Italien-Sommer, Sonne und zwei Jungs

Liebe queerpoint-user! Wir haben frohe Kunde: Ein paar der beliebten Geschichten von damals konnten wir ganz oder teilweise aus dem Cache diverser Suchmaschinen retten, so auch diese hier. Viel Spaß damit! :slight_smile:

Autor: anybody

Thread eröffnet: Feb 2011

TEIL 1

Um das vorweg zu nehmen: Eigentlich mag ich meine Eltern! Auch wenn es vielleicht nicht immer den Anschein hat, doch insgesamt verstehen wir uns sehr gut. Das allerdings war der blödeste Einfall den sie jemals hatten. Zwei Wochen Adria, in meinen letzten Sommerferien vorm Abi! Während meine Freunde in Spanien einen drauf machen, soll ich in Italien mit meinen Eltern auf dem Campingplatz schmoren. „Der letzte gemeinsame Urlaub“ haben sie gesagt. Da pfeif ich doch drauf. Aber es half alles nichts, ich musste mit. Von meinen Freunden war ich entweder mitleidig belächelt, oder schlicht und ergreifend, ausgelacht worden.

So saß ich jetzt, drei Monate nachdem meine Eltern die „freudige“ Überraschung verkündet hatten, hinter dem Steuer unseres alten Kombis und nahm die Auffahrt auf die Autobahn, welche mich geradewegs in zwei Wochen Langeweile bringen sollte. „Eine gute Chance um mehr Fahrpraxis zu bekommen“ versuchte meine Mutter mir die erste Fahrschicht schmackhaft zu machen. Es war kurz nach vier Uhr morgens und meine Laune hatte bereits den ersten Tiefpunkt des Tages erreicht. Natürlich war Stau an allen Ecken und Enden, so dauerte die Fahrt nur schlappe 14 Stunden. Neun Stunden fuhren wir davon in der prallen Sonne. Eine Klimaanlage? Wofür das denn?! Nach gefühlten 1000 erfolglosen Versuchen mein Schicksal doch noch abzuwenden, erreichten wir schließlich den Campingplatz. Dank des guten Service durch das kompetente Fachpersonal dauerte es gerade mal zwei Stunden, bis unser gemieteter „camping-wagon“ ausfindig und bezugsfertig gemacht worden war. Der „5-Sterne-Luxuswagen“ glich aus der Nähe eher einer Hundehütte, aus der sogar die Ratten geflohen waren. Na klasse! Enthusiastisch fingen meine Eltern an die Sachen aus dem Auto in unser „Zuhause“ für die nächsten Wochen zu räumen. Widerwillig nahm auch ich meinen Koffer und sicherte mir das Zimmer am linken Ende des Wagons. Immerhin war das Zimmer besser, als es der Wagen von außen vermuten ließ. Das große Doppelbett war sauber und auch die Schränke wirken alle, als wären sie in einem ganz passablen Zustand. Na immerhin, dachte ich und versuchte der Situation etwas positives abzugewinnen. Ich kramte in meinem Koffer bis ich Handtücher und Wechselkleidung gefunden hatte und begab mich erst einmal unter die Dusche. Als ich das Badezimmer wieder verließ, fühlte ich mich schon etwas wohler, ohne die verschwitzten Sachen, und auch meine Laune hatte sich ein ganz klein wenig gebessert. Ich beschloss die Zeit zu nutzen, während meine Eltern noch am auspacken waren, um unsere Nachbarschaft zu begutachten. Die Hitze des Tages hatte schon ein bisschen nachgelassen, wodurch es draußen halbwegs erträglich geworden war. Meine Eltern waren gerade dabei die mitgebrachten Lebensmittel in der eingebauten Küche zu verstauen und ließen mich intelligenterweise in Ruhe, sie wussten ja um meine Laune.

In jedem Quergang zur „Hauptstraße“ des Campingplatzes befanden sich zwanzig „camping-wagons“, 10 auf jeder Seite. Ich trat aus dem Wagon und betrachtete die anderen Wagons. Was ich sah, machte mir auch nicht wirklich Hoffnung für die kommenden zwei Wochen. Überall Familien mit Kindern im Alter von 4-14 Jahren. Natürlich alles aus Deutschland, jenes verrieten einem die Autokennzeichen. Ein paar Wohnwagons wirkten verlassen, so auch der direkt neben unserem. Vor unserem Wagon stand ein weißer Plastiktisch, mit vier dazu passenden Stühlen. Ich suchte mir den Stuhl, der noch am vertrauensvollsten aussah und richtete ihn so aus, dass ich den perfekten Blick auf den Gang hatte. Seufzend ließ ich mich nieder, als ein verheißungsvolles Knacken die Luft erfüllte. Ehe ich wusste wie mir geschah, landete ich mit meinem Hinterteil auf dem vertrockneten Grasboden. Ich schlug noch einen, vermutlich seeehr eleganten halben Purzelbaum rückwärts und fand dann, halb auf der Seite liegend, endlich die Kontrolle über meine Gliedmaßen wieder. Von rechts hörte ich auch schon ein schadenfrohes, amüsiertes Lachen. Ungeschickt und mit einer Wut im Bauch erhob ich mich, um zu sehen, wer auch noch so frech war mich auszulachen. In der Tür des eben noch verlassenen Wagons nebenan, stand ein braunhaariger Jugendlicher und versuchte schuldbewusst sein Lachen zu verbergen. „Findest du das komisch?!“ stieß ich erbost aus und stapfte in seine Richtung. Doch meine Wut verflog jäh, als ich seine Mine sah. Das schlechte Gewissen darüber, mich ausgelacht zu haben, stand ihm ins Gesicht geschrieben und seine leuchtend grünen Augen baten aufrichtig um Verzeihung. Sein Blick alleine reichte schon aus, dass ich ihm verzieh…

4 Likes

Wenn ich mich recht erinnere, war das meine allererste Geschichte, die ich auf boypoint gelesen habe. Freut mich, dass sie hier wieder veröffentlicht wird

3 Likes

Huhu,

awwww :heart_eyes:, ich habe diese Geschichte meggaaaaa, geliebt. Habe sie damals auf Boypoint mehrmals durchgelesen. :blue_book:

Wer kennt es nicht, man würde gerne mit Freunden verreisen und die eigene Familie, schleppt einen mit.

Wer da wohl so schöne leuchtende Grüne Augen hat :pleading_face: :pleading_face: :face_with_hand_over_mouth: :face_with_hand_over_mouth:

Ich freue mich schon auf Kapitel zwei

LG Knutschkugel

2 Likes

haha, das könnte ich sein

1 Like

Es freut uns, dass sich einige an diese Geschichte erinnern und sich freuen, sie nochmal lesen zu können! :slight_smile: Daher gleich der nächste Teil.

Das werden wir bestimmt gleich erfahren. ^^

Das Lachen oder das einklappen mit dem Stuhl? :smiley:

TEIL 2

„Es tut mir Leid, ich wollte dich nicht auslachen, aber das sah einfach zu komisch aus“ entschuldigte er sich und kam auf mich zu. Ich schaute zurück auf die Überreste des Gartenstuhls und nickte: „Ja, das muss es wohl.“ „Ich bin der Eddy“ stellte er sich vor und reichte mir die Hand. „Ben“ erwiderte ich und schlug ein. Er konnte der einzige gleichaltrige auf dem Campingplatz sein. Ein wenig Hoffnung keimte in mir auf, vielleicht würden die kommenden Tage doch etwas interessanter werden. „Sieht aus als wäre wir Nachbarn, wie lange bist du schon hier?“ fragte ich. „Wir sind auch gestern erst angekommen. Wie lange bleibt ihr?“ „Zwei Wochen“ „So lange bleiben wir auch, aber du klingst nicht besonders glücklich darüber?“ „Naja ich wurde zum mitfahren gezwungen. Bist du freiwillig mit deinen Eltern gefahren?“ „Es waren eher unglückliche Umstände, die mich zum Mitfahren bewegt haben.“ Für einen Moment war seine Miene wie versteinert, als erinnere er sich an etwas schlimmes. Dann kehrte das Lächeln zurück. „Hey, wie wäre es, wenn ich meine vorige Unhöflichkeit mit einem Bier wieder gut mache?“ Ich tat so als müsste ich erst einen Moment überlegen, dann meinte ich: „Ja, ich glaube das wäre ein guter Ausgleich.“ „Gut, ich habe gesehen, dass es an der Einkaufspassage am Eingang eine Bar gibt, lass uns doch da hin gehen.“ „Einen Augenblick, ich hole nur schnell Portmonee und Handy.“ Ich lief zurück zu unserem Wagon und ging in meinem Zimmer. Schnell fand ich die beiden gesuchten Gegenstände und stopfte sie in die Taschen meiner Badeshorts. Beim Rausgehen rief ich noch schnell: „Bin weg, komme irgendwann wieder!“ „Pass auf, dass du den Weg zurück findest“ rief meine Mutter mir noch zu, doch ich hatte gar nicht hin gehört. Einige Sekunden später, war ich wieder draußen bei Eddy und wir machten uns auf den Weg zu der Bar.

Es wurde allmählich dämmrig und auf der „Hauptstraße“ kam uns ein Wagen entgegen, der die Bäume mit Insektenvernichter besprühte. Nicht, dass es etwas gebracht hätte. Die Mücken waren sowieso allgegenwärtig. Es dauerte einige Zeit, bis wir die Bar endlich gefunden hatten. Der Campingplatz war groß und wir gingen durch zahlreiche Neben- und Hauptgänge, bis wir endlich den Eingangsbereich des Platzes erreicht hatten. Die Bar war klein und zur Straße hin offen. Wie sich das in Italien gehörte, durfte die eingebaute Eisdiele nicht fehlen. Viele Urlauber saßen an den zahlreichen Tischen, die in der Allee zwischen Straße und Gebäudefront standen und genossen den Sommerabend. Wir suchten uns einen freien Tisch und sofort war eine Bedienung zur Stelle, die uns die Karte überreichte und nach unserem Getränkewunsch fragte. Sie sprach perfektes Deutsch, lediglich der Akzent verriet, dass sie Italienerin war. Man konnte meinen, man sei in Deutschland. Eddy bestellte wie versprochen das Bier und wir machten uns einen ruhigen Abend, während ich mich von den Strapazen der Reise erholte. Wir verstanden uns auf Anhieb super und so kamen zu dem einen Bier schnell noch vier weitere.

Gegen 1 Uhr überlegten wir uns dann, langsam mal zurück zu gehen. Wir zahlten, nahmen ein Eis als Marschverpflegung mit und gingen, leicht angeheitert, in die Nacht. „Moment!“ Eddy blieb stehen. „Du warst noch gar nicht am Strand oder?“ „Nee, warum?“ „Mitkommen!“ Er drehte um und ging in die entgegen gesetzte Richtung. Achselzuckend folgte ich ihm. Nur fünf Minuten später fanden wir uns an der hell-erleuchteten Strandpromenade wieder. Uns kamen viele Eltern entgegen, die sich vermutlich nach einem anstrengenden Tag mit den Kindern jetzt bei einem Abendspaziergang entspannten. Meine schlechte Laune war endgültig verschwunden, denn die Atmosphäre welche ich auf der Promenade erlebte, machte alles wieder wett.

Der Mond spiegelte sich auf den sanften Wellen der Adria und das Rauschen des Wassers sowie die zahlreichen zirpenden Grillen erzeugten eine einzigartige Geräuschkulisse. Ansonsten war nichts zu hören. „Lass uns zum Wasser gehen.“ schlug er vor. Wir zogen die Flip-Flops aus und stiefelten barfuß durch den kühlen Sand. Ich schlurfte die letzten Reste meines Zitroneneises und schlenderte so weit ins Wasser, bis die Wellen meine Knie umspülten. Das Wasser war schon kälter, aber noch weit davon entfernt, unangenehm zu sein. Was für ein schöner Abend, dachte ich, als ich den klaren Sternenhimmel betrachtete. Wo war eigentlich Eddy?

Verwundert schaute ich mich um. Ich entdeckte ihn weiter hinten am Strand, wo er gerade dabei war sein Hemd auszuziehen. Der wollte doch wohl nicht schwimmen gehen oder? Anscheinend doch. Er zog seine Wertsachen aus den Taschen und deponierte sie auf Hemd und Flip-Flops. Dann stürmte er, nur noch mit der Badeshorts bekleidet, auf mich zu. Oh nein! Schnell hob ich die Arme. „Moment, mein Handy!“ Er hörte meinen Einwand gerade noch rechtzeitig, denn er stürzte in die Wellen, an statt mich umzureißen. Prustend tauchte er wieder auf: „Du hast 30 Sekunden!“ drohte er lachend. Ich beeilte mich und schmiss meine Sachen neben seine, ehe ich, ebenfalls nur noch in Badeshorts, auf ihn stürzte. Ich packte ihn von hinten und wollte ihn in dem kalten Nass versenken, doch mit dem was er dann tat hatte ich nicht gerechnet.

Er hebelte mich aus und warf mich über seine Schulter ins Wasser. Vor lauter Überraschung zog ich einen Schwall Salzwasser in meine Lungen und tauchte hustend wieder auf. „ Alles OK?“ fragte er und klopfte mir auf den Rücken. Als ich endlich wieder zu Luft kam zeigte ich mit dem Finger auf ihn und sagte: „Das war absolut nicht fair!“ Er setzte wieder seine Unschuldsmiene auf, welche diesmal allerdings von einem spitzbübischem Lächeln durchbrochen war: „Ich hab mich nur verteidigt“. Wir begannen wieder zu rangeln und tauchten beide ins Wasser. Als wir wieder auftauchten erwartete uns eine Überraschung…

1 Like

Heyyy,

Awww, der zweite Teil ist ja mal mega gut :heart_eyes::heart_eyes:

Hihi, ja, dass muss wohl wirklich zu witzig ausgesehen haben mit dem Stuhl :face_with_hand_over_mouth::face_with_hand_over_mouth::face_with_hand_over_mouth:

Ben, was für ein toller Name :heart_eyes::heart_eyes:

Es ist schon echt süß, wie die beiden sich direkt am Anfang schon so gut verstehen :pleading_face::pleading_face:

Hihi, wie die beiden sich direkt schon im zweiten Kapitel ausziehen müssen :face_with_hand_over_mouth::face_with_hand_over_mouth::face_with_hand_over_mouth:und sich dann direkt im Wasser rangeln müssen uhhh :face_with_hand_over_mouth::face_with_hand_over_mouth::face_with_hand_over_mouth:

Welche Überraschung wir wohl im nächsten Kapitel erfahren werden? Ich bin gespannt!

Ein echt schönes Kapitel :slight_smile:

1 Like

das ging ja schnell mit dem neuen Teil
@system ich meinte mich mit dem Stuhl einklappen

1 Like

Hey,

Auf jeden Fall. :smiley: Ich glaube jeder von uns kennt diese bröseligen weißen Stapelstühle, die beim Anschauen schon fast auseinanderfallen. ^^

Finde ich auch. Ein bisschen beneidenswert, ehrlich gesagt. ^^ Extrovertierte Menschen haben soo viele Vorteile im Leben. :sweat_smile:

Die Geschichte liefert definitiv das, was man lesen will. :stuck_out_tongue:

Ich werde jetzt auch die Frequenz etwas herunter fahren, damit wir nicht so schnell alles verfeuert haben. :wink:

Aber der nächste Teil folgt sofort! :slight_smile:

TEIL 3

Vom Strand her wurden wir von einem hellen Scheinwerfer geblendet. Wir konnten hören, wie jemand in verschiedenen Sprachen nach uns rief. Die englische Version verstand ich dann, wir sollten aus dem Wasser kommen. Auch Eddy hatte verstanden und wir wateten aus dem Wasser. Am Strand stand ein Platzwächter, sein Quad hatte er als Spot auf uns gerichtet. Ich konnte mich nicht erinnern, irgendwelche Verbotsschilder übersehen zu haben, mal schauen was er wollte. Ruhig aber bestimmt erklärte der Mann, dass das Schwimmen in der Nacht verboten war, weil es zu gefährlich sei. Danach folgte noch ein moralischer Vortrag, dass wir es nicht noch einmal tun sollten, soviel wie uns passieren könne. Während des Vortrages schauten Eddy und ich uns immer wieder belustigt an, wir hatten den Punkt der Ansprache ja schon lange verstanden.

Schließlich stieg der Mann wieder auf sein Quad und fuhr davon. So standen wir da, tropfend und frierend, da wir nichts hatten, um uns abzutrocknen. „Lass uns zurück gehen, es wird kalt.“ sagte ich. Er nickte, wir nahmen unsere Sachen und liefen zurück zur Strandpromenade. Von dort aus suchten wir uns den erstbesten Nebengang. Der Gang lag im Dunkeln, in keinem der Wagons brannte noch Licht. Da kam mir eine Idee.

Ich huschte zwischen zwei Wagons, Eddy folgte mir, ohne zu wissen was ich vor hatte. Die Wagons waren mit Wäscheleinen verbunden, auf denen die Bewohner ihre Sachen trockneten. Ich schaute mich einmal kurz um, dann schnappte ich mir eines der Handtücher von der Leine und hielt es Eddy hin: „Hier, wir müssen uns abtrocknen, sonst verbringen wir den Rest des Urlaubs krank im Bett.“ Er nahm das Handtuch und begann damit sich abzutrocknen. Ich griff mir ein weiteres Handtuch und begann mich ebenfalls ab. Zwar nicht die feine Art, aber es merkt schon keiner, dachte ich. „Warte!“ Ich wollte gerade mein T-Shirt anziehen, doch er hielt mich zurück und trocknete, vorsichtig darauf bedacht nicht zu grob zu sein, meinen Rücken ab. Als er fertig war drehte ich mich zu ihm um.

Einen seltsamen Moment lang schauten wir uns tief in die Augen. Er stand dicht vor mir, seine noch feuchten Haare lagen zerwuschelt auf dem Kopf und seine Lippen umspielte wieder dieses sympathische Lächeln, dass ich heute schon so oft gesehen hatte. Eine verwirrende Erkenntnis traf mich: Er sah wunderschön aus! Hastig zog ich mein T-Shirt an und hängte das Handtuch zurück auf die Leine. Im Folgenden irrten wir schweigend durch die Gänge. Ich war viel zu sehr mit meinen Gedanken beschäftigt, als noch reden zu können.

Nach einiger Zeit fiel mir auf, das mir keiner der Gänge oder Wagons bekannt vor kam. Wir hatten uns verlaufen. „Weißt du welche Nummern unsere Wagons hatten, oder in welchem Block sie standen?“ Er zuckte mit den Schulter: „Ich hab keine Ahnung…Aber warte mal, ich habe irgendwo den Schlüssel für unseren Wagon, da müsste ja eine Nummer draufstehen.“ Er kramte in seinen Taschen, bis er schließlich einen kleinen Schlüssel hervorzog. Er hielt ihn ins Licht und betrachtete ihn prüfend. „Block N, Wagon 1903. Wo sind wir gerade?“ fragte er und schaute sich um. „Block J“ sagte ich und zeigte auf das Schild, „die Richtung!“ gab ich an und ging nach links. Weiter oben hatte ich ein Schild entdeckt, auf dem ein K gedruckt war, also musste das die Richtung sein. Es dauerte noch eine Weile, doch schlussendlich standen wir wieder vor unseren Wagons. Einen Moment verharrten wir vollkommen still, so als würden wir beide noch etwas sagen wollen, aber keiner fand die passenden Worte.

Letztlich durchbrach ich das Schweigen: „Danke für den schönen Abend!“ Mit diesen Worten verabschiedete ich mich in meinen Wagon. Als ich gerade die Tür hinter mir zuziehen wollte, hörte ich ihn noch sagen: „Mir hat es auch sehr gut gefallen.“ Ich schaute noch einmal aus dem Wagon und blinzelte ihm zu. Er stand nur da und lächelte mich an. Ich schloss die Tür und ging in mein Zimmer. Nachdem ich mich meiner Bade- und Boxershorts entledigt hatte, plumpste ich in mein Bett. Der Alkohol und die Müdigkeit verhinderten, dass meine Gedanken noch einmal zurück zu der seltsamen Erkenntnis wanderten, denn sofort schlummerte ich tief und fest.

das ist genein, mich so lange warten zu lassen, hehe. Aber ich freue mich trotzdem immer wieder über Lesestoff.
Ich meine mich noch einigermassen an das Ende zu erinnern, möchte aber nicht spoilern

1 Like

TEIL 4

Ich schlug die Augen auf und blickte an die mir unbekannte Kunststoffdecke.

Wo bin ich?

Es dauerte einen Moment, dann kamen die Erinnerungen an den letzten Tag zurück und ein lautes Knurren verriet mir, dass mein Magen leer war. Also erstmal was frühstücken. Ich zog mir schnell meine Shorts an und watschelte in die Küche, während ich versuchte mir den letzten Schlaf aus den Augen zu reiben.

„Ahh, guten Morgen. Ist der Nachtschwärmer also auch schon aufgestanden?“ begrüßte mich mein Vater, als ich die „Küche“ betrat. Die Küche bestand eigentlich nur aus einer kleinen Schrankwand, in die eine Spüle, ein Herd und ein Ofen eingelassen war, sowie ein kleiner Tisch mit einer Sitzecke für 2-3 Personen und zu guter Letzt zwei Stühle. Da ich gestern keine Zeit gehabt hatte, mich mit unserem Wagon zu beschäftigen, schaute ich mich jetzt ein wenig genauer um. Die Aufteilung war sehr einfach. Am linken Ende lag mein Zimmer, direkt an dem Flur angeschlossen das Badezimmer, mit Dusche, Toilette und Waschbecken. Vom Eingang aus auf der rechten Seite lag die offene Küche und am rechten Ende, das zweite Schlafzimmer. Für zwei Wochen wird’s wohl reichen. Meine Eltern saßen um den Küchentisch, der mit Frühstück gedeckt war.

„Ja, bin ich. Wie spät ist es überhaupt?“ fragte ich und ließ mich auf die Sitzbank fallen. „Halb Elf. Darf man fragen, wo du so lange warst?“ „In der Bar und am Strand, wenn ihr es unbedingt wissen wollt“ der Groll gegen meine Eltern kehrte zurück, allerdings schon viel schwächer, als er gestern noch gewesen war.

„Allein?“ fragte meine Mutter erstaunt. „Nein, mit dem Jungen der nebenan wohnt, Eddy.“ „Ahh, hast du also schon einen Freund gefunden?“ freute sie sich mit einer Stimme, als würde sie mit einem Acht-jährigen reden. „Hör auf das in den Dreck zu ziehen, ich versuche nur, mir die Zeit hier etwas erträglicher zu machen.“ erwiderte ich gereizt. Meine Mutter wollte sich gerade über meinen Ton beschweren, da wechselte mein Vater geschickt das Thema: „Du weißt nicht zufällig , was es mit dem kaputten Gartenstuhl vor dem Wagon auf sich hat, oder?“ „Doch, ich habe mich reingesetzt und er ist zerbrochen“ erklärte ich. „Dann sei bitte so nett und ruf später bei der Verwaltung an, dass die uns einen Neuen Stuhl bringen“ bat mein Vater, sichtlich bemüht, einen Streit zu verhindern. „Ja, mach ich später.“

Nachdem ich gefrühstückt und geduscht hatte, ging ich nach draußen. Es war noch nicht einmal 11 Uhr, dennoch waren es auf dem Thermometer schon knapp 30° Celsius. Neben dem Tisch lagen noch immer die Trümmer des Stuhls. Ich erinnerte mich daran, wie er unter meinem Gewicht zusammen gebrochen war und schmunzelte. Das muss wirklich komisch ausgesehen haben. Der Wagon von Eddy lag verlassen da, sogar das Auto war weg. Schade, eigentlich hatte ich gehofft heute wieder etwas mit Eddy machen zu können. Vielleicht kommt er ja auch gleich irgendwann wieder. So würde ich mich erst einmal dem Stuhlproblem zuwenden. Um zu gucken, ob die anderen Stühle stabiler waren, übte ich mit einer Hand ein wenig Druck auf einen der Stühle aus. Sofort knackte es bedrohlich, was mir Beweis genug war, dass die anderen auch nicht in Ordnung waren.

Auf dem Weg nach drinnen kamen mir meine Eltern entgegen. Sie erfüllten voll und ganz das Klischee eines typischen deutschen Urlaubers: Mein Vater trug ein weißes Unterhemd und eine kurze Badeshorts, auf dem Kopf eine alte Kappe und unter den Armen schleppte er Liegestuhl und Sonnenschirm. Meine Mutter war beladen mit einer Strandtasche und einer Kühltasche. Ihre Kleidung war bestimmt schon vor zwei Jahrzehnten out gewesen. Also bei denen in der Nähe werde ich mich nicht blicken lassen, das ist ja peinlich! „Wir wollen jetzt ein wenig zum Strand, kommst du mit?“ fragte mein Vater.

„Nein, ich werde mich jetzt erst mal um den Stuhl kümmern, eventuell schaue ich später mal vorbei.“ „Danke, bis nachher.“ antworte mein Vater, meine Mutter begnügte sich damit mich schnippisch anzugucken, sie war immer noch eingeschnappt, weil ich sie beim Frühstück so angemacht hatte. Als sie weg waren, nahm ich mir das eingebaute Telefon und rief bei der Verwaltung des Parks an, es dauerte eine Zeit, bis jemand abnahm.

„Buona giornata, gestione de parchi“ „Äh…si“ stammelte ich. Ich hatte kein Wort verstanden. „Tengo…un…problema…“ „English, Italiano, Portugese o German?“ unterbrach mich eine sympathische Frauenstimme. Warum versuchte ich auch auf Spanisch mit ihr zu reden? „German, bitte“ Oh man, wie peinlich…„Wie kann ich Ihnen helfen?“ fragte die Frau, in flüssigem Deutsch. „Ähm ja, wir haben hier ein Problem mit den Gartenmöbeln. Einer der Stühle ist gestern zusammengebrochen.“ „Ok, ich schicke ihnen sofort einen Mitarbeiter, sagen Sie mir bitte einmal die Nummer ihres Wagons.“ „Aber natürlich, Wagon 1902, in Block N.“

Es dauerte eine halbe Stunde, bis ein Truck des Campingplatzes vorgefahren kam, aus dem ein kleiner, schmächtiger Mann stieg. Um den Hals trug er eine goldene Kette mit einem Abbild der heiligen Jungfrau Maria. Er kam auf mich zu und reckte mir, mit einem schleimigen Lächeln im Gesicht, die Hand entgegen. „Mein Name iste Guiseppe, wie ich kann helfen?“ „Ben“ stellte ich mich knapp vor und deutete auf den kaputten Stuhl „Die Stühle sind kaputt, die brechen sofort zusammen, wenn man sich drauf setzt.“ „Das…ähh…kann nicht sein! Sind äh…höchste Qualität, wenn Sie haben zerbrochen die Stühle, sie müssen bezahlen!“ Hab ich mich verhört? „Entschuldigen Sie,“ ich war bemüht trotz der dreisten Forderung des Parkangestellten ruhig zu bleiben. „Sie haben da wohl etwas falsch verstanden, die Stühle waren schon instabil, als wir ankamen. Sie können sich ja gerne mal setzen, und sich selbst von dem schlechten Zustand der Stühle überzeugen.“

Ich hatte gehofft, dass Guiseppe Probleme mit dem Deutsch gehabt hatte, als er unterstellte, dass ich den Stuhl absichtlich beschädigt hätte, doch das war nicht der Fall. Ich hatte lediglich das Heißblut des Italieners unterschätzt. „Das iste einfach unglaublich! Sie glauben ich sei dumm, doch das, ich kann garantieren, iste nicht der Fall, denn ich habe sehr wohl verstanden. Ich verstehe wie Sie Deutsche hier hin kommen, denken alle Italiener wären dumm und können einfach machen kaputt, was sie wollen!“ Ich wusste überhaupt nicht wie mir geschah, mehr und mehr redete der Mann sich in einen Rausch. Er beschwerte sich über den Müll der deutschen Touristen, darüber, dass die Deutschen andauernd italienische Mädchen verführen würden und immer so weiter. Hilflos stand ich da und versuchte verzweifelt, nicht über den 1,50 Meter großen, wie Rumpelstilzchen hüpfenden, fast kahlköpfigen Mann zu lachen. Schließlich wurde ich von der italienischen Nationalhymne gerettet.

Laut, und scheinbar voller Stolz schmetterte Guiseppes Handy DAS Symbol italienischen Nationalstolzes. „Scusi“ unterbrach der Mann seine Schimpftirade und zog das Handy hervor. „Maria…“ mehr verstand ich nicht, denn der Rest war nur noch italienisches Kauderwelsch für mich. Es dauerte nicht lange, da wurde er wieder lauter. Schließlich brüllte er in das Telefon, so wie er eben noch mich angebrüllt hatte. Plötzlich verstummte er. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht und er brachte nur noch ein Wort hervor: „Mama“. Sogar ich konnte hören, wie die Mutter ihren Sohn durch das Telefon zusammenfaltete. Dieser indes wurde immer kleiner und kleiner, das einzige Wort was jetzt noch über seine Lippen kam, war „Scusi“. Wie ein geschundener Hund trottete er umher, sich immer wieder entschuldigend. Bevor ich eine Warnung von mir geben konnte, setzte er sich in einen der Stühle. Es knackte und ihn ereilte das gleiche Schicksal, welches auch mich am vorigen Abend getroffen hatte.

Ich eilte zu ihm und wollte ihm auf helfen, da hörte ich Eddys Stimme: „Das ist aber nicht sehr nett von dir, du wusstest doch, dass die Stühle kaputt sind. Der arme Guiseppe.“ Er stand neben dem Truck und grinste mich schelmisch an, sodass die Verteidigung, zu der ich gerade ansetzte, überflüssig wurde. Verwirrt kam der kleine Italiener wieder auf die Beine. Er sagte noch kurz etwas ins Handy und schob es zurück in seine Tasche. Ein breites Lächeln trat auf sein Gesicht, als er Eddy sah.

Freudig schlossen die beiden sich in die Arme und nun war ich derjenige der verwirrt guckte. „Wir kommen schon seit einigen Jahren her und im Laufe der Zeit haben wir uns miteinander angefreundet.“ erklärte Eddy. „Sage mal, wo iste klein Robin? Iste er dieses Jahr nichte mit?“ fragte Guiseppe ihn. „Äh nein, ist er nicht.“ erwiderte dieser und für einen Moment lag wieder dieser traurige Ausdruck in seinen Augen. Nur für eine Sekunde, dann war das Lächeln zurück, doch seine Augen wirkten auch einige Augenblicke später noch sonderbar leer. Wer war dieser Robin? Und warum löste dieser Name so eine Reaktion bei Eddy aus? Ich nahm mir vor ihn später danach zu fragen. „Iche glaube, ich muss mich bei ihnen entschuldigen, ich werde ihnen sofort neue Stühle geben.“ sagte Guiseppe und fing an, die kaputten Stühle gegen Neue von seinem Truck zu tauschen. „

Also, wenn du jetzt jedes mal einen Stuhl kaputt gehen läßt, wenn ich um die Ecke komme, machst du den Campingplatz arm.“ neckte Eddy mich weiter. „Das war eigentlich nicht mein Plan. Wo warst du? Ich hatte schon befürchtet, ich müsse den Tag mit meinen Eltern verbringen.“

„Ich war mit meinen Eltern auf dem Fischmarkt, sie wollten unbedingt, dass ich mit gehe.“ „Fangen diese Dinger nicht immer schon um 6 Uhr an?“ „Ja leider. Ich hab 2 Stunden geschlafen. Aber egal. Kannst du surfen?“ „Tjaa, ich hab 7 Stunden geschlafen.“ Für diesen Kommentar erntete ich einen bitterbösen Blick. „Weiß nicht, habe ich noch nie ausprobiert, warum fragst du?“ „Ich könnte versuchen es dir beizubringen. Wenn meine Eltern gleich hier sind können wir zu einem Strand fahren, an dem man super surfen kann, Da ist auch nicht so viel los, wie hier an der überfüllten Promenade.“ „Gerne, ich wollte schon immer mal surfen lernen.“

Inzwischen war Guiseppe fertig mit dem Austauschen der Stühle, sogar die Teile der beiden zerstörten Stühle hatte er eingesammelt. „Bitte entschuldigen Sie noch einmal mein Verhalten, iche habe manchmal mit der vielen Sonne zu kämpfen, Sie verstehen?“ versuchte er sich rauszureden. „Ist schon Ok.“ entgegnete ich und Guiseppe verschwand in seinem Truck. „Komischer Kautz. Du kannst dir nicht vorstellen, wie der vorhin über uns Deutsche gemeckert hat.“ erzählte ich Eddy.

„Du musst wissen, seine beiden Ex-Frauen haben ihn jeweils wegen deutschen Touristen verlassen, seitdem mag er uns Deutsche so wenig.“ „Das erklärt natürlich einiges.“ „Ja. Meine Eltern werden gleich hier sein, ich gehe mich schon einmal umziehen, dann können wir sofort los.“

@Iroc erstmal vielen Dank für einen neuen Teil dieser super Geschichte. Es freut mich, sie wieder lesen zu können

omg, ich glaube, ich wäre ihm an die Gurgel gegangen, hehe. Gott sei Dank hat er es später selbst gemerkt, als er sich auf einen Stuhl gesetzt hat.

Irgendwie habe ich Robin nicht mehr auf dem Schirm; ist schon zu lange her, dass ich diese Geschichte gelesen habe. Aber ich habe so eine böse Ahnung.Ich möchte aber auch nicht spekulieren, weil du eh nichts verrätst.

1 Like

Hehe, Italiener können manchmal echt temperamentvoll sein. :smiley: Finde ich immer klasse, wenn Menschen so emotional reden können, ich bin nur lieber nicht derjenige, der die Tiraden abbekommt. :smiley:

Der nächste Teil konnte leider nicht aus dem Suchmaschinencache gerettet werden, daher fehlt hier mindestens ein Teil. :frowning:

In grober Zusammenfassung: Eddy und Ben verbringen einen Nachmittag am Strand, Eddy bringt Ben das Surfen bei und sie haben viel Spaß dabei (hoffentlich einigermaßen korrekt).

Falls irgendjemand noch Kontakt zu anybody herstellen kann, bitte bescheid geben! :slight_smile:

TEIL 5

Eine Stunde später parkten wir das Auto am Rand einer Straße, die parallel zum Meer verlief. Die Temperaturen hatten bereits ihren Hochpunkt erreicht, 36° Celsius zeigte das Thermometer im Auto. Lediglich der Wind sorgte dafür, dass man es noch einigermaßen aushalten konnte. Auf der Fahrt zum Strand hatte Eddy mir einige lustige Stories über Guiseppe erzählt, wie sie ihn zum Beispiel einmal zum Grillen eingeladen hatten, bei dem er sich sehr viel Wein einverleibt hatte. Als sie dann am nächsten Morgen auf dem Weg zum Strand waren, fanden sie ihn in einer Hecke schlafend, weil er den Weg zum Bungalow der Mitarbeiter nicht mehr gefunden hatte.

Nach der Fahrt im aufgeheizten Auto drängten wir jetzt beide darauf, ins kühle Wasser zu kommen. Ich holte zwei Handtücher aus dem Kofferraum, Eddy löste unterdessen die Surfbretter vom Dach. Er drückte mir das längere von beiden in die Hand, ein schlichtes, weiß-grün gestreiftes Surfbrett. Sein Brett hingegen war vollkommen anders: es war ein gute Stück kürzer als meins und wilde Graffitis zierten beide Seiten.

"Warum habt ihr eigentlich zwei Surfbretter? Ich gehe mal nicht davon aus, dass deine Eltern surfen und du alleine brauchst doch keine zwei oder?“ fragte ich ihn. ”Nein, meine Eltern surfen nicht, aber dieses hier,“ er hob seins hoch, ”gehörte einmal jemand anders, der es jetzt nicht mehr benötigt.“ erklärte er. ”So nun muss ich einmal schauen, wo der Eingang war“ Er ging vor der Rosenhecke auf und ab und suchte. Verwirrt schaute ich ihm zu. Die Hecke war so hoch, dass man kaum darüber gucken konnte. Die Äste saßen voller Dornen und spitzer Stacheln, ich glaubte nicht, dass wir da durchkamen.

”Bist du sicher, dass das hier war? Für mich sieht das nämlich nicht so aus, als ob man da durch zu einem Strand kommt.“ erkundigte ich mich. ”Doch, doch. Es gibt hier irgendwo einen Durchgang, ich muss ihn nur wiederfinden. Aha!“ Triumphierend lächelte er, dann schob er plötzlich sein Surfbrett durch die Hecke. Vor uns lag ein Durchgang, der gerade breit genug war, dass ein Mensch hindurch passte, ohne sich an den Dornen zu verletzen. Das Surfbrett lag auf dem Boden und bildete einen Steg über einen abgeknickten Ast.

”Bitte, nach ihnen“ freundlich bedeutete Eddy mir hindurch zu treten. Verwundert schob ich mich durch die Hecke, vorsichtig darauf bedacht, keine Bekanntschaft mit den Stacheln zu machen. ”Sag mal, wie hast du denn diesen Weg gefunden?“ Eddy folgte mir, dann zog er sein Surfbrett hervor, der Ast schleuderte zurück in die Hecke. Wer nicht wusste, dass es diesen Ast gab, wäre nie auf die Idee gekommen, dass er so biegsam war und einem die Möglichkeit gab die Hecke zu passieren.

”Durch Zufall. Wir waren einmal unterwegs, da schubste mein…“ mitten im Satz verstummte er, sein Blick wurde glasig. ”Jaa? Wer machte was?“ hakte ich nach. ”Nicht so wichtig“ wehrte er ab ”Lass uns zum Wasser gehen, mir ist echt schweinsmäßig warm.“ fuhr er abwesend fort. Wie sollte ich das jetzt wieder verstehen?

Ich folgte ihm über eine Düne, dahinter lag einer der schönsten Strände, die ich je gesehen hatte. Hohe Steinwälle zogen sich von der Düne bis einige hundert Meter ins Wasser und es schien, als schirmten sie die Bucht vom Rest der Welt ab. Wellen die einige Meter hoch waren strömten herein. Außer uns befand sich keine Menschenseele in der Bucht. Es waren keine Autos zu hören, keine herumschreienden Kinder, nur das Rauschen der Wellen. Eine salzige Brise wehte mir ins Gesicht, die Zeit an diesem Ort schien still zu stehen.

”Bezaubernd nicht wahr?“ Eddy schaute mich an, auch er war von dem Eindruck überwältigt. ”Ja. Na los, sonst brennen mir die Füße weg!“ Ich rannte die Düne hinunter, am Strand ließ ich die Handtücher fallen, ehe ich mich mitsamt Surfbrett in das Kühle Wasser stürzte. Was für ein unglaubliches Gefühl.

Es kam mir vor, als sein eine Ewigkeit vergangen, ehe wir wieder aus dem Wasser kamen. Den ganzen Tag hatten wir damit zugebracht zu schwimmen, zu surfen oder uns gegenseitig unter Wasser zu drücken. Eddy hatte mir gezeigt, mit welchen Körperhaltungen und Bewegungen ich mich am besten auf dem Brett hielt. Nach gefühlten 100 Fehlversuchen, welche sehr zu seiner Belustigung beitrugen, schaffte ich es schließlich mich einige Sekunden auf dem Brett zu halten. Von da an klappte es immer besser. Eddy hingegen schien für das Surfen gemacht worden zu sein. Elegant bewegte er sich durch die Wellen, sprang mit dem Brett oder vollführte Drehungen. Wann immer er auf dem Brett stand begnügte ich mich damit, mich im seichten Wasser treiben zu lassen und ihn zu beobachten. Wie er so durch das Wasser glitt, schien er die Welt um sich herum zu vergessen. In seinen Augen lag dann dieser glückliche Ausdruck, ein völliger Unterschied zu der Trauer und dem Schmerz, den ich inzwischen schon einige Male hatte bei ihm sehen können.

Jetzt schleppten wir uns aus dem Wasser an den Strand, ich war so kaputt wie schon lange nicht mehr. Der Himmel nahm bereits eine glutrote Farbe an, also musste es mindestens sieben Uhr sein. Erschöpft ließ ich das Surfbrett in den Sand plumpsen und schnappte mir ein Handtuch. ”Meine Güte, das war ein Spaß!“ meinte Eddy schwer atmend. ”Ja, ich glaube, ich war noch nie so lang am Stück im Wasser“ pflichtete ich ihm bei ”Aber wir sollten das unbedingt noch einmal machen.“ ”Das sollten wir auf jeden Fall! Dafür, dass du heute zum ersten Mal auf einem Surfbrett standest, hast du dich echt gut geschlagen“ sagte er und lächelte mich einmal mehr an. ”Danke“ sagte ich etwas verlegen. Ich mochte es nicht, wenn man mir Komplimente machte. ”Ab und zu sahst du zwar aus wie eine hysterische Katze…“ ”Arsch!“ sagte ich halb-ernst und musste lachen. ”Du hast dich an dem Brett festgeklammert, als wärest du von Haien umgeben!“ zog er mich weiter auf. ”Na warte!“ Ich stürzte mich auf ihn und wir begannen auf dem warmen Sand zu rangeln.

Schließlich musste ich mich geschlagen geben, er saß auf mir, mit den Knien drückte er meine Oberarme auf den Boden, mit den Händen hielt er meine Handgelenke am Boden. Überlegen grinste er mich an. “Das war jetzt eine äußerst schwache Vorstellung von Ihnen. Wer einen Krieg anfängt und verliert, sollte auch eine passende Entschädigung zahlen!“ Seine grünen Augen schauten mich auffordernd an. In meiner Magengegend fing es auf einmal an zu kribbeln. Das Kribbeln irritierte mich, doch ich war bemüht mir nichts anmerken zu lassen. ”Mal sehen…wie wär’s mit…einem Bier?“ ”Nein, nicht genug. Neuer Vorschlag!“ ”Mhh was gibt es denn noch?“ Ich tat als würde ich an ihm schnuppern. ”Wie wäre es mit einen Shampoo?“ Angriffslustig schaute ich ihn an. ”Vorsichtig. Sie sind nicht in der Position für Scherze!“ Man sah ihm an, dass es ihm immer schwerer fiel ernsthaft zu wirken. ”Schon gut, wie wäre es mit einer Pizza? Halten Sie das für einen angemessenen Preis, um mein frevelndes Vergehen zu entschuldigen?“ ”Ja, ich denke so kommen wir ins Geschäft.“ Er ließ meine Arme los. ”Na komm, ich hab mächtig Kohldampf“ ”Moment!“ Irgendwie fühlte es sich angenehm an, dass er mir so nahe war. ”Wofür steht das R?“ Ich zeigte auf den silbernen Marines-Anhänger, den er um den Hals trug. Nur ein schwungvolles R war darauf zu sehen. ”Nicht so wichtig.“ erwiderte er und ich merkte sofort, dass ich die falsche Frage gestellt hatte.

Er ging von mir runter und begann wortlos damit, sich von dem vielen Sand zu befreien. Scheint wohl ein heikles Thema zu sein, besser ich frage erstmal nicht mehr danach. Zum Glück hielt seine schlechte Laune nicht lange an und wir verbrachten die Rückfahrt scherzend und uns gegenseitig aufziehend.

Als wir endlich wieder am Campingplatz ankamen, erlebten wir eine kleine Überraschung. Unsere Eltern saßen zusammen und grillten, sie schienen sich gut zu verstehen. ”Da seid ihr ja wieder, und gute Wellen dabei heute?“ fragte Eddys Vater. Alle vier schauten uns erwartungsvoll an. ”Ja, die Wellen waren heute wieder echt gut, wir sind den ganzen Tag nicht aus dem Wasser gekommen.“ antwortete Eddy. ”Dann esst doch erst einmal etwas, wir haben noch einige Steaks und Würstchen.“ schlug meine Mutter vor, der Disput des Morgens schien vergessen zu sein.

Eddy und ich schauten uns fragend an, dann meinte er: ”Von mir aus kannst du deine Schulden auch morgen noch bezahlen.“ ”Ja gut, dann nehmen wir gerne was.“ antwortete ich und wir setzten uns. Es folgte ein angenehmer Abend mit reichlich Essen und der ein oder anderen peinlichen Geschichte, die unsere Eltern über uns Preis gaben. Spät am Abend verabschiedeten wir uns dann voneinander, aber nicht, ohne uns für den nächsten Tag zum erneuten Surfen zu verabreden.

finde ich sehr sehr schade. Hier sind wir wieder an einem Punkt, wo ich nicht verstehe, warum boypoint abgeschaltet wurde. Lässt vielleicht der Betreiber von boypoint wenigstens mit sich reden, die alten Geschichten freizugeben?

TEIL 6

Am nächsten Morgen erlebten wir dann eine Überraschung, die unsere Hoffnung auf einen weiteren Tag im Wasser platzen ließ. Es regnete wie aus Eimern. Der trockene Boden des Campingplatzes war mit den niederströmenden Wassermassen hoffnungslos überfordert und so war bald der ganze Campingplatz unter Wasser. Familien die Zelte vor ihrem Wagon aufgestellt hatten, waren eifrig dabei, diese abzubauen und ins trockene zu bringen. Meine Eltern und mich stimmte das Wetter missmutig, meine Eltern, weil sie auf 2 Wochen Sonnenschein gehofft hatten und mich, weil ich darauf gehofft hatte, einen weiteren Tag alleine mit Eddy am Strand verbringen zu können. Eddy und seine Eltern schien das ganze nicht weiter zu stören.

Mit einem Achselzucken meinte er: „Das kennen wir nicht anders, das ist bisher glaub ich in jedem Urlaub passiert, den wir hier waren, einige Male ging das mehrere Tage so, sodass der Campingplatz alle die Urlauber, die in Zelten hausten, in Hotels schaffen mussten, weil das Wasser teilweise Knöchel-hoch stand.“
Irgendwo versetzte es mir einen Stich, dass es ihn nicht zu stören schien, dass wir den Tag nicht alleine zusammen verbringen konnten.

„Und was machen wir jetzt?“ fragte ich in die Runde. Wir saßen alle gemeinsam in Eddys Wagon und frühstückten.
„Ich hab mich noch gar nicht informiert, was man hier in der Gegend machen kann, ich war nicht davon ausgegangen, dass es so schnell schlechtes Wetter geben würde und wir nicht am Strand liegen können.“ erklärte mein Vater und schaute Eddys Eltern fragend an, in der Hoffnung, dass sie einen Vorschlag hatten.
„Nun ja, es gibt da in der Nähe ein Museum, in dem die komplette römische Geschichte dargestellt ist. In all den Jahren haben wir es noch nie geschafft da rein zu gehen, denn Eddy und Robin hatten nie Lust dazu.“

Ich hörte gar nicht hin, was mein Vater sagte. Robin? Hatte Guiseppe nicht gestern Eddy nach dem gefragt? Ich schaute Eddy in die Augen, aber er rührte sich nicht. Kein Wort der Erklärung, er tat einfach so, als sei der Name nie gefallen. Jetzt war mein Interesse um so mehr geweckt: Wer war dieser Robin? Und was hatte er mit Eddy und seiner Familie zu tun gehabt? Die wichtigste Frage war allerdings: Warum reagierte Eddy so sonderbar auf den Namen? Immerhin wusste ich jetzt, wofür das R auf seinem Anhänger gestanden hatte.

Mein Vater stieß mir sanft in die Seite:
„Was?“ ich war der Unterhaltung gar nicht mehr gefolgt.
„Ob ihr mitkommen wollt hab ich gefragt.“ Wiederholte er, mit einem amüsierten Lächeln im Gesicht.

Ich schaute zu Eddy hinüber:
„Also ich hab ehrlich gesagt keine Lust dazu, aber mir fällt jetzt spontan auch nichts anderes ein, dass man machen könnte.“ erklärte er, und überließ mir die Entscheidung.
„Naja, wenn es eh nichts anderes gibt, lass uns einfach mitgehen, so schlimm wird es schon nicht werden.“

Das ich diese Aussage noch bitter bereuen würde, wusste ich da leider noch nicht. Wir fuhren zu dem Museum, und liefen, geschlagene 5 Stunden darin rum. Jede Kleinigkeit wollten unsere Eltern sehen und jede Beschreibung genau durchlesen. Doof nur, dass die Beschreibungen nur auf englisch und italienisch da standen. So mussten Eddy und ich immer wieder als Dolmetscher her halten, weil die Englischkenntnisse unserer Eltern natürlich nicht ausreichten. Der größte Fehler den wir machten, bestand darin, dass wir eingewilligt hatten mit nur einem Auto zu fahren, was uns dazu zwang, die ganze Zeit da zu bleiben.

Jetzt saßen wir endlich wieder im Auto, geschafft schauten Eddy und ich uns an.
„Oh man, das war weit aus mehr, als ich jemals über das römische Reich erfahren wollte. Und diese ganzen Tonscherben erst, mal ehrlich, dass interessiert doch niemanden wirklich oder?“ beschwerte er sich.

Sein Vater räusperte sich und warf ihm einen bösen Blick zu. Er war ganz begeistert von zahlreichen Tonscherben und Fundstücken gewesen. Verschmitzt sah Eddy mich an, er hatte genau darauf abgezielt, seinen Vater aufzuziehen. Das war unser einziger Trost an diesem Tag gewesen, unsere Eltern aufzuziehen und uns über sie lustig zu machen. Ziemlich schnell hatten wir festgestellt, dass wir den gleichen Humor hatten. Wir beide liebten „Deine-Mutter-Witze“ (wobei wir immer aufpassen mussten, dass unsere Mütter nicht gerade in der Nähe waren) und mochten es ungemein, unsere Väter auf ihr fortschreitendes Alter aufmerksam zu machen.

„Was wollen wir jetzt machen?“ fragte ich ihn. Der Regen prasselte nach wie vor ununterbrochen gegen die Scheibe des Autos, nur ein klein wenig war er im Laufe des Tages schwächer geworden.
„Du schuldest mir noch eine Pizza oder?“ schelmisch schaute er mich an, er würde das nicht vergessen.
„Ja das stimmt. Dann lass uns zu der Pizzeria auf dem Campingplatz gehen. Während des Essens können wir ja überlegen, was wir den Rest dieses verregneten Abends machen wollen.“ schlug ich vor.
„Das klingt nach einem guten Plan.“ willigte er ein, ehe er sich an unsere Eltern wandte: „Was hat die ältere Generation in diesem Wagen geplant?“
„Keine Angst, wir verschonen euch jetzt mit unserer Anwesenheit, wir haben uns entschieden zum Theater zu fahren. Das ist nicht weit von hier und dort läuft momentan ein wunderbares Musical.“ Ich verdrehte die Augen, als ich von diesem langweiligen Plan hörte, ein Glück, dass sie uns nicht mitnehmen wollen.

„Kann ich dann unser Auto haben, falls wir noch irgendwo hinwollen?“ fragte Eddy seinen Vater.
„Und wo sollte das sein?“ gespielt argwöhnisch betrachtete er seinen Sohn. Jetzt hatte er die Möglichkeit, sich für die vielen Kommentare des Tages zu revanchieren.
„Keine Ahnung, vielleicht in die Disco? Ich war doch letztes Jahr in Siméne in einer, die war sehr vielversprechend.“
„Ob du schon alt genug bist in eine Disco zu gehen?“ Sein Lächeln bewies mir eindeutig woher Eddy diesen verschmitzten Ausdruck immer hatte, die Ähnlichkeit war nicht abzustreiten.
„Sehr witzig! Versuch es erst gar nicht, mir kannst du sowieso nicht mehr das Wasser reichen.“ Meinte Eddy trocken und sein Vater schien ihm da Recht zu geben, jedenfalls lenkte er ein: „Wenn ihr schon in die Disco geht, könnte ja nur einer von euch trinken, wenn ihr mit dem Auto fahrt. Die Disco ist doch nicht weit entfernt, wie wäre es, wenn ihr euch einfach ein Taxi nehmt?“
Überrascht zog ich die Augenbrauen hoch, mein Vater wäre nie mit so einem Vorschlag gekommen.
„Das ist natürlich eine Idee, was meinst du?“ fragte er mich.
„Ja, lass uns das doch so machen, ich war schon ewig nicht mehr richtig Party machen.“

So verbrachten wir die restliche Rückfahrt damit, den Abend zu planen. Schließlich saßen wir im Restaurant und machten uns hungrig über unsere Pizzen her. Mein Vater hatte uns sogar noch 50 Euro gegeben, die wir für das Taxi verwenden sollten. Die Coolness von Eddys Eltern schien bei ihm eine Art Wettkampfdenken auszulösen. Mir sollte es jedenfalls recht sein. Als wir mit dem Essen fertig waren, beschloss ich Eddy endlich nach diesem Robin zu fragen. Ich war mir nicht sicher, wie ich es angehen sollte, schließlich hatte mir seine Reaktion gezeigt, dass das ein empfindliches Thema für ihn zu sein schien. Doch meine Neugier war inzwischen riesig geworden, also wollte ich ihn möglichst nicht ohne eine Antwort davon kommen lassen.

„Deine Eltern und auch dieser Guiseppe gestern, haben einen Robin erwähnt, wer ist das?“ ich ließ den Satz so beiläufig klingen wie möglich, wobei ich Eddy aber nicht aus den Augen ließ.
„Ist nicht so wichtig.“ Mehr wollte er mir nicht dazu sagen, allerdings ließ ich dieses Mal nicht locker.
„Komm schon, erzähls mir, ich würde echt gerne wissen wer das ist.“ Diesmal drehte er seinen Kopf weg, sodass ich sein Gesicht nicht mehr sehen konnte. Es schien, als wolle er seine Gefühle vor mir verbergen.
„Nein, mir wäre es lieber, jetzt nicht darüber zu reden.“
Mir reichte das nicht, darum bohrte ich weiter nach, allerdings auf weniger aggressive Weise:
„Du kannst es mir ruhig erzählen, ich habe schon gemerkt, dass dir das Thema nahe geht. Ich werde auch nichts zu meinen Eltern sagen, wenn du das gerne so möchtest.“
Unvermittelt sah er mich an. „Ben, tut mir Leid, aber das geht dich wirklich nichts an!“ Der Nachdruck, mit dem er das sagte verwunderte mich.
„Warum machst du da so ein Geheimnis draus? Ich bin mir sicher, ich könnte deine Eltern fragen, die würden es mir ohne weiteres erzählen.“
„Ich habe dir doch gerade gesagt, das dich das rein gar nichts angeht! Was weißt du schon? Du hast keine Ahnung, welchen Einfluss dieses Thema auf meine Familie und mich hat, also halt dich einfach raus!“ Er schrie mich fast an, einige der anderen Gäste schauten zu uns herüber. Ich war völlig perplex, da ich nicht mit einem solchen Wutausbruch gerechnet hatte. Ehe ich mich entschuldigen konnte, stand Eddy auf und stürmte aus dem Restaurant.

Gut, dass die Rechnung eh auf mich ging. Den Leuten, die mich jetzt anstarrten schenkte ich keinerlei Beachtung. Ich war vielmehr mit meinem schlechten Gewissen beschäftigt. Ich war gerade eindeutig zu weit gegangen, dass wusste ich. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Er hatte vollkommen recht, das ging mich absolut nichts an. Wenn ich Pech hatte, hatte ich gerade die noch frische Freundschaft zu Eddy zerstört. So ein Mist! Am liebsten hätte ich mich selber geohrfeigt, so sauer wurde ich plötzlich. Ich musste mich bei ihm entschuldigen, am besten sofort. Ich hoffte, dass er mir verzeihen würde, wenn ich ihm sofort erklärte, dass es mir Leid tat und, dass er natürlich vollkommen recht hatte, ich hätte mir nicht hinausnehmen sollen, solche Forderungen zu stellen.

Mit diesem Plan und einem schlechten Gewissen, dass bis zum Himmel ragte, zahlte ich und machte mich auf dem Weg zum Wohnwaggon. Noch immer regnete es, aber die Tatsache, dass ich schon nach wenigen Metern klatschnass war, störte mich nicht. In Gedanken ging ich wieder und wieder durch, wie ich mich am Besten bei Eddy entschuldigen würde. Aber was wenn er gar nicht am Wohnwaggon ist?
Zur Not hab ich immer noch seine Handynummer. Aber er musste da sein, wo sollte er auch bei diesem Wetter hin? Inständig hoffte ich, dass er gleich da war und das ich die Sache wieder in Ordnung bringen konnte.

Der Weg zum Waggon kam mir jetzt unendlich lang vor, mein T-Shirt war inzwischen vollkommen durchweicht und klebte mir an der Haut. Nach einer gefühlten Stunde erreichte ich seinen Waggon, mein Herz pochte mir bis zum Hals, als ich vor der Tür stand und meine Gedanken sammelte. Schließlich fasste ich den Mut und klopfte.

Dicke Regentropfen fielen auf mich nieder, als ich vor der weißen Tür stand wartete und hoffte, dass er auf macht. Aber nichts passierte. Nichts rührte sich drinnen. Angestrengt lauschte ich, aber selbst wenn er da war, gab er keinen Mucks von sich. So ein Mist! Ich klopfte noch einmal, obwohl ich eigentlich schon wusste, dass es zwecklos war. Shit! Frustriert schlug ich gegen die Tür, ehe ich mich umdrehte und zu unserem Waggon ging. Mit zitternden Händen schloss ich auf, es wurde allmählich sehr kalt in den nassen Sachen. Sofort zog ich mein Handy aus der Tasche und wählte Eddys Handy an. Tuuut…Tuuut die Sekunden krochen dahin, immer wieder malträtierte das Tuten meine Ohren. Auch nach dem dritten Versuch nahm er noch nicht ab. Verdammt. Wütend warf ich das Handy vom Flur aus bis auf mein Bett. Ich verteilte das Wasser im gesamten Wohnwaggon, als ich in mein Zimmer ging und mir neue Anziehsachen holte, bevor ich mich unter die Dusche stellte.

Gedankenversunken stand ich unter dem heißen Wasser. Das Handy lag griffbereit außerhalb der Kabine, hoffentlich rief er an sobald er die Anrufe sah. Wenn er allerdings beschlossen hatte mich zu ignorieren, gab es nicht mehr viel was ich tun konnte, außer abzuwarten. Nachdem ich mich angezogen und den Boden überall gewischt hatte setzte ich mich auf mein Bett. Noch immer keine Nachricht von Eddy. Immerhin hatte es zwischenzeitlich zu regnen aufgehört. Ich entschloss mich ihm noch eine SMS zuschicken und dann einfach abzuwarten. Ich tippte einige Worte der Entschuldigung und bat ihn darum, mit ihm persönlich reden zu können.
Wie ich es befürchtet hatte, kam auch darauf keine Antwort.

Die Uhr auf meinem Handydisplay zeigte inzwischen halb zehn an, somit würde der Discobesuch wohl flach fallen, sollte er sich noch länger entschließen mir nicht zu verzeihen.
Warum war mir das nur so wichtig? Ich kannte ihn doch erst zwei Tage, warum war es mir dann so verdammt wichtig, dass er mir verzieh? Er war doch eigentlich nichts, als ein X-beliebiger Typ den ich zufällig im Urlaub getroffen hatte. Trotzdem irgendetwas war da, was mir keine Ruhe gab. Ich wollte, dass er mir verzieh und ich wieder Zeit mit ihm verbringen konnte. Dieses Alleinsein und abwarten machte mich rasend. Unruhig ging ich auf und ab. Es gab nichts was ich tun konnte, die einzige Beschäftigungsmöglichkeit, die ich hatte war eine Lektüre für die Schule, und für die fehlte mir nun absolut die Ruhe. Es war Viertel nach Zehn, als in seinem Waggon endlich Licht anging. Sofort wurde ich wieder nervös, sollte ich jetzt sofort hinüber gehen? Nein, entschied ich. Er hatte meine SMS sicher gelesen, ich sollte ihn jetzt erst einmal in Ruhe lassen und abwarten, bis er zu mir kam.

So saß ich auf meinem Bett, schaute abwechselnd auf mein Handy und hinüber zu Eddys Waggon, aber eine ganze Zeit tat sich nichts. Also ging ich in die Küche und holte mir etwas zu Trinken, als ich wieder kam, war das Licht in ihrem Waggon verloschen. Mist! Jetzt hatte ich verpasst, ob er gegangen war oder ob er sich einfach schlafen gelegt hatte. Verärgert über mich selbst knallte ich die Flasche auf den Boden und sprang auf das Bett, sodass der Lattenrost knackte. In dem Moment wurde zaghaft gegen die Tür geklopft. Sofort sprang ich auf und lief zur Tür. Sollte er nocheinmal zurückgekommen sein? Hoffnungsvoll öffnete ich die Tür.

Long story short hatte der alte Betreiber das Gefühl aus dem Forum heraus gewachsen zu sein und hatte keine Lust mehr, es zu betreiben. Einer von uns Admins sollte das Forum dann auf seine Kappe nehmen und da hat keiner sofort „Juhu, ich“ geschrien. Dann hat er es von einer Sekunde auf die nächste abgeschaltet und war nicht mehr zu überzeugen, es wieder einzuschalten oder uns die Daten zu geben. Da ist in der Kommunikation einiges schief gelaufen und trotz sämtlicher Bemühungen unsererseits war er nicht mehr umzustimmen…Wir wollen es aber irgendwann nochmal versuchen, aber viele Hoffnungen machen wir uns nicht. :frowning:

@Iroc erstmal vielen Dank für den neuen Teil.
Ich denke, es geht auch so weiter. Ich finde es zwar schade, aber ich denke mal, dass es trotzdem so weitergehen kann. Hoffe ich zumindest

1 Like

Fantastische Neuigkeiten! @speedo1977 hat sich damals die Geschichte tatsächlich gespeichert und uns mit dem 5. Teil versorgt! Ein Traum, dann ist die Geschichte also jetzt wieder vollständig. Ein Hoch auf die Community und vielen Dank an Matthias! :heart_eyes:

Ich habe Teil 5. passend weiter oben eingefügt, viel Spaß beim Lesen!

2 Likes

TEIL 7

Die Hoffnung verflog, als Guiseppe, der kleinwüchsige, temperamentvolle Italiener vor mir stand.
„Was kann ich für Sie tun?“ fragte ich, dass es mir nicht passte ihn hier zu sehen, war mir deutlich anzuhören.
„Bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich wollte eigentlich gar nicht zu ihnen, sondern zu Eddy. Aber drüben öffnete niemand und da dachte ich er wäre vielleicht bei ihnen?“
„Tut mir leid, da muss ich Sie enttäuschen. Ich weiß leider auch nicht wo er ist. Was wollen Sie denn von ihm? Falls ich ihn heute noch sehe, kann ich ihm Bescheid sagen.“
„Ich wollte ihm dieses Buch wiedergeben. Es gehört Robin. Sie haben es letztes Jahr unter dem einen Bett in ihrem Waggon vergessen. Ich habe es an mich genommen und wollte es ihnen dieses Jahr wiedergeben.“

Er streckte mir ein kleines Buch entgegen. Ein Fantasy Buch, mit einem roten Cover. Wer immer er ist, er hat einen guten Geschmack. Ich kannte das Buch, ich selber hatte es schon Mal gelesen. Als ich das Buch entgegen nahm, fiel mir ein, dass das hier eine gute Chance war mehr über diesen Robin zu erfahren. Vielleicht verstand ich ja dann, warum Eddy so schlecht auf das Thema zu sprechen war.

„Jetzt wo Sie es sagen, wer ist dieser Robin? Ist das ein guter Freund von Eddy?“
„Robin? Neiin, istee sein kleiner Bruder. Hat er ihnen noch nicht von ihm erzählt?“ Überrascht von der Frage schaute er mich an.
„Nein, bis jetzt noch nicht.“
„Das wundert mich jetzt aber wirklich. Normalerweise sind äh die beiden eine Herz und eine Seele. Ich komme aus eine große Familie, mit vielen, vielen Geschwistern, aber ich habe noch nie 2 Brüder erlebt, die so ein enges Verhältnis hatten. Eddy hat sich schon immer rührend um seine kleine Bruder gekümmert, also, zumindest wenn sie hier waren. Obwohl er ja iste 5 Jahre älter als Robin, er hat hier immer alles mit ihm zusammen gemacht. Er hat ihm das Surfen beigebracht, ging mit ihm Tauchen, er hat eigentlich alles mit ihm gemacht. Robin hat seinen großen Bruder bewundert und ihm in alles nachgeeifert. Es äh hat mich wirklich überrascht zu hören, dass er dieses Jahr nicht mit ist. Hat Eddy etwas gesagt, warum er nicht dabei ist?“
„Nein, er hat noch nicht einmal von ihm gesprochen.“
„Das iste wirklich komisch. Ich glaube ich werde seine Eltern mal danach Fragen, vielleicht haben sich die beiden ja gestritten, das kann ja auch bei so engen Geschwistern mal passieren.“
„Stimmt, so etwas soll in den besten Familien vorkommen. Ich werde ihm das Buch geben, sobald ich ihn sehe.“
„Danke, ich bin mir sicher, wir werden uns noch öfter sehen. Machen Sie es gut, und grüßen Sie bitte Eddy und seine Familie von mir.“

Mit diesen Worten verabschiedete Guiseppe sich und ließ mich allein. Nachdenklich stand ich noch eine Zeit in der Tür. Wenn die beiden so ein gutes Verhältnis zu einander haben, warum hatte Eddy mir dann noch nichts von seinem kleinen Bruder erzählt? Und warum reagierte er jetzt immer so empfindlich auf seinen Namen? Ich schloss die Tür und ging hinüber zu meinem Bett. Die ganze Zeit starrte ich auf das Buch, als ich darüber nachdachte, was passiert sein konnte, dass Eddy jetzt nicht mehr über Robin sprechen wollte. Ich blätterte in dem Buch, als ich einen handschriftlichen Eintrag in dem Buch fand. Jemand hatte eine der leeren Seiten am Anfang genutzt, um einen persönlichen Gruß zu schreiben. In blauer Tinte stand dort: „Herzlichen Glückwunsch zum 11 Geburtstag. Damit die kleine Leseratte wieder Futter bekommt, gibt es hier einen Leckerbissen aus der Fantasy-Abteilung. Viel Spaß damit, Eddy.“

Er muss ihn wirklich gemocht haben, welcher 16-Jährige würde sonst so etwas für seinen kleinen Bruder schreiben? Vielleicht konnte ich ihn noch einmal danach fragen, wenn ich ihm das Buch wiedergab. Jetzt wusste ich ja immerhin etwas über ihn und seinen Bruder. Ich grübelte noch eine Weile, wie ich ihn am besten darauf ansprach, ohne, dass er mich wieder abwies. Irgendwann fing ich dann an das Buch zu lesen. Von Eddy hörte ich an diesem Abend nichts mehr, ich konnte noch nicht einmal erkennen, wann er wieder kam. Noch bevor meine Eltern wieder da waren, war ich eingeschlafen.

Am nächsten Morgen erzählten mir meine Eltern, dass sie vor hatten nach Venedig zu fahren und sich ein bisschen die Stadt anzugucken. Das Wetter hatte sich im Vergleich zum Vortag wesentlich verbessert, die Sonne schien und auch die Temperaturen waren angenehm.

„Kommen Eddy und seine Familie auch mit?“ fragte ich beim Frühstücken.
„Nein, seine Mutter sagte, dass sie dort schon so oft waren, dass sie nichts daran reizt, noch einmal hin zu fahren.“
„Mhh ok. Wann wollen wir los?“ Da Eddy sich immer noch nicht gemeldet hatte und ich nicht davon ausging, ihn heute zu sehen, hatte ich beschlossen mitzufahren. Es war allemal besser sich Venedig anzugucken, als den ganzen Tag alleine im Wohnwaggon zu hocken.
Überrascht schaute mich meine Mutter an:
„Du möchtest mit? Ich war davon ausgegangen, dass du wieder mit Eddy unterwegs bist heute.“
„Nee, heute eher nicht.“ Ich wollte ihr jetzt nicht auf die Nase binden, dass wir uns gezofft hatten. Vor allem nicht, weil ich Schuld daran gewesen war.
„Ok… wir hatten überlegt so gegen 11 Uhr hier weg zu fahren. Wie war es denn eigentlich in der Disco gestern? Du warst ja schon zu Hause, als wir kamen.“
„Ja, wir sind gar nicht mehr gegangen, hatten irgendwie keine Lust mehr.“
„Komisch, dabei klangt ihr Nachmittags noch ganz begeistert. Gab es irgendwelche Probleme?“
Mein Mutter schien zu wittern, dass da mehr im Busch war. Ich musste also überzeugend arbeiten.
„Ne, ne. Alles Ok, wir waren nur irgendwie kaputt. Lag wahrscheinlich daran, dass wir den ganzen Tag für euch Dolmetscher spielen mussten.“ Ich glaubte nicht, dass das sehr überzeugend war, aber meine Mutter ließ dennoch von mir ab.

Wie besprochen machten wir uns um 11 Uhr auf den Weg. Zuerst ging es mit dem Auto zu einem Ort an der Küste, ehe wir dann in einer Fähre nach Venedig übersetzten. Während meine Eltern voller Begeisterung, mit einem Stadtplan bewaffnet, von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten stürmten, trottete ich mehr oder weniger lustlos hinterher. Meine Kopfhörer erlaubten es mir, völlig in meinen Gedanken zu versinken, ohne die Welt um mich herum wirklich wahrzunehmen. Noch immer überlegte ich fieberhaft, wie ich die Sache mit Eddy wieder gerade biegen konnte. Vorausgesetzt, er gab mir überhaupt eine Chance dazu.

Nur sehr schleppend verging der Tag. Ich war froh, als ich meine Eltern, nach dem Markusplatz, der Seufzerbrücke, dem Dogenpalast und dem Campanile, endlich dazu überreden konnte, irgendwo in Ruhe Mittagessen zu gehen.

Dankbar ließ ich mich in einen Gartenstuhl nieder, als wir um 20 Uhr endlich wieder zurück waren. Ich hatte das Gefühl jetzt über jede Sehenswürdigkeit in Venedig Bescheid zu wissen. Wir hatten wirklich alles gesehen und natürlich zu jeder Kleinigkeit die Touristenführung mitgemacht. Mehr denn je war mir nun klar, dass ich das mit Eddy wieder hinbiegen musste, denn noch so einen Tag mit meinen Eltern würde ich mit Sicherheit nicht überleben.

Allerdings war das schwieriger als gedacht, denn selbst jetzt war der Waggon von ihm und seinen Eltern verlassen. Das Auto war ebenfalls weg. „Haben seine Eltern gesagt, was sie Heute machen wollen?“ fragte ich meine Mutter. Ich hatte einen Verdacht, wo ich Eddy finden könnte.

„Ich glaube die wollten nur zum Strand, warum fragst du?“
„Nur so. Ich nehme mal gerade das Auto, komme aber bald wieder.“ Ohne weitere Erklärung stieg ich ins Auto und fuhr los. Mir fiel nur ein Ort ein, wo Eddy sein konnte, aber ich wollte die Chance nutzen. Vielleicht hatte ich ja Glück.

Erfreut stellte ich fest, dass mein Verdacht richtig war. Ich erkannte das Auto sofort, es stand genau an der gleichen Stelle, als wir es vorgestern abgestellt hatten, als Eddy mir die abgelegene Bucht gezeigt hatte. Ich parkte mein Auto direkt hinter Eddys und stieg aus. Er schien noch immer am Strand zu sein, obwohl es inzwischen schon ziemlich kühl war. Erst jetzt bemerkte ich meinen Fehler. Ich hatte kein Surfbrett, mit dem ich den Ast runterdrücken konnte. Also blieben mir nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich wartete hier, bis er zurück kam, oder ich versuchte, so durch die Hecke zu kommen. Ich entschied mich für letzteres, das Warten hatte ich gründlich satt. Nach einigem Suchen fand ich schließlich den Ast, vorsichtig drückte ich ihn hinunter und schob mich Zentimeter für Zentimeter durch die Hecke. Allerdings war diese Methode weitaus schmerzhafter, als gedacht. Dauernd blieb ich an den Dornen hängen. Nachdem ich es endlich auf die andere Seite geschafft hatte, besah ich meine Arme. Ich hatte zahlreiche kleine Schnittwunden, aber das war mir dann auch egal. Oben auf der Düne blieb ich stehen und schaute hinunter zum Strand. Dort saß Eddy, neben sich das Surfbrett, der Wind wehte durch seine Haare und spielte mit seinem T-Shirt. Er schien das Meer zu beobachten und in Gedanken versunken zu sein, da er sich nicht rührte, als ich näher kam. Wortlos setzte ich mich neben ihn, in den noch immer warmen Sand.

„Wann immer ich nachdenken muss, komme ich hier her. Hier ist es immer friedlich und still, keine Menschen, nur das Meer und der Wind.“ Er sah mich nicht an, als er das sagte, sein Blick war nach wie vor auf das Wasser gerichtet. „Ich wünschte ich hätte so einen Ort auch zu Hause. Früher bin ich dort immer an einen kleinen See gegangen, da war es ebenfalls schön ruhig, aber in letzter Zeit will ich da nicht mehr hin.“ Erst jetzt guckte er mich an. „Es tut mir Leid, dass ich gestern so über-reagiert habe, das war nicht nötig. Ich möchte nur einfach nicht über das Thema sprechen, zumindest vorerst. Vielleicht sage ich es dir im Laufe der nächsten Tage, aber momentan geht es dich einfach nichts an, Ok?“
Ich nickte und stimmte ihm zu. „Ich muss mich bei dir Entschuldigen, du hattest vollkommen recht, es stand mir nicht zu, weiter nachzufragen. Von jetzt an, werde ich nicht mehr fragen, du entscheidest, wann und ob du mit mir darüber reden möchtest.“
Mit einem Handschlag besiegelten wir das Thema, das Buch hatte ich schon wieder vollkommen vergessen.

„Was ist mit deinen Armen passiert?“ fragte er besorgt, als er die Schnittwunden sah.
„Ach, ich hatte ja kein Brett, um den Ast runter zu drücken, darum blieb mir nichts anderes übrig, als mich so durch die Hecke zu kämpfen.“
„Autsch, ich weiß wie das ist, ich habe den Weg durch die Hecke auch auf eine sehr unorthodoxe Art und Weise gefunden. Wie hast du den Tag verbracht?“
„Frag nicht.“ Winkte ich ab. „ Ich bin den ganzen Tag mit meinen Eltern durch Venedig gelaufen. Ich nehme an, du warst den ganzen Tag hier?“
„Ja, ich bin heute Morgen gleich hier raus gefahren und hab den ganzen Tag eigentlich nichts anderes gemacht als zu surfen oder hier zu sitzen und das Wasser zu beobachten. Was hältst du davon, wenn wir diesen Kulturschock in der Disco beheben?“
„Klingt gut, aber hat die heute überhaupt auf?“ fragte ich skeptisch.
„Ja, die hat während der Urlaubssaison jeden Abend auf. Na dann lass uns mal fahren. Ich muss noch duschen und eine Kleinigkeit essen.“ Er nahm sich das Surfbrett und machte sich auf den Weg zurück zum Auto. Froh, dass endlich alles wieder beim Alten war, folgte ich ihm.

„Hast du das Geld noch, das ich dir gestern gegeben habe?“ fragte mein Vater, als wir im Auto saßen. Er hatte sich bereit erklärt uns zur Disco zu fahren.
„Ja, habe ich noch. Willst du das, was wir nicht brauchen, nachher wiederhaben?“ fragte ich in der Hoffnung, dass er verneinen würde.
„Nein, gebt es ruhig aus.“ sagte mein Vater, mit einem freundlichen Lächeln.
Die Fahrt zu der Disco verlief fast reibungslos, allerdings verfuhren wir uns ein paar Mal, weil Eddy den Weg nicht mehr ganz genau wusste.

Um halb zwölf stiegen wir dann vor der Disco aus dem Auto, Eddy in einer kurzen Hose und einem schwarzem Hemd, welches deutlich seinen muskulösen Oberkörper betonte. Ein seltsames Verlangen durchzog mich, als ich ihn so sah. Er hatte so eine anziehende Ausstrahlung, die ich vorher bei ihm noch nicht bemerkt hatte. Er wird wohl einiges aufreißen heute. Aber eigentlich wollte ich gar nicht, dass er sich irgendetwas aufriss. Mit einem Mal war ich nicht mehr so glücklich darüber, dass wir in eine Disco gingen. Was wenn er jemanden kennenlernte, mit dem er die restliche Zeit lieber verbringen will? Ich bemühte mich diese aufkeimende Eifersucht zu unterdrücken. Was sollte das denn? Sollte ich mich nicht eigentlich für ihn freuen, wenn er irgend ein hübsches Mädchen fand? Klar, sagte mein Verstand, aber mein Gefühl sagte mir etwas ganz anderes. Ich versuchte diese seltsamen Gedanken an die Seite zu scheuchen und über etwas anderes nachzudenken.

„Lass uns reingehen, ich kann es kaum erwarten, ein kühles Bier zu trinken.“ Ich drängte auf den Eingang zu, meine Hoffnung bestand darin, diese Gedanken mit Alkohol wegspülen zu können.

Die Disco war nicht allzu groß und bestand hauptsächlich aus einem Raum. In der Mitte des Raumes befand sich eine Tanzfläche, auf der sich schon einige hundert Jugendliche tummelten und zu den lauten Tönen aktueller Charthits tanzten. An einer Wand befand sich die Theke, 15 Mitarbeiter standen in dem langen Schlauch und bedienten die Gäste. An der Gegenüberliegenden Wand, welche links vom Eingang war, gab es eine kleine Empore, auf der zahlreiche Leder-sessel und -sofas standen. Rechts vom Eingang war das DJ-Pult, wo ein junger, braun-gebrannter Mann auflegte.

„Sieht doch ganz nett aus ,oder?“ Eddy brüllte mir beinahe ins Ohr, es war schwer, gegen die laute Musik anzukommen.
„Ja, wirklich gut, so schön sind die Discos, die ich gewohnt bin, nicht.“ antwortete ich, nicht weniger laut. Wir kämpften uns durch die Menge zur Theke und bestellten uns Bier.

Schon nach dem zweiten Bier mischten wir uns unter die Menge der tanzenden Jugendlichen, die laute Musik und die ausgelassene Atmosphäre übten große Anziehungskraft auf uns aus. Bunte Lichter blitzten, Nebelmaschinen machten aus der Menge einen wabernden Dunst, selbst die Bierduschen die sich von Zeit zu Zeit über uns ergossen, fühlten sich angenehm an. Ich wusste nicht wie lange wir schon am Tanzen waren, aber irgendwann gingen wir zurück zur Theke, Schweiß stand uns auf der Stirn, es wurde nicht kühler in der Disco.

„Zwei Bier und zwei Jägermeister bitte!“ rief ich einem der Barkeeper zu. Ich wunderte mich nicht einmal mehr darüber, dass er mich ohne Probleme verstand, es kam mir einfach so vor, als wären wir in einer Deutschen Provinz und nicht im Ausland.
„Jetzt willst du es aber wissen.“ sagte Eddy und deutete auf den Jägermeister.
„Prost!“ Ich nickte ihm zu und wir kippten die dunkle Flüssigkeit runter.

Natürlich reichte ein Schnaps nicht und so bestellten wir einen nach dem nächsten, bis wir schließlich beide ziemlich gut dabei waren. Allerdings stieg mit dem Alkoholpegel auch immer weiter mein Verlangen nach ihm. Noch immer war das für mich vollkommen verwirrend. Ich konnte nicht schwul sein! Schließlich hatte ich noch bis vor kurzem eine Freundin gehabt, mit der ich 6 Monate glücklich zusammen gewesen war! Ich versuchte mich mit diesen Gedanken zu beruhigen, aber das rätselhafte Verlangen wollte nicht verschwinden. Nach einer weiteren Tanzeinlage kehrten wir wieder an die Theke zurück.

„Was hältst du davon, wenn wir dort hinüber zu den Sitzplätzen gehen?“ fragte Eddy mich und lenkte meinen Blick auf die Gegenüberliegende Seite, wo die Ledergarnituren standen.
„Ja, ein Moment Pause wäre klasse.“ Mit unserem Bier bewaffnet gingen wir zu der Empore und suchten uns einen freien Platz. Nur noch eine Ecke war frei, wir ließen uns in dem Sofa nieder und stellten unser Bier auf dem kleinen Tisch ab, der davor stand. Gegenüber von uns war noch ein weiteres freies Sofa, welches in diesem Moment von zwei gutaussehenden Mädchen angesteuert wurde.

„Guck mal wer da kommt.“ Sagte Eddy und deutete unauffällig auf die Mädchen. Mit einem Lächeln, dass wohl in der Lage war Männerherzen schmelzen zu lassen, lächelte uns die eine an und fragte: „Ist hier noch frei?“ Die beiden Mädchen bildeten zwei Gegensätze, während die eine sehr selbstbewusst wirkte und anscheinend genau um ihr Wirken auf Männer wusste, wirkte die andere schüchtern und zurückhaltend, obwohl sie keineswegs weniger hübsch als ihre Begleiterin war.
„Aber natürlich, für zwei so hübsche Mädchen sowieso.“ hörte ich Eddy antworten. Einen Moment war ich perplex, ich hatte nicht damit gerechnet, so etwas aus seinem Mund zu hören.
„Vielen Dank für das Kompliment. Ich heiße Maike und meine etwas schüchterne Begleitung heißt Lea.“ Sie warf Eddy einen interessierten Blick zu, als sie sich in das Sofa niederließen.
„Ich bin Eddy.“
„Ich heiße Ben, schön eure Bekanntschaft zu machen.“ Vielleicht war es ganz gut mit einem Mädchen zu tun zu haben, beschloss ich für mich.

Seit meine Freundin vor einigen Wochen mit mir Schluss gemacht hatte, hatte ich mich noch nicht wieder für ein Mädchen interessiert. Da kam mir die Idee. Was wenn dieses Verlangen nach Eddy nur daher kam? Ich war einsam, meine Freundin hatte mich verlassen, keiner meiner Freunde war hier und er war die einzige gleichaltrige Person, die in der Nähe war. Triumphierend lächelte ich, ich war mir jetzt sicher den Grund für das komische Gefühl gefunden zu haben, dummerweise ging es dadurch nicht weg. Ich war entschlossen, das Gefühl zu ignorieren und mir selber zu beweisen, dass ich noch immer auf Mädchen stand.

„Wie lange seid ihr schon hier?“ fragte ich, meine Augen auf Lea gerichtet, die Verteilung der Interessen war vom ersten Moment an klar gewesen.
„Eine Woche, wohnt ihr auch auf dem Campingplatz in San Silanes?“ immerhin, sie antwortet.
„Nee, wir wohnen in Cavallino. Gefällt es euch hier bisher?“ so starteten wir das Gespräch, auch Eddy und Maike waren in ein Gespräch vertieft, allerdings schienen sie viel intensiver miteinander zu flirten, als Lea und ich das taten. Eine neue Eifersucht überkam mich, aber richtete sie sich gegen Eddys Fähigkeiten im Umgang mit dem Mädchen oder gegen Maike?
Auf einmal schreckte Eddy hoch: „Wie unhöflich von uns, ihr habt ja noch gar nichts zu Trinken. Was darf ich euch denn bringen?“
„Für mich einen Sex on the beach bitte“ antwortete Maike, die Doppeldeutigkeit in ihrer Stimme war unüberhörbar. Ich verdrehte die Augen, das fand selbst ich zu peinlich.
„Ich nehme einen einen Caipirinha“ sagte Lea, ich war dankbar, dass sie auf so eine Peinlichkeit verzichtete.
Als nächstes schaute Eddy mich an, aber ich winkte nur ab und stand auf.
„Ich helfe dir, mit vier Cocktails wird es etwas schwierig oder?“ In Wirklichkeit wollte ich einfach einen Moment meine Ruhe. Wir kämpften uns hinüber zur Theke, es war noch immer ziemlich voll, ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon 3 Uhr war.
„Wie läuft es mit Lea?“ fragte er mich.
„Ganz gut, sie ist nur sehr schüchtern. Und mit Maike?“ In Wirklichkeit hatte ich überhaupt kein Interesse an Lea und insgeheim verfluchte ich das Auftauchen der beiden Mädchen inzwischen.
„Naja, sie ist ziemlich aufdringlich.“ überrascht schaute ich ihn an, für mich hatte es eher so gewirkt, als würde ihm das gefallen. „Ach, sie macht dauernd so anzügliche Bemerkungen, das nervt etwas, aber ansonsten ist sie ganz Ok. Hier“ er schob mir einen Schnaps hin, den er anscheinend mitbestellt hatte. Ich nickte ihm zu und gleichzeitig tranken wir.

„Wenn ich so weiter trinke, kannst du mich hier nachher raustragen. Ich hab eigentlich jetzt schon viel zu viel.“ sagte er noch mit einem Lächeln, als wir wieder zurück gingen.
Zurück bei der Couchecke erwartete Maike uns mit der nächsten Überraschung. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt, auf dem eben noch Eddy und ich saßen, es war klar, dass ich mich jetzt zu Lea setzen sollte. Widerstrebend tat ich das. In der Folge unterhielten Lea und ich uns weiter über Belanglosigkeiten. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie Maike sich immer intensiver an Eddy ran machte, nach nicht all zu langer Zeit lag ihre Hand auf seinem Oberschenkel. Überrascht stellte ich fest, dass Eddy nicht sehr glücklich mit der Situation zu seien schien. Immer wieder zog er an seinem Cocktail, als benötige er den Alkohol, um mit ihren Annäherungsversuchen zurecht zu kommen.

„Entschuldige mich mal kurz.“ bat ich Lea und machte mich auf den Weg in die Richtung, wo ich die Toiletten vermutete. Ich sah ein Toilettenschild, welches über einem dunklen Gang hing. Ich folgte dem Gang, bis er schließlich vor einer Tür endete. Zu meiner Rechten und meiner Linken befanden sich ebenfalls Türen. Auf der Tür zu meiner Rechten befand sich das Schild für die Damentoilette, ohne noch einmal nachzuschauen, ging ich durch die Tür, die direkt vor mir war. Verwundert schaute ich mich um, als ich mich plötzlich draußen befand. Bei der Tür schien es sich um einen Notausgang zu handeln, jedenfalls führte sie in eine Art Hinterhof, der vollgepackt mit Kartons war. Mit einem Achselzucken drehte ich mich um und nahm diesmal die Tür, die zur Herrentoilette führte.

Einige Minuten später ging ich dann zurück, zu Eddy und den beiden Mädchen. Insgeheim hoffte ich, dass der Abend bald ein Ende nehmen würde. Die Art und Weise, wie Maike Eddy anfasste, passte mir gar nicht. Eigentlich sollte ich mich für ihn freuen. Nur konnte ich das nicht, ich war eifersüchtig, soviel gestand ich mir mittlerweile ein. Als ich die Treppe zur Empore hoch ging, erstarrte ich plötzlich. Ich konnte genau auf unsere Sitzecke sehen, aber was ich sah schockte mich regelrecht. Maike saß auf Eddy und die beiden küssten sich innig. Wut und Enttäuschung stiegen in mir hoch. Ich machte auf dem Absatz kehrt, ich brauchte sofort frische Luft. Meine Gedanken drehten sich, als ich auf dem Weg zu dem Hinterhof war. Ihn so zu sehen machte mich vollkommen fertig. Endlich an draußen angekommen, entfuhr mir ein lauter Wutschrei. Als ich Eddy und Maike gesehen hatte, war mir etwas klar geworden, was ich nicht für möglich gehalten hatte.
Ich war in ihn verliebt.

Je mehr ich daran dachte, desto mehr Wut überkam mich. Blindlings schlug ich in einen der Kartons, die hier rumstanden. Glas klirrte und ein weiterer Schrei entfuhr meiner Kehle. Diesmal war es ein Schmerzensschrei. Vorsichtig zog ich die Hand aus dem Karton, sie war blutüberströmt. Zahlreiche Glassplitter steckten in der Haut…

1 Like