich sein Leben hätte, er dann auch meines hätte und meine Eltern wünschte ich keinem.

Als er zu Sarah kam, zögerte er kurz. »Ich habe noch nie jemandem davon erzählt, weil es keinen Grund dazu gab, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich es dir sagen sollte.« Er errötete. Ich nickte ihm ermutigend zu und er fuhr fort. »Ich stehe total auf sie. Das geht schon seit über einem Jahr so, aber ich will unsere Freundschaft nicht riskieren.« Er seufzte und dann lächelte er. »Ich habe das schon zu lange für mich behalten. Es fühlt sich gut an, das jemandem zu sagen. Behalte es aber bitte unbedingt für dich.«

»Na ja, dann haben wir ja wenigstens eine Sache gefunden, die wir nicht gemeinsam haben«, sagte ich zu mir selbst in Gedanken.

Bevor ich das kommentieren konnte, schaute er mich interessiert an. »Hast du eigentlich eine Freundin? Oder bist du in irgendwen verliebt?« Ich wollte ihn auf keinen Fall anlügen, aber die Wahrheit konnte ich ihm auch nicht sagen. Ich dachte schnell nach und guckte dann auf meine Handyuhr. »Es wird langsam spät und ich muss pünktlich zum Abendessen zu Hause sein. Ich werde dir morgen alles was du wissen willst, erzählen, okay?«

Er schaute mich ein wenig enttäuscht an, aber es war in der Tat spät. »Klingt gut. Ich habe freitags früh Schluss. Ich könnte so kurz nach eins kommen.«

Ich schenkte ihm ein breites Lächeln. »Ich auch. Treffen wir uns direkt hier? Dieser Ort ist perfekt.« Die Lichtung war tatsächlich wunderschön, und vor allem vor Blicken geschützt und abgelegen.

Wir verabschiedeten uns mit einer Umarmung. Er ging voller Erwartung über das, was er am nächsten Tag alles von mir hören würde, nach Hause. Ich hingegen machte mir Sorgen darüber, was ich ihm erzählen würde. Ihm mein Geheimnis zu verraten, zu sagen, dass ich schwul war, wäre ein großes Risiko. Ich wusste ja nicht einmal, wie er über Schwule dachte. Wenn er ein Problem damit hatte, könnte ich ganz schön in Schwierigkeiten geraten. Nicht nur würde ich ihn und Ethan verlieren, sondern er könnte sogar anderen davon erzählen. Wenn meine Eltern von solchen Gerüchten Wind bekämen… nein, das wäre gar nicht gut.

Andererseits würde er es sowieso irgendwann herausfinden. Könnte ich ihm überhaupt ins Gesicht lügen, geschweige denn später, wenn wir uns länger und besser kannten? »Wenn man Leute zu nahe an sich heranlässt, kann das gefährlich werden«, stellte ich fest. Irgendwie hatte ich aber auch die Hoffnung, dass ich in ihm endlich jemandem hatte, mit dem ich ehrlich sein konnte. Letzten Endes entschied ich, mit einer endgültigen Entscheidung bis zum nächsten Tag zu warten.

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Kein Problem. Viel Erfolg bei den Prüfungen :slight_smile:

Cool, mal was aus Jacobs Sicht und über seine Familie zu lesen. Die ist ja wirklich das komplette Gegenteil von Josh’ Familie. Schon krass, dass sie genetisch dieselbe Person sind, aber von so verschiedenen Familien großgezogen wurden–wann und wie auch immer die beiden getrennt wurden–wer weiß, was das für eine Auswirkung hatte.

Interessant, dass es jetzt eine ähnliche Debatte mit DeepFakes gibt, wo es auch die Befürchtung gibt, dass man damit kriminelle Sachen oder ähnliches anstellen könnte.

Wow, toller Moment. Die beiden kennen sich kaum, aber der Fakt, dass sie Brüder sind (zumindest ist das für sie aktuell offenbar die naheliegendste Erklärung, auch wenn sie noch nicht alles rekonstruieren konnten), reicht wohl dafür, einander zu vertrauen und gegenseitige Nähe zuzulassen.

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