Die Herrschaft des Feuers

Heute hast du ja allerhand rausgehauen. Danke dafür.

Jetzt ist Lio also ganz auf sich alleine gestellt, ohne Wiesel. Da aber Paskoan am Ende ein Geräusch hört, kann ich mir gut vorstellen, dass dieses Geräusch von Lio verursacht wurde, und die beiden bald aufeinandertreffen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es weitergeht.

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Soo, jetzt geht es mit einer kleinen Verspätung weiter. War eine stressige Woche.

Na das wäre doch ein sehr glücklicher Zufall. :stuck_out_tongue: Danke wie immer für deinen Kommentar! :slight_smile:

Kapitel 3 - Teil 13

Lionatras

Die Lichter verteilten sich hinter mir und immer mehr Stimmen klangen durch den Wald. Sie suchten nach mir. Finn suchte mach mir. »Lio!« Jeder Schritt tat weh. Sowohl innerlich, als auch äußerlich, aber ich lief weiter, während es um mich herum immer dunkler wurde. Wabernder, kalter Nebel zog auf. »Lio…« hörte man nun von allen Seiten. Irgendwann erkannte ich gar nichts mehr und aus dem Rennen wurde mehr und mehr ein Stolpern über Stock und Stein.

Das Unterholz wurde immer dichter, der Boden immer unebener und felsiger und ich kam immer langsamer voran. Ich konnte den immer dichter stehenden Bäumen gerade noch ausweichen. Schwer atmend und schweißgebadet konzentrierte ich mich nur noch darauf einen Fuß vor den anderen zu setzen, während immer wieder unerwartet Äste aus dem Dunkel auftauchten und mir ins Gesicht klatschten.

»Lio…«. Die Stimmen hinter mir wurden leiser und auch die Lichter schienen weiter zurück zu bleiben. Panik keimte ich mir auf. Ich konnte nicht die eigene Hand vor Augen erkennen, versuchte trotzdem immer den Ästen auszuweichen, aber das funktionierte nicht. Immer wenn ich meinte vielleicht einen Ast vor mir zu haben duckte ich mich, aber dann war dort am Boden nur eine Ranke oder eine Wurzel, die sich um meinen Knöchel wickelte und der tiefhängende Ast schlug mir trotzdem ins Gesicht. Irgendwann gab ich es auf und lief einfach nur noch weiter, tief in mich selbst zurückgezogen, wo kein Schmerz mich mehr erreichen konnte.

Auf einmal waren die Lichter weg. Auch die Rufe schienen verklungen zu sein. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wusste nicht mehr, wie lange ich schon so gelaufen war. Das Einzige, was ich noch hörte waren mein Keuchen und meine immer schwerer werdenden Schritte. Ich lief immer noch weiter.

Ich war so müde und so geschunden, dass ich wahrscheinlich auf der Stelle eingeschlafen wäre, hätte mich nicht irgendeine Kraft weiter nach vorne gezogen. Während ich so schwer atmend weiterlief, machte ich mir Gedanken um Kaldes. Er hatte den Brief gelesen und alles darangesetzt, mir zu folgen. Was, wenn er wirklich versucht hätte mich von der Hochzeit zu befreien? Was, wenn Finn mit mir ausgebrochen wäre? Doch ich vertrieb diese Gedanken schnell wieder. Ich war frei! Das rief ich mir immer wieder in den Kopf, doch es konnte mir nur noch ein müdes Lächeln entlocken. Ich hätte nicht gedacht, dass frei sein so anstrengend und so schmerzhaft sein konnte.

Auf einmal trat mein Fuß ins Leere. Ich stieß einen kurzen Schrei aus, als ich auf einmal von den Füßen gerissen wurde und einen steilen, mit spitzen Steinen übersäten Abhang hinabstürzte, mich mehrfach überschlug und schließlich in einen Bachlauf platschte. Das Wasser war eiskalt, aber ich blieb trotzdem mit dem Gesicht nach oben liegen. Der Schock verhinderte, dass ich mich bewegen konnte. Alles tat mir weh. Es war vielleicht auch ganz gut, dass es so dunkel war, dachte ich mir, so konnte ich immerhin nicht nachgucken wie zerschunden mein Körper war.

So lag ich dort im eiskalten Wasser, wusste nicht mehr wie viel Zeit vergangen war. Ich konnte mich nicht mehr dazu aufraffen irgendetwas zu bewegen. Über mir schimmerte ein Mond durch das Blätterdach und Leise kullerten ein paar Tränen von meiner Wange und vermischten sich mit dem im Mondlicht silbern schimmernden Wasser, das mein Gesicht umspülte. Wabernder Nebel legte sich um mich, zog in Schlieren um mich herum und schien mich sachte einzulullen und verschlucken zu wollen. So sollte es nicht enden.

Plötzlich erklang in der Ferne, aus der Richtung, aus der ich kam, ein unheimliches Geräusch. Es war weder ein Geheul, noch ein tiefes Knurren, sondern irgendetwas dazwischen. Rasende Angst packte mich und irgendein Urtrieb schaffte es doch noch, die letzten Energiereserven meines Körpers zu mobilisieren und ich richtete mich zitternd auf.

Jetzt war mir kalt. Umso mehr sehnte ich mich nach Kaldes warmer Umarmung oder zumindest der tierischen Wärme von Wiesel. Warum hatte Wiesel mich bloß verlassen? Ich dachte wir wären beste Freunde und er würde zu mir halten. Untreues Tier, dachte ich mir nur und biss die Zähne zusammen, als ich zitternd vor Kälte und Nässe aus dem Bachlauf stieg und mich an meinen aufgeschürften Händen an der Böschung hochziehen musste. Ich lief weiter in den Wald hinein, entgegen der Richtung, aus der das Geräusch kam. Es wiederholte sich und es klang jedes Mal näher.

Man erzählte sich viele Gruselgeschichten über den Wald, dass dort jedes Lebewesen, das es gibt, dich umbringen und verspeisen will. Vielleicht war an ihnen ja doch etwas dran. Überall um mich herum knackte es in den Büschen und mein Kopf zuckte hin und her, doch es war vergeblich, denn ich konnte nie etwas in der Düsternis erkennen. Die Vögel waren längst verstummt, sie hatten sich alle in ihre warmen, sicheren Nester verkrochen und der Himmel war unter dem dichten Blätterdach nicht zu sehen. Mir fiel auf, dass die Bäume hier noch viel mehr Blätter zu haben schienen, als in den kleinen Hainen, die ich auf dem Weg gesehen hatte. Es war bitterkalt und es schien von Minute zu Minute kälter zu werden.

Auf einmal erklang ein lautes Knacken direkt hinter mir, genau auf der Stelle, auf der ich eben noch gestanden hatte. Mein Kopf ruckte hin und her, doch in konnte in der absoluten Dunkelheit nichts erkennen. Der Mond, der eben noch durch das Blätterdach geschienen hatte war nunmehr verschwunden und spendete kein Licht mehr. Leichte Schritte auf dem Laub entfernten sich, kamen wieder näher. Plötzlich raschelte es direkt vor mir und wieder waren es leise Schritte, die sich entfernten. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Das Heulen war nun schon länger nicht mehr erklungen, aber wer weiß, was das hier war? Ich suchte weiter, nach irgendetwas, was ich sehen konnte, doch da war nichts. Obwohl? Bildete ich mir das nur ein oder sah ich pulsierende, durch die Gegend schwirrende Lichtflecken? Sie waren nur gerade eben erkennbar und nichts deutete darauf hin, dass ich sie wirklich sah.

Das Rascheln, knacken und tapsen um mich herum wurde immer lauter, kam aus allen Richtungen und ich bekam Panik. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken herab und mein Herz klopfte wie wild. Ich wollte nicht gefressen werden und so begann ich zu rennen, wie ich noch nie in meinem Leben gerannt bin. Ich rannte um mein Leben. Auf einmal sah ich zwei riesige, reflektierende Augen vor mir auf dem Weg, die auf einmal verschwunden waren und direkt hinter mir erklang ein animalisches Knurren.

Ich rannte noch schneller. Die herumflitzenden Lichtpunkte wurden immer heller und größer. Ich schien sie mir doch nicht einzubilden, denn bald konnte ich erste Formen erkennen. Ein allumfassendes Geheul erklang um mich herum. Ich sah mich immer noch voller Angst im vollen Lauf um. In einem Moment war hinter mir ein verdammt großer schwarzer Schemen, im nächsten Moment war er weg. Immer mehr Schemen blitzten auf, verschwanden, immer mehr Geraschel und Knacken erklang, immer lauter wurde das Knurren und es kam immer näher. Ich hatte so viel Angst. Ich wollte nicht sterben. Die Menschen hatten recht gehabt zu sagen, dass der Wald nichts für mich ist. Das ist also Freiheit.

Ich rannte weiter fast blind durch den Wald, die Panik und allumfassende Angst war das Einzige, was ich in diesem Moment spürte. Renn. Renn. Renn.

Direkt hinter mir raschelte es wieder und ich riss den Kopf herum, um zumindest zu sehen, was mich verschlingen würden. Doch da war nichts.

Als ich den Kopf wieder umdrehte kam plötzlich aus dem Nichts ein riesiger schwarzer Schemen hervorgeschossen, krachte in mich hinein und alles um mich herum wurde schwarz.

ich weiss, du verrätst mal wieder nichts.

nein, ich danke dir, dass du dir immer wieder die Zeit nimmst, und hier Geschichten schreibst und dir auch ausdenkst.

Und schon wieder ein Cliffhanger der übelsten Sorte. Du verstehst es gut, es sehr spannend zu machen.
Jetzt weiss ich nicht, ob es wirklich ein Monster ist, was Lio hoffentlich überlebt, oder ob es vielleicht doch Paskoan ist?

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Hihi, mit dem nächsten Teil kommt schon wieder der nächste Kippenhänger und deine Frage wird nicht beantwortet, das kommt erst im nächsten Teil. :stuck_out_tongue: böses Bösewichtlachen

Kapitel 4 - Teil 1

Lionatras

Mit einem pochenden Schädel kam ich langsam zu mir. Das erste, was mir auffiel, bevor ich die Augen aufschlug war, dass mir alles weh tat. Mir war innerlich eiskalt, aber von außen schien mich eine glühende Wärme zu umfassen. Ich hörte um mich herum ein leichtes prasseln und ein heller Lichtschimmer schien durch meine geschlossenen Augenlieder. Irgendwo in weiter Ferne flüsterte etwas. Es konnte aber genau so gut der Wind in den Bäumen gewesen sein, der außerhalb des Balkons die Blätter zum rascheln gebracht hatte. Neben mir erklangen die ruhigen Atemzüge von jemand schlafenden. Es roch…vertraut aber irgendwie auch fremd. Mit einem Ruck setzte ich mich auf und schlug die Augen auf. Doch bevor ich irgendetwas sehen konnte, wurde mir schwindelig und ich sackte mit einem lauten Rascheln wieder zurück auf mein Bett. Ich war Zuhause, kam mir in den Sinn, als mir nach und nach wieder einfiel, was geschehen war. Ich konnte also beruhigt liegen bleiben. Mein Kopf pochte jetzt wieder stärker und der Schmerz schnitt mir mit glühenden Fingern ins Gehirn. Mit viel Mühe gelang es mir den rechten Arm zu heben und mir an die Stirn zu fühlen, doch was ich fühlte überraschte mich so sehr, dass mich doch dazu entschied meine schweren Augenlieder zu öffnen: Ich hatte einen Verband aus Moos und Ranken um den Kopf gewickelt. Als ich langsam und mühsam die Augen öffnete sah ich etwas, das mich noch mehr irritierte, als der Moosverband.

Als sich mein Blick langsam klärte schaute ich an eine erdige Decke, die leicht bröckelig und durch und durch mit Wurzeln durchzogen war. Ein prasselndes Lagerfeuer brannte neben mir, warf seinen hellen flackernden Schein in die Höhle, in der ich mich befand und großzügig seine Wärme verteilte. Ich schaute mich um und sah, dass das Schnarchen neben mir, von einem monströsen, schwarzen Wolf kam. Ich sah ihn erst benommen an, aber dann riss ich vor Erschrecken die Augen auf, als ich realisierte was da neben mir lag. Reflexartig drückte ich mich an die Wand und schob mich so schnell es mit meinem kaputten Körper ging in die hinterste Ecke der Höhle. Ich schien dabei irgend etwas umgeschmissen zu haben, auf jeden Fall erklang ein lautes Poltern und die Bestie öffnete ruckartig die Augen. Ich verharrte und sah ihn nur voller Respekt an. Der Wolf drehte den Kopf zu mir, schaute mich aus friedlichen Augen an, legte seinen riesigen Kopf wieder zwischen seine Vorderbeine und schloss die Augen. Bereits wenige Momente später erfüllte wieder ein friedliches Schnarchen die Höhle.

Wie ich da so dich an die erdige Wand gedrückt saß fielen mir nach und nach immer mehr Details ins Auge. Ich habe nicht auf einem Bett gelegen, sondern auf einem Haufen von trockenen Blättern, die ich teilweise noch nie gesehen hatte. Oben in der Höhle war ein kleines Loch, durch das der Rauch abziehen konnte. Durch den Rauch hindurch sah ich, neben Laub, Wurzeln und einigem anderen verwelkenden Grünzeug, ein kleines Stückchen blauen Himmel hervor blitzen. Es war also schon wieder Tag? Was war passiert und wie war ich hier hingekommen? Ich lebte noch und war nicht gefressen worden, so viel stand fest. Verwirrt sah ich mich weiter um. Gegenüber von mir, auf der anderen Seite des Wolfes machte die Höhle einen Knick, hinter dem der Eingang liegen musste, den ich aber nicht sehen konnte. Scheinbar hatte das Poltern nicht nur den Wolf geweckt, jedenfalls kam etwas um die Ecke, mit dem ich am wenigsten gerechnet hatte.

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naja, ein bisschen hast du es ja schon verraten, grins. aber ich bin trotzdem gespannt, ob ich richtig liege ich will natürlich nicht zuviel verraten, hehe

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Dann gucken wir mal, ob du richtig liegst. :stuck_out_tongue:

Kapitel 4 - Teil 2

Lionatras

Es war ein Junge, ungefähr in meinem Alter. Er sah wild aus, hatte mittellanges Haar von undefinierbarer Farbe, das ihm zottelig fast bis in die Augen hing. Es war ziemlich verfilzt und überall steckten kleine Äste und Blätter darin. Allgemein war er ziemlich verdreckt und trug nur eine unter den Knien zerfetzte Leinenhose, allerdings hatte er sich, wie es aussah, aus Ranken und Blättern ein Oberteil gebastelt, das seine blasse Brust zum Teil bedeckte. Aus all dem Dreck stachen zwei leicht schräg stehende, große, eisblaue Augen heftig heraus. Er war zwar ziemlich schlank, aber sehr kräftig. Er kam auf keinen Fall aus einem der Dörfer in der Umgebung. Das sah man ihm auf den ersten Blick an. Die anderen verwahrlosten Kinder, die man sonst so sah, sahen ganz anders aus. Er blieb stehen und fixierte mich mit seinen stechenden Augen. Hinter ihm schoben sich noch vier andere Ungetüme von Wölfen um die Ecke und schauten mich aus neugierigen, aber hungrigen, schwarzen Augen an.

Ich drückte mich noch fester an die Wand und begann zu zittern. Also war es wahr was man sich immer erzählte? Es wimmelte im Wald von kannibalischen Barbaren, die mit unschuldigen Kindern noch Schlimmeres anstellten? Mein Kopf begann zu rattern, als sich all die neuen Fragen auftaten, wobei das immerwährende Pochen in meinem Kopf nicht zur Besserung beitrug. Schließlich begann ich zu reden, was ich immer tat, wenn ich Angst hatte und jemand da war, der mir zuhören konnte. »Wo bin ich? Wer bist du? Wie bin ich hierhergekommen? Wie konnte das passieren? Warum bist du hier? Weshalb lebe ich noch? Wirst du mich töten? Wirst du mich essen? Wie es die Barbaren im Wald immer zu tun pflegen?« Irgendwann gingen mir die Fragen aus, während ich mich weiter in eine dunklere Ecke schob und ihn nur noch ansah. Auch er sah mich lange an und verzog angestrengt das Gesicht. »Kannst du nicht sprechen wie jeder andere Mensch auch? Ist das normal unter Barbaren?« Irgendwann öffnete er den Mund und fing schleppend an zu sprechen. Erst klang seine Stimme brüchig, doch nach einigen Sekunden kam eine tiefe, schöne Stimme zum Vorschein. »Du bist bei mir Zuhause. Ich bin Koan.« Er sprach langsam und machte nach jedem Satz eine Pause, in der er zu überlegen schien, was er sagen sollte. »Wer bist du?« Er hatte einen komischen Akzent, den ich noch nie gehört hatte, und das obwohl sich in Silberfels alle Akzente der ganzen Königreiche trafen. »Lio.« sagte ich zögernd. Ich wusste nicht wie viel ich von mir freigeben konnte, ohne dass sich meine Überlebenschance drastisch verringerte.

Er schien einen Moment lang stark zu überlegen, vermutlich welche Fragen ich noch gestellt hatte. Leicht belustigt sagte er; »Du bist gegen einen…Ast gelaufen. Er…hing tief. Und war…dick.« Immer wieder stockte er und suchte nach passenden Worten. Dabei gestikulierte er stark und verzog grimmig das Gesicht, wenn es ihm nicht einfiel. »Dabei hast du…« er hielt frustriert inne und zeigte mit seiner Hand auf seinen Kopf. Daher kamen also die heftigen Kopfschmerzen. Aber warum hatte er mich verfolgt? Das fragte ich ihn dann auch laut. »Wir waren…neugierig. Es…macht nicht jeden Tag…jemand so viel Lärm…im Wald. Du wurdest…gerufen…und hast geschrien. Wir dachten…du könntest…Hilfe…brauchen.«

Er schaute frustriert über seine eindeutig eingerostete Sprache in der Gegend herum und dann intensiv in das hell lodernde Feuer. »Ich war nicht laut!« Empörte ich mich. Ich war schließlich so leise ich konnte gelaufen. »Und wer sind „wir“?« Er zeigte mit einer ausholenden Bewegung auf die riesigen schwarzen Wölfe hinter ihm, die mich immer noch unentwegt ansahen. »Das sind meine besten…Freunde. Und…ich esse dich nicht. Ich bin…esse kein Fleisch. Und sie dich auch nicht. Ich pass auf.« So ganz wollte ich ihm aber doch nicht glauben. Immer noch skeptisch sah ich ihn und die Wölfe an, aber schließlich löste sich meine Anspannung etwas, ich setzte mich hin und schaute an mir herab. Der Anblick konnte sich allerdings sehen lassen. Ich war von oben bis unten zerschrammt, unzählige verkrustete Schürfwunden und Kratzer verteilten sich über alles Sichtbare und mein Reisemantel hing in Fetzen an mir herab. Überall steckten kleinere Äste und Blätter in der ehemals so weichen Wolle. Ich kam mir irgendwie entblößt vor und die Gewissheit, dass er mich schon so gesehen hatte, als ich noch ohnmächtig war gefiel mir gar nicht. Ich zog die Knie an und machte mich so klein es ging.

Auch er setzte sich und sah mich weiter unentwegt an. Ein Wolf krabbelte zu seiner Rechten unter seinen Arm und stupste ihn an. Das kannte ich auch von Wiesel, dachte ich mir erfreut. Er machte das immer, wenn er gestreichelt werden wollte. So sah ich Koan, oder wie auch immer er hieß, schließlich war das ein ziemlich komischer Name, zum ersten Mal lächeln, als er den Wolf ansah, liebevoll seinen Arm um den Wolf legte und ihn begann zu streicheln. Die drei anderen Wölfe taten es ihrem Artgenossen nach und kuschelten sich eng an ihn. Einzig der, der vorher schon da gewesen war, blieb liegen und sah den Jungen sehnsüchtig an.

»Wie bin ich hierhergekommen?« fragte ich ihn schließlich. Wie aus einem Traum gerissen zuckte er zusammen und sah mich wieder an. »Ich hab dich getragen.« sagte er überrascht. »Wie…solltest du sonst hergekommen sein?« Recht hatte er, auch wenn die Vorstellung, dass er mich getragen hatte, wie weit auch immer das gewesen sein mag, noch weniger behagte. Ich hätte es ihm gar nicht zugetraut, dass er so stark war, obwohl sich bei genauerem hinsehen doch einige drahtige Muskeln auf seiner blassen Haut abzeichneten.

Als ich mich dabei ertappte sah ich schnell weg und fragte stattdessen »Wo kommst du denn her? Aus einem Dorf in der Nähe?« »Nicht…von hier.« antwortete er ausweichend und wendete den Blick ab. Was hatte er denn zu verbergen? Dieser Junge kam mir reichlich merkwürdig vor. Ich wollte gerade noch genauer darauf eingehen, als auf einmal ein winziges, leicht leuchtendes Wesen hinter ihm um die Ecke geflattert kam. Sofort vergaß ich, was ich eben noch sagen wollte und sah es mit offenstehendem Mund an. Das musste eine Fee sein, dachte ich mir. Sie sah leicht verschlafen aus und flatterte auf Koan zu und schien mich nicht zu bemerken. Koan meinen verblüfften Blick aber sehr wohl und er drehte sich um. Die kleine Fee zwitscherte ihn an und er antwortete in einer mir vollkommen unbekannten Sprache. Es hörte sich an, wie eine Mischung aus Summ-, Schnalz- und Pfeiftönen. Fasziniert sah ich zu. Die Fee schien ihn allerdings zu meiner Überraschung zu verstehen und sah mich nun hellwach an. Ich musste ziemlich perplex geguckt haben, denn das kleine Wesen begann zu kichern, wuschelte Koan noch einmal durch die Haare und verschwand eilig und laut zwitschernd aus der Höhle. Er sah ihr lächelnd nach und wandte sich dann wieder mir zu. »Wo kommst du her?« fragte er schließlich aus echtem Interesse. »Das könnte eine lange Geschichte werden.« warnte ich ihn vor, doch er zuckte nur mit den Schultern und ich begann zu reden.

Endlich sind sie sich begegnet. Vielen Dank für diesen neuen Teil

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Kapitel 4 - Teil 3

Lionatras

Ich erzählte ihm alles, was bisher passiert war. Von meiner Geburt an, über die Missstände mit meinen Brüdern, die Hochzeit und wie ich in den Wald gekommen war. Ich machte mir nun keine Gedanken mehr darüber, ob ich ihm alles erzählen sollte oder nicht, denn es tat gut, sich einmal alles vom Herzen zu reden. Er hörte aufmerksam zu und viele meiner Gefühle zeichneten sich in seinem Gesicht ab, als ich davon erzählte. Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu erzählen. Mein Kopf zwickte nur noch ein wenig. Ich konnte den Lauf der Sonne durch das schmale Loch in der Decke erahnen. Der Tag neigte sich mehr und mehr seinem Ende zu und es wurde dunkel. Irgendwann machte er etwas zu essen, signalisierte mir aber, dass ich ruhig weiterreden könne. Er briet etwas wie bläulich schimmernde Wurzeln und rote Beeren im Feuer, zermanschte es zu einem lila Brei und bot mir etwas davon an. Es sah komisch aus und roch merkwürdig. Ich lehnte dankend ab und meinte, dass ich noch genug zu essen in meiner Tasche hätte. Ich sprang auf. »Meine Tasche!« erst jetzt fiel mir auf, dass sie nicht bei mir war, sondern wahrscheinlich noch irgendwo draußen lag. »Warum hast du sie nicht mitgebracht?« brauste ich ihn etwas schärfer als gedacht an und er zuckte zusammen. Unverständnis füllte seinen Blick »Ich hab keine…Tasche gesehen.« bekundete er schmollend. Er fühlte sich offensichtlich ungerecht von mir behandelt. Ich machte Anstalten die Höhle zu verlassen um sie zu suchen, die mein Kopf allerdings sofort mit heftigem Pochen und Schwindel quittierte. Ich musste mich auf meinen Händen abstützen, um nicht umzukippen, während sich mein Sichtfeld einengte. Das war nicht gut. »Nicht jetzt suchen. Ist zu dunkel. Paar Geschichten über Wald wahr. Morgen suchen.« Widerstrebend setzte ich mich zurück auf meinen Platz, während sich mein Kopf wieder beruhigte. Sein Essen rührte ich trotzdem nicht an und redete weiter.

Lange Zeit später endete ich meine Geschichte und musste zugeben, dass ich nun doch ein wenig Heimweh hatte. Ich sehnte mich nach einer warmen Umarmung, einem guten Essen und einem weichen Bett. Doch ich bemerkte, dass Koan und alle bis auf einen Wolf eingeschlafen waren. Er sah so friedlich und klein aus, wenn er schlief. Er hatte sich zu einer schmalen Kugel zusammengerollt und seine „Freunde“ drückten sich schnarchend eng an ihn und wärmten ihn. Sein Gesicht sah so glücklich und wohlig aus, dass ich mir in diesem Moment umso mehr die Gegenwart von Wiesel wünschte. Ich sah den einzigen wachen Wolf in der Höhle an und er sah aus wachen Augen zurück. Mittlerweile hatte ich ein wenig die Angst vor diesen Tieren verloren und das Fell sah so weich und flauschig aus. Ich stand schwankend auf und ging zu ihm, wie ich sonst immer auf Wiesel zugegangen bin, der mich dann Schwanz wedelnd empfangen hatte. Als ich mich näherte sträubte sich das Fell des Wolfes, er zog die Lefzen hoch, entblößte seine scharfen, langen Eckzähne und knurrte mich warnend an. Er bewegte sich keinen Fleck von Koans Seite. Geschockt stolperte ich einige Schritte rückwärts und setzte mich auf meinen Hosenboden. So rollte ich mich einsam und frierend ein und weinte mich zitternd in den Schlaf. Allein und weit weg von allem Bekannten. Das ist Freiheit. Während ich langsam einschlief hörte ich nur noch das warme prasseln des Feuers und in weiter Ferne Stimmen, die nach mir riefen, doch dem maß ich keine Bedeutung mehr zu, es könnte genau so gut schon im Traum gewesen sein. So schlief ich ein.

Hoffentlich sind die Wölfe nicht hinderlich daran, wenn sich die beiden näher kommen. Ansonsten sieht es so aus, dass sich die beiden doch ein bisschen näher kommen.

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