- Weihnachtsgeschenke
Cosmin
Eine Stunde lang blätterte Cosmin in dem Lehrbuch für Architektur, das er selber bereits einige Male in einer Dessauer Fachbuchhandlung in der Hand gehalten und wegen des für ihn unerschwinglichen Preises wieder zurück ins Regal gestellt hatte. Max saß zwar mit auf der Couch und las etwas auf seinem Handy, aber wieder einmal hielt er es so, dass Cosmin keinen Blick auf das Display werfen konnte.
„Maxi?“
„Hm?“, machte Max, ohne den Blick vom Display seines Handys zu lösen.
„Wegen Weihnachten, du kaufst ständig so teure Sachen für mich. Ich würde gerne was Schönes für dich besorgen, hab aber nur die fünfzig Euro von deiner Oma und das Geld für’s Essen von…“
Max wischte den Rest des Satzes mit einer Handbewegung beiseite. „Ich will nichts, was man für Geld kaufen kann!“
Cosmin sah, dass sich ein anzügliches Grinsen auf Max’ Lippen stahl und schnaubte so, als wäre er verärgert.
„Du denkst an was Versautes!“
„Logisch! Du etwa nicht?“
„Nicht so versaut wie das, woran du denkst!“
Eine steile Falte grub sich in Max’ Stirn und Cosmin befürchtete, dass Max sich beleidigt fühlte.
Er tätschelte Max’ Knie. „Ich will auch nichts, was man für Geld kaufen kann.“
Max schwieg, seine Gedanken schienen irgendwo durch das andere Ende des Universums zu treiben.
„Maxi?“
„Hm?“
Max’ Blick klärte sich, die Falte auf der Stirn verschwand. „Cos-Mi, ich habe vorhin etwas in diesem Buchladen gesehen… nichts Versautes oder so. Ich hab da so eine Idee. Ich möchte, dass wir was zusammen machen, das dir vielleicht doof oder kindisch vorkommt. Das werde ich mir von dir zu Weihnachten wünschen. Und jetzt bestell’ ich uns 'ne Pizza zum Bier, das Oski und Nick freundlicherweise hier gelassen haben.“
Kurz nach 20 Uhr brachte ihnen der Pizzabote das Abendessen. Nachdem die Jungen ihre Bäuche mit der Pizza gefüllt hatten, blieb Max im Sessel sitzen, nippte hin und wieder vom Bier und zappte sich erneut durch Internetseiten auf seinem Handy.
Cosmin vermutete, dass Max das Studium diverser Sexpraktiken fortsetzte. Er begann zwar damit, sich etwas systematischer mit dem Architektur- Lehrbuch zu beschäftigen und Kapitel auszuwählen, die er als erstes durcharbeiten wollte, doch hin und wieder entglitten ihm seine Gedanken. Dann fragte er sich, was für ein Film gerade in Max’ Kopf lief und ein warmes Kribbeln wanderte durch seine Lenden.
Doch besonders spannend war der Film in Max’ Kopf wohl doch nicht. Max rutschte im Sessel in sich zusammen und schlief ein, den Kopf abgestützt an der wuchtigen Seitenlehne des Sessels. Cosmin stand seufzend von der Couch auf und nahm ihm vorsichtig das Handy aus der Hand. Ohne auf das Display zu schauen, legte er es auf dem Tisch ab.
Eine Stunde später drohten ihm ebenfalls die Augen zuzufallen. Er schlurfte ins Bad, wo er den Oberkörper an den freien Stellen mit einer Katzenwäsche reinigte und sich vom Bauchnabel abwärts eine heiße Dusche gönnte.
Anschließend schlüpfte er in ein T- Shirt und einen engen Slip, dessen helles Blau sich vom dunklen Braun seiner Beine und seines Bauches abhob und der mehr vom darin versteckten Inhalt verriet als verbarg. Allerdings nahm Cosmin an, dass er Max heute nur noch überreden konnte, die Nacht im Bett und nicht in dem Sessel zu verbringen.
Er kehrte ins Wohnzimmer zurück und rüttelte sanft an Max’ Schulter.
„Maxi?“
„Hm?“
„Los, ab ins Bett mit dir!“
Max blinzelte und riss jäh die Augen auf, als sein Blick auf die Beule in Cosmins Slip fiel.
„Hau dich schon mal hin, Cos-Mi! Ich schließ’ schnell unsere Bude ab!“
In Max’ Augen hatte Cosmin eine ungezügelte Begierde gesehen und ihre Funken hatten in seinen Lenden ebenfalls ein Feuer entfacht. Er bedeckte das Laken mit einem Badetuch und streckte sich darauf aus. Beinahe schon schmerzhaft stieß sein steifes Glied gegen das enge textile Gefängnis.
„Rutsch ein Stück höher!“
Max glitt auf das untere Ende des Bettes und Cosmin japste auf, als er Max’ heiße Zunge spürte, die seinen Bauch oberhalb des Slips liebkoste. Er griff nach dem Bund seines engen Slips, um Erektion daraus zu befreien, aber Max schob die Hand beiseite.
„Ich mach das!“, sagte Max, doch statt Cosmin vom immer größer werdenden Druck in den Lenden zu erlösen, strichen Max Lippen über die Ausbuchtung des Slips.
„Maxi…“, keuchte Cosmin. Seine Beine erzitterten und sein Bauch bebte unter Max’ Küssen. Er versuchte erneut, nach dem Bund des Slips zu greifen, und wieder schob Max Cosmins Hand beiseite.
Als Max endlich Cosmins Erektion aus dem engen Gefängnis befreite, schien sich Cosmins Verstand in einen hinteren Winkel des Kopfes zurück zu ziehen. Animalische Instinkte übernahmen die Kontrolle über den bebenden Körper, bis Eruptionen der Wollust für ein paar Augenblicke Cosmins Verstand vollends ausschalteten.
Als sein Verstand sich zurück meldete, hatte Max das Bett bereits verlassen und heiße Scham flutete durch sein Hirn. Statt Max zu warnen, hatte er in Max Haare gegriffen und ihn gegen seine Lenden gepresst.
Wie damals in diesem Hostelzimmer- ich habe nur an mich gedacht.
Max kehrte im Slip bekleidet aus dem Bad zurück und im Schein der Nachttischlampe sah Cosmin, dass Max’ Erektion, die er kurz zuvor noch an seinem Schienbein gespürt hatte, vollends verschwunden war. Vielleicht hatte der Ekel dieselbe Wirkung gehabt wie eine eiskalte Dusche.
„Tut mir Leid Maxi, ich weiß selber nicht, was mit mir los war. Wenn du willst, helfe ich dir beim… äh… du weißt schon.“
Max winkte ab. „Nicht mehr nötig! Heb mal den Hintern, Cos-Mi, ich brauch das Handtuch!“
Ächzend und immer noch völlig erschöpft hob Cosmin sein Gesäß. Max schnappte sich das Badetuch und rubbelte damit Cosmins Schienbein trocken. Dann warf er es achtlos beiseite und legte sich zu Cosmin ins Bett. Cosmins Finger zeichneten Max’ Bauchmuskeln nach, während Max mit Cosmins Ohr spielte.
„War es sehr eklig?“, fragte Cosmin leise.
Max schnaufte. „Die Pizza hatte einen besseren Geschmack, aber hey… wozu gibt’s Zahnpasta? Wir sollten uns trotzdem Kondome zulegen.“
Cosmin hauchte Max einen Kuss auf den Mund. „Vielleicht gibt’s ja welche mit Pizzageschmack.“
Max
Tatsächlich war Max von der Kraft überrascht worden, mit der ihn Cosmin an sich gepresst hatte und das eher widerwillig ertragen. Zumal er sich selber kurz vorher über Cosmins zappelndem Schienbein ergossen hatte.
Kondome standen plötzlich ganz oben auf einer Einkaufsliste, die Max im Kopf erstellte, gefolgt von einer abschließbaren Metallschatulle, die er in dem Buchladen entdeckt hatte. Er fügte der Liste einen kleinen dekorierten Weihnachtsbaum hinzu, unter den er die Schatulle und einen kleinen Spaten am Weihnachtsabend legen wollte. Noch bevor er sich einen weiteren Punkt für die Liste ausdenken konnte, fielen Max die Augen zu.
Am nächsten Morgen weckte ihn Cosmins Stöhnen. Doch anders als das lustvolle Stöhnen am Vorabend hörte es sich an, als hätte Cosmin Schmerzen.
Sofort war Max hellwach und sah, dass Cosmin nach einem Gang zur Toilette neben ihm unter die Decke kroch.
„Was ist los, Cos-Mi?“
Cosmin deutete auf seine rechte Seite. „Es piekt, wenn ich mich bewege.“
Max strich ihm verschwitzte Zotteln aus der Stirn. „Du hast ziemlich gezappelt gestern Abend, vielleicht hätten wir lieber nicht so 'rum machen sollen“, sagte Max und fügte in Gedanken hinzu, dass Cosmin eigentlich ziemlich unschuldig an dieser Zappelei gewesen war.
„Heute Abend ist es bestimmt wieder besser“, seufzte Cosmin, ohne auf Max’ Anspielung auf den gestrigen Abend einzugehen.
Als später Schwester Carmen auf der Wohnzimmercouch Cosmins Verband wechselte, betrachtete sie die Stichwunde mit gerunzelter Stirn. „Ich sagte vorgestern, ihr könnt in zwei Wochen wieder zusammen trainieren, nicht sofort“, schimpfte sie und verrieb eine Salbe auf die geröteten Ränder der Wunde. "Bis übermorgen bleibst du im Bett und rührst dich von dort nur zum Essen oder wenn du mal zur Toilette musst. Und du… ", fuhr sie an Max gewandt fort, der ihr mit hängenden Schultern zuschaute, „… du passt auf, dass der junge Mann auch wirklich im Bett bleibt!“
„Ich rufe Leon an und sage ihm, dass ich nicht in die Kletterhalle kommen kann heute“, sagte Max, nachdem Schwester Carmen die Wohnung verlassen hatte.
„Du gehst in die Kletterhalle, und wenn ich dich aus der Wohnung schubsen muss“, brauste Cosmin auf und deutete auf das Architektur- Lehrbuch auf dem Wohnzimmertisch. „Außerdem habe ich zu tun und kann mich nicht konzentrieren, wenn du mich ständig so komisch anguckst.“
Fast schien es Max, als wäre Cosmin ganz froh, wenn er hin und wieder die Wohnung für sich allein hatte und ungestört in den beiden Lehrbüchern schmökern konnte.
Am Montag arbeitete Max seine Einkaufsliste ab, allerdings erst auf dem Rückweg von einem gemeinsamen Training mit seinem Onkel in dessen Fitnesskeller. Er wollte sich die Erklärungsnot sparen, in die er geraten wäre, hätte Leon zufällig die Kondome in den Einkäufen entdeckt.
Am Dienstag Vormittag wechselte Schwester Carmen ein weiteres Mal Cosmins Verband. Offenbar hatten zwei Tage Bettruhe nicht nur Cosmins Schmerzen gelindert; auch die Rötung der Wundränder war etwas verblasst. Schwester Carmen hoffte, am ersten Weihnachtsfeiertag den Verband endgültig entfernen und durch ein Wundpflaster ersetzen zu können. Sie gestattete Cosmin, dass er am Abend des nächsten Tages das Haus verlassen dürfe. Allerdings entging Max nicht, dass sich Cosmins Freude darüber in Grenzen hielt. Sein Vater hatte ihn kurz vor Schwester Carmens Besuch an die Einladung zum Heiligabend- Dinner erinnert, bei dem auch Leon mit dessen neuester Eroberung dabei sein würde.
Nachmittags besuchte Max trotz des Risikos, dem Chinesen Tang über den Weg zu laufen, zusammen mit Oskar den Budokeller, in dem er bis zu seiner Flucht nach Dessau trainiert hatte. Fast jeder seiner ehemaligen Mitstreiter riss sich darum, mit ihm im Ring zu stehen. Max erfuhr, dass sich Tang im Kampfsportclub nur selten blicken ließ. Der Chinese galt als brutal und niemand war begeistert davon, sich bei Trainingskämpfen zu Brei schlagen zu lassen. Max zeigte bei den Trainingskämpfen einmal mehr, dass er gute Chancen hatte, schon in wenigen Jahren die Landesmeisterschaften im Martial- Art- Kampfsport zu gewinnen, sofern ihm Tang nicht dazwischen funkte. Nach dem Training spendierte er Oskar und Nicholas in einer Kneipe ein Bier, um sie für den abgesagten Saufabend zu entschädigen.
Als er danach die Wohnung betrat, wehte ihm der Duft nach mit Käse überbackenen Toastscheiben um die Nase.
Cosmin stellte Geschirr auf der Tischplatte ab und das Lächeln auf seinen Lippen wirkte beinahe so, als hätte ihn Max bei etwas Verbotenem erwischt. „Solltest du heute nicht im Bett bleiben?“, fragte Max und nahm Cosmin in die Arme. Cosmin zuckte mit der Schulter und deutete mit einem Kopfnicken zum Backofen.
„Erinnerst du dich daran, als ich uns zum ersten Mal so was gemacht habe?“
Max küsste Cosmins Lippen. „Es war das erste Mal, dass ich dich küssen durfte, ohne dass du dich weg drehst.“
„Wie dumm von mir“, hauchte Cosmin in Max’ Ohr.
„Und im Bett hast du dich dann genau so angestellt wie meine Ex und ich musste es mir selber besorgen!“, schnaubte Max und stieß Cosmin sanft in die unverletzte linke Seite.
Cosmin lag offenbar eine Erwiderung auf der Zunge. Doch Max spürte in seinen Lenden, dass es höchste Zeit für einen Themawechsel war, deshalb schob er Cosmin zu dessen Stuhl. „Setz dich, Cos-Mi! Ich mach jetzt weiter.“
„Maxi, wegen morgen, vielleicht hat Leon schon deinem Vater so was erzählt, dass ich versuche, dich 'rum zu kriegen…“, sagte Cosmin, als sie wenig später am Tisch saßen und sich die mit Lachsschinken belegten sowie mit knusprigem Käse überzogenen Toastscheiben schmecken ließen.
Max öffnete eine Flasche Radler und reichte sie Cosmin. „Hat er nicht! Und hey, wir werden’s überleben, okay?“
„So wie mich dein Onkel anguckt, bin ich mir da nicht so sicher.“
Cosmin
Cosmins Sorge in Bezug auf Leon löste sich jedoch am nächsten Tag in Wohlgefallen auf.
Leons neueste Eroberung war eine junge Asiatin, die an einer Uni in Berlin Medizin studierte und offenbar nichts davon hielt, schon ein paar Tage nach ihrer Eroberung in die Familie ihres Eroberers eingeführt zu werden. Und so hatte Leon seine Teilnahme am Heiligabend - Dinner bei den Wellers abgesagt.
Einige der Delikatessen auf dem festlich gedeckten Tisch im Wohnzimmer der Familie Weller kannte Cosmin nicht einmal vom Hörensagen. Als er etwas hilflos eine Krabbe in den Händen hielt und sie hin und her wendete, sah er, dass Max neben ihm sichtlich vergnügt darauf wartete, was er mit der Krabbe anzustellen gedachte.
„Komm, ich mache das für dich“, sagte seine Mutter, griff nach einer Schere und löste das Fleisch von der Schale der Krabbe.
Anschließend begnügte sich Cosmin mit Lachs - oder Schinkensportionen, die mundgerecht zusammen mit Fruchtstücken an kleinen Spießen steckten und kostete von Pasteten und Salaten.
Nach dem Essen öffnete Max’ Vater eine Flasche Champagner und füllte vier Gläser.
„Cosmin, deine Mutter erzählte mir, dass du ab September Architektur studieren möchtest“, sagte Max’ Vater, nachdem sie auf Weihnachten und Cosmins rasche Genesung angestoßen hatten.
Er wandte sich an Max. „Maximilian, würdest du denn deine Wohnung mit Cosmin teilen, bis in einem unserer Häuser irgendwo was frei wird oder wir was Passendes für Cosmin finden?“
Cosmin spürte, dass Max ihn unter dem Tisch mit dem Fuß anrempelte.
Max tat so, als müsse er darüber nachdenken. Sein Vater räusperte sich. „Wir könnten Cosmins Zimmer dort einrichten, wo das Büro war. Und aus dem Schlafzimmer entfernen wir dieses große Bett und richten für dich ein Zimmer mit Liege und Schreibtisch ein.“
Cosmin ahnte, was Max von diesem Vorschlag hielt.
„Er allein wäre vielleicht okay“, erwiderte Max schließlich und nickte in Cosmins Richtung. „Aber wenn Cosmi nächsten Sommer seine Prinzessin heiratet und sie nach Berlin holt, dann sucht er sich selber was!“
„Außerdem wäre Max gerne wieder mit Caroline zusammen“, mogelte Cosmin und stieß nun seinerseits gegen Max’ Fuß. „Und ich könnte auch in Dessau an der Hochschule Architektur studieren.“
Seine Mutter musterte ihn mit einem nachdenklichen Blick und tätschelte dann den Arm von Max’ Vater. „Alex, es ist noch etwas Zeit, bis sich die Jungs entscheiden müssen.“
Max’ Vater nickte. „Denkt in Ruhe über meinen Vorschlag nach.“
„Machen wir“, sagte Max und schaute auf sein Handy. „Es ist halb neun, ich glaube, wir sollten so langsam verduften.“
Max’ Vater erhob sich und holte zwei Umschläge aus einem Schubfach des Wohnzimmerschranks.
Cosmin versteifte sich, als ihm Max’ Vater einen der beiden Umschläge reichte. „Onkel, ich möchte nicht…“
„Da ist kein Geld drin!“, wischte Max’ Vater Cosmins Einwand beiseite. „Nur ein kleiner Gutschein.“
Cosmin nahm an, dass er im Umschlag einen Büchergutschein finden würde und bedankte sich. Doch als die Jungen kurz darauf auf die Straße hinaus traten und die Umschläge öffneten, trauten sie ihren Augen nicht. Beide Umschläge enthielten einen von einer Dessauer Fahrschule ausgestellten Gutschein für einen Pkw – Führerschein - Lehrgang.
„Maxi, dafür hat dein Vater bestimmt ein paar Tausender hingelegt“, sagte Cosmin und starrte mit glänzenden Augen auf den Gutschein.
„Hab dich nicht so Cos-Mi!“, sagte Max und verpasste Cosmin einen Hieb auf die Schulter. „Ich find’s cool. Wir können zusammen mit meiner Karre irgendwo hin kutschen und uns beim Fahren abwechseln.“
„Hast du denn eine Karre?“
Max winkte ab. „Noch nicht. Die kaufe ich von der Kohle, die ich kriege, wenn ich diesen Tang fertig mache.“
Und was, wenn der dich fertig macht?
Über die Antwort darauf wollte Cosmin lieber nicht nachdenken.
Max hatte inzwischen ein Taxi gestoppt und zog Cosmin mit sich in den Mercedes. „Komm schon, zu Hause wartet noch ein Geschenk.“
Cosmin griff sich an den Kopf, als sie später das Wohnzimmer in Max’ Wohnung betraten und er sah, was Max unter den Weihnachtbaum gelegt hatte.
„Maxi!“, schnaubte er. „Du schenkst uns ein Kondom zu Weihnachten?“ Jedes der beiden Kondome lag auf einem Zettel, auf dem Max unter den Namen „Max“ beziehungsweise „Cosmin“ in großen Lettern „VIEL VERGNÜGEN!!!“ gekritzelt hatte.
Max verzog seine Lippen zu einem Grinsen. „Mit Pizzageschmack“.
Cosmin verdrehte die Augen. „Du bist verrückt! Dein Onkel hat einen Wohnungsschlüssel. Was, wenn er hier war?“
Max’ Grinsen erlosch, jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht. Er blickte um sich, als würde er nach Spuren Ausschau halten, die ein heimlicher Besucher hinterlassen hatte.
„Warum sollte er? Leon ist mit seiner Kirsche beschäftigt“, sagte er, sammelte trotzdem die beiden Kondome und Zettel ein und ließ sie im Wohnzimmerschrank unter einem Stapel Wäsche verschwinden. Einem anderen Fach entnahm er eine abschließbare Schatulle aus glänzendem Metall, an der zwei Schlüssel baumelten, einen kleinen Spaten und zwei Briefumschläge. Die Briefumschläge legte er auf dem Tisch ab, Schatulle und Spaten verstaute er unter dem Weihnachtsbaum.
Cosmin griff nach dem Umschlag, den Max mit „Cosmin“ beschriftet hatte. Er enthielt nichts weiter als einen leeren Briefbogen.
„Hübsches Geschenk“, murmelte Cosmin. „Was sollen wir jetzt damit machen? Uns gegenseitig Briefe schreiben?“
Max setzte sich auf die Couch und zog Cosmin neben sich. „Jeder schreibt auf, was er sich für’s nächste Jahr am meisten wünscht, wir kleben den Umschlag zu und stecken ihn in die Kiste da“, erklärte Max und deutete mit einem Kopfnicken auf die Schatulle unter dem Weihnachtsbäumchen. „Die verbuddeln wir in Dessau, wo sie kein anderer findet. Und Ende nächsten Jahres gucken wir zusammen, ob unsere Wünsche in Erfüllung gegangen sind.“
„Maxi, irgendwie klingt das nach Kindergarten.“
Max legte seinen rechten Arm um Cosmins Schulter und zog ihn zu sich heran, bis sich ihre Köpfe berührten. „Komm schon Cos-Mi! Das ist mein Wunsch zu Weihnachten.“
Cosmins Blick verfing sich in Max’ strahlend blauen Augen. Mit der Linken umfasste Cosmin Max’ Taille. „Okay, weil Weihnachten ist. Aber wir schreiben nichts Versautes, klar?“
„Das hatte ich auch nicht vor, Cos-Mi. Aber so wie du mich anguckst, denkst du grad’ an was Versautes.“
Cosmin spürte Max’ Hand, die sich an seinem Nacken in die schulterlangen Zotteln grub und fuhr mit seiner rechten Hand durch Max’ samtweiches Haar. „Du guckst mich aber auch so an, Maxi“, sagte er und erst fanden ihre Lippen, dann auch ihre Zungen zueinander. Sie trennten sich erst, als sie von Cosmins Handy in ihrem zärtlichen Spiel gestört wurden.
„Das ist bestimmt von meinem Vater!“, japste Cosmin. Er hatte ihm heute bereits mehrere Nachrichten, zuletzt vor dem Besuch bei Max’ Vater geschrieben und bislang keine Antwort erhalten.
Hastig öffnete er WhatsApp und fand neben neuen Nachrichten von Sergiu und Moritz auch endlich eine Nachricht seines Vaters.
„Mein Junge, ich bin noch mit Tante Alina und Onkel Vasile in Turnu Magurele im Krankenhaus. Unsere Mutter wurde heute vom Rettungsdienst auf die Intensivstation gebracht. Wir können im Moment nur hoffen und beten. Es ist schön, dass du Weihnachten nicht allein bist.“
Max schien zu bemerken, dass sich Cosmins Mundwinkel beim Lesen der Nachricht gesenkt hatten. „Was ist los, Cos-Mi?“, fragte er und streichelte die Zotteln in Cosmins Nacken.
„Ich glaube, die Mutter meines Vaters macht es nicht mehr lange. Er hängt sehr an ihr.“ Cosmin fiel selber auf, dass er das Wort „Oma“ nicht verwendet hatte. Dieses Wort mochte zu einer Frau wie Max’ Großmutter passen. Für die alte und bucklige Greisin aus Porumbita empfand Cosmin einfach nur Mitleid.
„Bist du sehr traurig deswegen?“, fragte Max.
Cosmin lehnte seinen Kopf gegen Max’ Schulter. „Ich hab’s dir ja schon mal erzählt. Ich kenne sie nicht weiter und letzten Sommer hatte sie meinen Vater bestimmt zwanzig Mal gefragt, wer ich bin. Mein Vater, er wird sehr traurig sein, falls sie… stirbt.“
Cosmin tippte eine kurze Antwort an seinen Vater ins Handy, um ihn zu trösten und versenkte anschließend seinen Blick in Max’ blaue Augen. „Reden wir lieber von was anderem. Hast du schon einen Wunsch, den du aufschreiben wirst?“
„Hab ich!“, erwiderte Max ohne zu zögern. „Und du?“
Cosmins Blick wanderte von Max’ rechtem Auge zum linken und wieder zurück. „Ich glaub’ schon…“