Angel

Teil 13 - Ich schwör, diesen Job gibt’s wirklich

„Da vorne ist es.“, sagte Jason aufgeregt.

„Sccchhht!“, zischte ich. „Doch nicht so laut! Was ist, wenn uns jemand hört?“

„Jetzt komm schon, dich erkennt sowieso keiner. Außerdem ist das hier nicht das einzige Haus weit und breit. Du könntest genauso gut beim Italiener gewesen sein, also stell dich nicht so an.“, sagte Jason leicht genervt.

„Ja, schon gut. Ich will nur kein unnötiges Risiko eingehen. Vor allem, weil ich mir nicht mal sicher bin ob das hier jetzt nur eine Phase oder sowas ist.“, sagte ich.

„Ich hätte gedacht, du machst das, weil du dir schon fast sicher bist?“, fragte Jason.

„Ja, aber eben nur fast. Ich habe keine Ahnung was mit mir los ist. Alles, was ich weiß, ist, dass ich das hier am liebsten vergessen würde, um ein stinknormales hetero Leben zu führen.“

„Oh man, da kriegt jemand kalte Füße“, meinte Jason. „Das sagst du jetzt doch nur, weil du Schiss hast, also komm jetzt. Und akzeptier dich endlich, sonst verkauf deine Sachen und bestell für das Geld Lady Gaga her damit sie dir zeigen kann, wie Selbstliebe funktioniert“

„Das hört sich viel einfacher an, als es am Ende ist, Jason.“, sagte ich hitzig. „Wenn ich jetzt durch diese Tür gehe und es sich herausstellt, dass es die richtige ist, schließen sich für mich aber gleichzeitig ein riesiger Haufen anderer Türen! Und durch ein paar davon zu gehen hatte ich mir schon ewig gewünscht. Außerdem haben auch alle riesige Erwartungen davon, was ich mal machen werde.“

„Dafür öffnen sich vielleicht Türen oder auch Fenster, durch die du lieber gehen würdest.“

„Vielleicht“

„Wir werden sehen.“, sagte Jason.

„Ja wir… DUCK DICH!“, rief ich und drückte ihn runter.

„Was ist denn jetzt los?“, fragte er mich.

„Im Gastgarten vom Italiener sitzt Lucia. Du weißt schon, sie arbeitet bei uns im Gym. Wenn die mich hier sieht, petzt sie das mit Sicherheit meinem Dad. Die ist das größte Klatschmaul im Ort.“

„Beruhige dich mal. Uns erkennt sowieso niemand. Apropos wie würdest du das eigentlich machen, wenn du das hier annimmst? Mit Football und dem Gym“

„Wenn die besser zahlen als mein Dad, geh ich nur noch zum Trainieren ins Gym“, sagte ich nur. Das konnte ich mir später auch noch überlegen.

Ich und Jason hatten beide Kapuzenpullis an. Die Kapuze hatte ich mir tief in die Stirn gezogen. Die Sonnenbrille hatte ich weggelassen, weil Jason meinte, das sähe lächerlich aus. Ich schielte zum Italiener. Lucia starrte weiterhin nur auf ihr Handy. Sie sah nicht mal auf als der Kellner zu ihr kam. Schon etwas unhöflich, aber das war unser Glück.

„Ok, lass uns weitergehen. Aber schnell!“, sagte ich im gedämpften Tonfall. Jason nickte. Wir gingen im Laufschritt weiter und kamen schließlich zu unserem Ziel. Wir blieben erstmal in der Nähe stehen.

„Können wir nicht umdrehen?“, fragte ich. Ich wurde zunehmend nervöser.

„Ich schon, aber du, mein Freund, gehst dort rein. Jetzt sind wir schon extra hergekommen, jetzt kneif nicht.“, sagte Jason.

„Bitte lass mich mit dir schwimmen gehen!“, flehte ich.

„Kommt nicht in Frage!“, sagte Jason bestimmt. „Und jetzt sag nicht, dass ich dir meine Nüsse borgen muss, weil du deine wohl verloren hast.“

„Sehr lustig.“, sagte ich. „Weißt du was? Haha! Du bist reingefallen – ich bin nie unsicher über meine Sexualität gewesen und war schon immer hetero. Verarscht! Also los, lass uns Pasta essen gehen!“

„Alter, ernsthaft?“, fragte Jason. „Auf das hier würde nicht mal meine kleine Schwester reinfallen. Sei gefälligst ein Mann und geh da jetzt rein. Du sollst sowieso zur Hintertür gehen und klopfen.“

Ich zog meine Schultern ein und sagte: „Na gut, ich mach das jetzt.“

„Ich habe dich im Auge.“, sagte Jason und begleitete mich bis hinter das Gebäude. Mit zittrigen Fingern betätigte ich die Klingel. Nach kurzer Zeit öffnete sich die Türe. Ich blickte zu Boden. Dann hörte ich die Stimme eines jungen Mannes.

„Hi, ähm was wollt ihr?“, fragte die Stimme.

„Hi“, sagte Jason. „Es geht um meinen Kumpel. Er möchte bei euch mal reinschnuppern und ich begleite ihn nur weil er sich allein nicht traut.“

„Stimmt doch gar nicht.“, sagte ich und blickte zum ersten Mal auf.

Ein junger Mann, der so aussah, als wäre er in unserem Alter stand in der Türe. Und zwar oben ohne. Ich wurde rot. Der Junge grinste selbstbewusst und strahlte eine besondere Art Stolz aus. So ähnlich wie Connor. Er war sehr attraktiv. Er hatte braunes, leicht gelocktes Haar, das er kurz trug und etwas vom Kopf abstand. Er hatte goldbraune Augen und war glattrasiert. Er sah sehr gepflegt aus.

„Ach so, ihr seid das. Dann bist du Brandon, stimmt’s?“, fragte er und hielt mir seine Hand hin. Ich ergriff sie. Ein fester Händedruck. Er zog die Augenbrauen hoch.

„Ja… jaja ich bin Brandon.“, sagte ich.

„Und 18?“, fragte er.

Ich nickte.

„Großartig“ sagte der junge Mann. „Dann komm mal rein.“

Ich nickte und als ich ins Haus gezogen wurde, sah ich hilfesuchend zu Jason. Er grinste und rief mir zu: „Ich bin am Strand, bis du fertig bist.“

Ich nickte. Der junge Mann schloss die Tür und ich fand mich in einem mittelgroßen Raum wieder.

„So“ sagte der junge Mann und blickte mich prüfend an. „Du siehst schon mal nicht schlecht aus. Und du willst bei uns wirklich mal für einen Tag reinschnuppern?“

Ich nickte.

„Großartig. Dann zieh mal dein Oberteil aus.“ Ich tat, was er verlangte. Mit nacktem Oberkörper stand ich jetzt da.

„Nicht schlecht. Wenn du sonst alles gut machst, kannst du von mir aus sofort hier anfangen.“, sagte er.

Ich nickte wieder.

„Welche Größe trägst du normalerweise?“

„L“

„Na gut.“, sagte er schelmisch und holte etwas aus einem Schrank

„Also, hier sind deine Arbeitsklamotten.“, sagte der junge Mann und überreichte mir einen Packen Klamotten in Größe M.

„Zieh die an und gehe danach durch diese Tür da. Ach übrigens, hier kannst du mich Ray nennen.“, sagte er zwinkernd und verließ den Raum. Ich blickte mich unsicher um. Jetzt könnte ich abhauen. Ich könnte so tun, als wäre ich hier gewesen und könnte Jason einfach was vorlügen. Aber jetzt wollte ich das hier schon durchziehen. Also zog ich mir das Arbeitszeug an. Zum Glück war ich trainiert, denn sonst würde ich in der Hose mit Sicherheit aussehen wie eine Presswurst. Auf jeden Fall war die Hose sehr körperbetonend. Aber unterhalb der Knie war die Hose doppelt so breit geschnitten wie üblich. Zu meiner Uniform gehörten noch ein brauner Gürtel und zur Farbe passenden Stiefel. Außerdem ein Cowboyhut und das Beste für mich: ein Lederstreifen mit Löchern für die Augen. Eine Maske wie der Lone Ranger eine getragen hatte. Ich betrachtete mich im Spiegel, der an der Wand hing. Niemand würde mich so erkennen. Der Job, für den ich mich hier „beworben“ hatte war sehr speziell (Nein, ich wollte nicht Stripper werden, calm down!). Ich war Bedienung in einer Schwulenbar. Zuerst war ich skeptisch, da eine Schwulenbar ja das war, was ich zuerst als Möglichkeit ausgeschlossen hatte. Aber ich schnupperte in einer Schwulenbar und Restaurant rein, die ein Thema hatte; Nämlich der Wilder Westen. Das hieß, dass die Bediensteten sich verkleideten und oben ohne rumliefen, ein bisschen wie Hooters. Die Bar war sehr bekannt und auch sehr erfolgreich.

Ich ging durch die Tür und kam gleich in die Bar rein. Obwohl ich die Idee erst bescheuert fand, war ich doch in gewisser Weise beeindruckt. Ich selbst kam mir vielleicht komisch vor in der Aufmachung, aber was ich jetzt sah, war nicht schlecht. Ein Dutzend anderer Typen im Cowboykostüm war hier beschäftig und ich musste zugeben, dass sie gar nicht mal schlecht aussahen. Um ehrlich zu sein, sahen die richtig heiß aus. Ich erkannte Ray an der Theke. Er hatte ebenfalls ein Cowboykostüm an, nur in Weiß und auf seinem Hut hing ein goldener Stern. Die Atmosphäre war ebenfalls der absolute Hammer. Im Hintergrund hörte man lässige Country-Musik und an den ockerfarbenen Wänden hingen Felle und alte Sepia-Bilder. Die ganze Bar erinnerte ein bisschen an einen Saloon. Eine eiserne Wendeltreppe führte nach oben, denn die Bar hatte zwei Stöcke. Ich ging zu Ray an die Theke. Er zog die Augenbrauen hoch.

„Und? Gefällt es dir hier?“, fragte er.

„Ich weiß noch nicht so recht. Es ist auf jeden Fall sehr speziell.“

„Warte ab, nach schon einer halben Stunde willst du hier nie mehr weg. Du bist nicht der Erste, der am Anfang Zweifel hatte. Warte kurz.“, sagte er und rief einen anderen Mitarbeiter.

„Übernimm hier mal kurz, ok? Ich will den Neuen hier einarbeiten.“

„Alles klar, Sherriff.“, sagte der Typ und ging hinter die Bar und zwinkerte mir zu.

Ray führte mich zu einem Schränkchen und holte einen Block und eine Geldbörse und einen Stift heraus. Er erklärte mir schnell die Preise. Danach führte er mich herum.

„Die Preise für die Getränke sind ja einfach zu merken aber das hier solltest du wissen. Du würdest hier dreimal die Woche arbeiten. Immer vier bis fünf Stunden mit jeweils einer kurzen Pause dazwischen. Wenn Gäste hereinkommen und du gerade keine Zeit hast, weil du anderswo beschäftigt bis, nick ihnen zu damit sie wissen, dass sie bemerkt worden sind. Das Trinkgeld, das du hier kriegst, darfst du behalten. Verdienen würdest du fünfzehn Dollar in der Stunde, plus Trinkgeld. Versuch so deutlich wie möglich zu schreiben. Wenn du dich verließt und was Falsches bringst, müssen die Gäste nicht bezahlen, dürfen es aber behalten. Außerdem gewöhne dich besser daran, dass du angemacht wirst. Das kann man hier in diesen Outfits schlecht verhindern. Sieh es als Kompliment und lächle einfach. Ein Vorteil hier ist, dass du hier anonym arbeiten kannst. Wir verwenden alle Spitznamen. Meiner ist Sherriff.“

Ich versuchte das alles im Kopf zu behalten. Ray redete sehr schnell und hüpfte immer von einem Punkt zum anderen.

„Ist klar.“, sagte ich und nickte.

„Hast du eine Idee für einen Spitznamen für dich?“, fragte er schelmisch.

Ich überlegte kurz. „Hat schon irgendwer Angel?“

Ray grinste und sagte: „Nein, da hast du dir einen guten Namen ausgedacht. Passt zu dir“

„Danke“, sagte ich und griff mir nervös in den Nacken.

„Hast du noch Fragen?“, fragte Ray.

„Ja, eine schon noch. Ich bin mir mit meiner Sexualität noch nicht wirklich im Klaren und habe gehofft hier mal mit Schwulen Leuten zu reden, ohne mich dabei offenbaren zu müssen.“

Ray lachte.

„Während deiner Schicht wirst du nicht viel zum Reden kommen, aber wenn du willst, kannst du deine Pause dafür verwenden. Ich würde mich da direkt für bereit erklären mit dir ein bisschen zu quatschen.“

Seine Augen funkelten.

„Ja, klar. Das wäre nett von dir, Ray.“, sagte ich.

„Hier drinnen bin ich Sherriff.“, ermahnte er mich. „Du bist nicht der Einzige hier, der seine Identität geheim halten will.“

Er zwinkerte. Ich wurde leicht rot.

„Tschuldigung“, sagte ich.

„Schon gut. Kommt mir das nur so vor oder bist du schüchtern?“, fragte er.

Schüchtern? Noch nie hatte mich jemand als schüchtern bezeichnet.

„Nein, eher nicht, aber das ist alles sehr neu für mich und auch ungewohnt. Außerdem kenne ich hier niemanden.“

„Naja, jetzt schon.“, sagte Ray und klopfte mir auf die Schulter. „Denk immer daran. Hier kennt dich kein Mensch. Du kannst also so ruhig ein bisschen mehr Selbstvertrauen haben. Du siehst gut aus und hast auch einen gewissen Charme. Nutz den aus und besorg dir einen Haufen Trinkgeld.“

„Ok, danke Sherriff.“, sagte ich ermutigt. Was er sagte, machte Sinn. Hier konnte ich mich völlig normal aufführen. So wie ich in der Schule war und dort war ich beliebt. Da konnte ich doch auch sicher hier die Leute für mich gewinnen.

„Bereit für deine erste Schicht für den geilsten Job der Welt?“, fragte Ray.

„Ich denke schon.“, sagte ich selbstsicher.

Ray grinste und sagte: „Sehr gut. Und Angel?“

„Ja, Sherriff?“

Ray grinste schelmisch und sagte: „Denk dir nichts dabei, wenn du hin und wieder was auf deinen Knackpo kriegst. Ich fürchte, ich kann da leider nur schwer widerstehen.“

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Dieses Kapitel ist … sonderbar ^^

Also erstens muss ich sagen, dass ich es gut finde, wie du hier immer wieder Humor mit einflechtest. Jason und Brandon bilden ein ganz cooles Duo, wobei ich auch sagen muss, dass gerade der Anfang dieses Kapitels etwas verwirrend geschrieben war, weil man auch noch gar nicht wusste, worauf das hinauslaufen soll.

Zweitens weiß ich nicht so genau, wie dieser „Job“ Brandon jetzt dabei helfen soll, sich über seine sexuelle Orientierung 100% sicher zu werden? Klingt zwar nach nem coolen Schuppen - in den ich selber trotzdem nie gehen würde :rofl: - aber warum? Einfach nur warum? :smiley:

Drittens scheint dieser Ray ja ganz sympathisch zu sein, aber der Chef des Ladens scheint er nicht zu sein. Trotzdem kann er Brandon einfach so einstellen? Und einfach mal geglaubt, dass er 18 ist. Yo haha.

Ist jetzt nörgeln auf hohem Niveau ich weiß, aber etwas sonderbar das Ganze, aber eben auch irgendwie interessant. Apropos interessant: „Angel“ - jetzt kommen wir dem näher, woher die Geschichte ihren Namen hat.

Liebe Grüße
Skystar

Hahahaha ein Kapitel entsprungen aus der Fantasie eines 15jährigen :wink:

Realistisch ist es natürlich nicht gerade, aber um fair zu sein, das sind Menschen die mit Tieren reden können und schwule best friend Aliens auch nicht :stuck_out_tongue:

Bald geht’s weiter

Hab dich lieb Skystar :kissing_heart:

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Teil 14 - Fragen an den Sonnenschein

Erschöpft lehnte ich mich gegen die Bar. Ray mixte gerade irgendeinen Cocktail. Dann bemerkte er mich und rutschte in meine Richtung.

„Und? Wie hat es dir gefallen?“, fragte er.

„Bisher fand ich es super.“, sagte ich strahlend. Die Leute hier waren mir sympathisch. Die meisten strahlten eine gewisse Lebensfreude aus. Viele hatten versucht mit mir zu flirten, aber darauf ging ich nicht ein. Ich lächelte nur still.

„Wie lange willst du eigentlich noch hier bleiben? Du bist schon länger als drei Stunden hier.“, sagte Ray.

„Was ernsthaft? Ist mir gar nicht so vorgekommen.“, sagte ich und sah auf meine Uhr. Tatsächlich war ich schon dreieinhalb Stunden hier.

„Für Überstunden bezahle ich dich normalerweise nicht.“, sagte Ray und grinste.

„Versteh schon“, sagte ich. „Ähm, hast du jetzt dann Zeit zum Quatschen?“

„Von mir aus. Meine Schicht ist in fünf Minuten zu Ende, aber auf die kommt’s jetzt auch nicht mehr an.“, sagte Ray und rief irgendeinen anderen Angestellten zu sich. Er übernahm die Bar und Ray und ich gingen uns umziehen. Das machte mich ein wenig nervös, denn Ray hatte gar kein Problem damit sich vor mir umzuziehen, als wäre es nichts. In der Football Umkleide brauchten manche Jungs Jahre, bis sie damit halbwegs klarkamen. Nachdem wir wieder angezogen waren, gingen wir nach draußen. Sofort zog ich mir meine Kapuze wieder über. Ray fand meine übertriebene Vorsicht lustig. Er lachte und neckte mich ein klein wenig. Nach einigen Metern Entfernung streifte ich die Kapuze ab und ging wieder aufrecht. Ray lud mich auf ein Crêpe ein. Ich sagte nicht nein, obwohl ich es normalerweise vermied Nutella zu essen. Ray meinte ich solle mir hin und wieder was gönnen und ich stimmte ihm zu und biss in den Crêpe. Er schmeckte köstlich.

Ray schlug vor zum Strand zu gehen und dort zu reden. Wir schlenderten hin und setzten uns auf die Böschung. Es war schon finster und es waren nur noch sehr wenige Leute unten. Ich begann schon wieder auf das wunderschöne Meer hinauszublicken. Morgen würde es wieder die Farbe von Liams Augen annehmen. Ray stupste mich an.

„Also? Was wolltest du nochmal wissen?“, fragte er.

„Wie ist es so schwul zu sein?“, fragte ich.

Ray lachte und sagte: „Nicht viel anders als hetero zu sein, nehme ich mal an. Nur liebst du eben keine Mädchen. Was aber nicht heißt, dass diese Art von Liebe schlecht ist. Nächste Frage?“

„Wie ist es so sein Schwulsein auszuleben?“

„Hmm, gute Frage. Für mich ist es inzwischen ganz gewöhnlich mich nicht mehr verstecken zu müssen. Wenn du dich dazu entschließt, trennst du automatisch die Spreu vom Weizen. Die Leute, die dich nicht so nehmen wie du bist, brauchst du nicht. Die braucht keiner. Aber die, die dich wirklich mögen werden keinen großen Unterschied sehen. Für die meisten wird es aber sehr interessant sein, also bereite dich darauf vor eine Menge Fragen zu beantworten“

„Das heißt, dass du dich geoutet hast?“, fragte ich.

„Ja“, sagte Ray und nickte. „Ich habe es damals meinem Ex-Freund zuliebe gemacht.“

„Wie lange ist das her?“, fragte ich neugierig.

„Da war ich achtzehn, also etwas länger als drei Jahre.“, sagte er.

„Und, wie haben die Leute um dich herum reagiert?“, fragte ich.

„Wie schon gesagt, die meisten haben es akzeptiert, andere nicht.“, sagte Ray.

„Was war mit deiner Familie?“, fragte ich ein bisschen zögerlich.

„Mein Dad hat es gelassen hingenommen, aber er ist nicht wirklich interessiert an seinen Kindern. Meine Mom hatte Schuldgefühle weil sie gedacht hat, dass sie in meiner Erziehung was falsch gemacht hat. Und mein Bruder, tja. Mein Bruder hasst mich seitdem dafür.“

„Das tut mir leid.“, sagte ich.

„Schon gut. Inzwischen hab ich nur noch mit meiner Mom Kontakt. Von meinem Dad hab ich zu meinem letzten Geburtstag eine Grußkarte mit einem Batzen Geld bekommen. Mehr nicht. Das Geld hab ich in die Bar investiert.“

„Warte mal. Heißt das die Bar gehört dir?“, fragte ich.

„Ja. Hast du das nicht gewusst? Ich dachte das hätte ich erwähnt.“, sagte Ray und grinste.

„Ja Andeutungen gab es schon, aber da hab ich gedacht, das wäre Spaß.“, sagte ich. „Wie kommt es, dass du eine eigene Bar besitzt?“

„Mein Dad ist ein sehr hohes Tier. Er ist Immobilienmakler und hat seinen Firmensitz direkt in New York. Die Bar sollte abgerissen werden aber ich und mein Ex hatten die Idee von einer Themenbar und haben sie ihm für einen Schnäppchenpreis abgekauft. Letztes Jahr konnten wir ihm alles zurückzahlen. Wie du siehst waren diese Ideen sehr gut. Wir haben das Lokal inzwischen sogar vergrößert. Früher gab‘s nur das Erdgeschoss.“

Ich nickte beeindruckt.

„Ähm, Ray?“

„Ja?“

„Wie hast du es letztendlich gewusst ob du jetzt schwul bist, oder ob du nur eine Phase durchgemacht hast?“

„Klingt, als wärst du im Zwiespalt.“, sagte er und durchbohrte mich mit einem intensiven Blick.

„Ja, ich bin in einer echt blöden Situation und ich hab keine Ahnung was ich machen soll.“, sagte ich und sah auf den sandigen Boden.

„Erzähl mal.“, sagte er und schlang seinen Arm um Schulter, als wären wir beste Freunde.

Ich erzählte alles. Fast so viel wie ich Clara erzählt hatte. Am Ende sah Ray nachdenklich aus.

„Was sagst du zu dir selbst?“, wollte er wissen.

„Ich weiß es eben nicht wirklich. Ich hatte schon so viele Mädchen mit denen ich geküsst habe und Sex hatte. Das hat immer Spaß gemacht und war für mich sehr einfach. Aber wirklich verliebt habe ich mich noch nie. Aber bei Liam ist das genau umgekehrt. Meine Gefühle drehen bei dem Gedanken an ihn und seine Augen durch und ich würde nichts lieber machen als ihn zu küssen“, sagte ich.

Jetzt hatte ich es ausgesprochen. Genau das was ich mich noch nie getraut hatte. Weder bei Clara noch bei Jason. Aber bei Ray war es irgendwie anders. Ich spürte, dass er mich verstand und mir ganz sicher helfen konnte.

„Ich glaube du hast die Antwort selbst gefunden. Die Lust ist nur ein kleiner Bruchteil vom Verliebt sein. Wichtig ist, was dein Herz sagt. Und wenn es dir sagt, dass dieser Junge dich glücklicher machen kann als der häufige Sex mit irgendwelchen Mädchen, ist das dann auch so. Manchmal sollte man nicht zu viel nachdenken. Wenn sich was richtig anfühlt, ist es das wahrscheinlich auch.“

„Danke Ray.“, sagte ich.

„Kein Problem.“, sagte er. Eine Weile saßen wir schweigend nebeneinander. Dann sagte er nochmal was.

„Ein Jammer, dass du so verknallt bist. Ich weiß nicht ob du das weißt, aber du bist ganz schön süß. Falls du irgendwann draufkommen solltest, dass Liam doch nicht der Richtige für dich ist, lass es mich wissen. Du weißt, wo du mich findest“, sagte Ray, zwinkerte mir zu und küsste mich auf die Wange.

Damit stand er auf und ging wieder in Richtung der Bar. Ich blieb verdattert sitzen. Ich dachte nach. Ray war durchaus ein guter Fang. Er sah gut aus, war gut gebaut und hatte eine besondere Art, die mir gut gefiel. Aber mir ging Liam nicht aus dem Kopf. Vermutlich wäre es einfach besser wenn ich mich mit Ray verabreden würde anstatt zu hoffen, dass sich Liam jemals von Connor trennen würde um mit mir zusammenzukommen. Aber das würde vermutlich niemals passieren. Da fiel mir etwas ein:

Liam antwortete erstmal nicht. Dann sagte er: „Ich mag dich auch. Du wärst ein toller Freund. Ich muss hier aussteigen.“

Liam hatte gesagt, dass ich ein toller Freund wäre. Damals hatte ich angenommen, dass er Kumpel meinen würde. Aber hatte er das vielleicht anders gemeint? Wünschte er sich vielleicht insgeheim mit mir zusammen zu sein? Oder war das nur Wunschdenken? Ich wusste, dass man vieles falsch deutet, wenn man verliebt war. Aber ich wollte diese kleine Hoffnung für mich behalten.

Noch eine Weile blieb ich sitzen und wog meine Optionen ab, bis plötzlich mein Handy vibrierte. Ich hob ab.

„Wo steckst du, man? Ich warte jetzt schon eine Ewigkeit auf dich!“

„Oh, Jason. Tut mir leid. Ich komme sofort. Wo bist du?“

„Bei deinem Auto.“, sagte er mürrisch.

„Tut mir echt leid, man“, sagte ich

„Schon gut. Aber komm jetzt. Ich will so langsam mal nach Hause.“

„Ok, bis gleich.“

„Bis gleich.“

Ich spurtete zurück zu meinem Auto. Jason wartete auf mich. Er sah leicht verstimmt aus.

„Was hat da denn so lange gedauert?“, fragte er.

„Ich hab erst dreieinhalb Stunden gearbeitet und danach hab ich mich noch mit meinem Chef unterhalten.“

„Der Chef? Ernsthaft?“, fragte er. Ich nahm an, dass er meinen würde, dass Ray ein alter Sack wäre oder so.

„Mein Chef ist der, der uns geöffnet hat.“, sagte ich und sperrte das Auto auf. Wir stiegen ein und ich fuhr los und erzählte ihm wie ein so junger Typ schon seine eigene Bar besaß.

„Über was habt ihr sonst noch geredet?“, fragte Jason.

„Über so ziemlich alles was ich dir auch gesagt habe.“, sagte ich.

„Und hat er dir helfen können?“, fragte Jason.

„Ja. Er hat mir sehr geholfen.“, sagte ich.

„Inwiefern hat er dir mehr helfen können als ich oder Clara?“

„Bei ihm war das anders. Er hat das Ganze vermutlich schon selbst erlebt. Irgendwie habe ich jetzt weniger Angst. Wenn das mein Weg ist, ist er das und ich versuche das Beste daraus zu machen.“

„Was wirst du machen?“, fragte Jason neugierig.

„Versuchen eine Chance bei Liam zu kriegen.“, sagte ich.

„Glaubst du, dass er sich von Connor trennen wird?“, fragte er.

„Ich hab keine Ahnung. Aber die Hoffnung besteht und ich werde zumindest versuchen ihm näher zu kommen. Wenn ich es jetzt lasse, werde ich mich immer fragen was passiert wäre wenn es gut gegangen wäre.“

Jason nickte.

„Ich hoffe sehr, dass du kriegst, was du willst. Aber du weißt, dass du gerade dabei bist jemandem den Freund auszuspannen?“, sagte er.

Ich biss mir auf die Lippe. Er hatte Recht.

„Ich möchte nur Zeit mit ihm verbringen. Ich werde nicht aktiv versuchen seine Beziehung zu zerstören“, meinte ich nach einer kleinen Nachdenk-Pause.

„Aber passiv schon?“, fragte Jason und kicherte dann.

Es dauerte einen kleinen Moment, bis ich verstanden hatte und Jason eine reinhaute.

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Ah Ray ist also der Chef. Das erklärt natürlich einiges haha
Ich finde Ray sehr sympathisch … fast schon cooler als Liam, was aber nur daran liegt, dass ich nicht verstehen kann, was Liam an Conner findet :rofl:
Jemanden den Freund ausspannen geht in meinen Augen gar nicht, da muss Brandon echt aufpassen, dass er es nicht auf die Spitze treibt. Am Ende liegt das auch in Liams Händen, mit wem er lieber zusammen sein möchte, aber ich glaube soweit sind wir noch lange nicht …

Merry x-mas
Skystar

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Das Herz will, was es will… Auch wenns der Vernunft widerspricht :wink:

Teil 15 – Vorsicht, heiß!

„Guten Morgen.“, sagte Liam. Er schwang sich in mein Auto und ließ sich auf den Sitz fallen. Ich gab ihm die Hand und grinste. Nicht zu auffällig. Liam schien komischerweise etwas nervös zu sein.

Ich hatte mich extra etwas herausgeputzt an diesem Tag. Ich trug eine weite, beige Leinenhose und ein vertikal gestreiftes Hemd, dessen obere Knöpfe ich offen gelassen hatte. Über meiner Brust hangen zwei unterschiedliche Ketten. Eine hatte einen Haifischzahn als Anhänger. Dazu trug ich meine coole Marken-Sonnenbrille. Ich trug sie fast nie, da ich Angst hatte sie würde zerkratzt werden, doch heute schien es mir das Risiko wert.

Liam war auch gut angezogen. Er trug eine kurze Hose, die sich perfekt an seine Beine schmiegte und dazu ein Tanktop mit Bananenblättermuster. Er hatte nichts um den Hals hängen, aber dafür einige Armbänder um seine Handgelenke. Er hatte ebenfalls eine Sonnenbrille mit, doch sie saß auf seinen Haaren, die zwar perfekt gestylt, aber doch zerzaust aussahen.

„Guten Morgen, ist irgendwas?“, fragte ich ihn.

„Nein, ich hab nur schon seit Ewigkeiten nichts mehr mit einem Freund unternommen.“, sagte er.

„Ach so. Naja, du brauchst doch nicht nervös sein. Wir gehen doch nur schwimmen.“, sagte ich lachend.

„Ok. Ähm darf ich das Radio anmachen? Ich hab in meinem Auto immer sehr gerne Musik laufen beim Fahren. Da kommt mir der Weg nie so lange vor.“, fragte er.

„Klar doch“, sagte ich und wies auf das Autoradio. Liam schaltete auf einen Sender, den auch ich oft hörte. Eine Mischung aus moderner Musik und älteren Songs, die ihren Glanz wohl nie verlieren würden.

„Willst du Kaffee?“, fragte ich und hielt einen gekühlten Kaffee Latte hoch.

„Sehr gerne.“, sagte Liam erfreut und nahm ihn entgegen. Dabei berührten sich unsere Fingerspitzen. Es war nur für eine Sekunde aber es genügte um es zu spüren. Es fühlte sich ungefähr so an, als würde man an einen elektrischen Kupferdraht langen. Man verspürt einen Schlag, das Herz schlägt schneller und du hast das Gefühl, als würden dir sämtliche Haare zu Berge stehen.

„Ist dir kalt?“, fragte Liam.

„Was? Nein, wieso das denn?“, fragte ich verwirrt.

„Na, weil du Gänsehaut hast.“, sagte Liam und deutete auf meinen Arm.

„Oh, ähm… ja mir ist tatsächlich etwas kalt. Ich stell mal besser Lüftung runter.“, sagte ich und drehte ein wenig am Rädchen. Auf einen Schlag wurde ich rot. Vor Scham sagte ich nichts mehr. Irgendwann fragte Liam: „Kennst du den Song im Radio?“

„Ähm, hört sich nach Bruce Springsteen an.“, sagte ich.

„Ich liebe den Song!“, sagte Liam.

„Dann sing doch mal.“, sagte ich.

„Na gut, aber du musst auch!“, verlangte er.

„Wie du willst.“, sagte ich.

Es war ein lustiger Song. Keiner von uns kannte die Strophen so recht, dafür sangen wir die Refrains immer laut und ausgelassen mit. Beim letzten versuchten wir uns gegenseitig zu übertrumpfen.

„Das hat Spaß gemacht.“, sagte ich, nachdem ich verschnauft hatte. „Wo hast du so singen gelernt?“

„In der Theatergruppe.“, sagte er schlicht.

„Wirklich? Ich hätte gedacht, dass ihr da nur so Shakespeare-Zeug macht.“, sagte ich erstaunt.

„Das meinen die meisten. Wir machen immer was uns Spaß macht. Manchmal singen wir, manchmal machen wir Theater, manchmal tanzen wir.“

„In der Theatergruppe wird getanzt?“, fragte ich überrascht. Das wäre mir neu.

„Naja, nicht wirklich. Wir performen. Das nennt man dann Showdance. Aber alles andere ist nicht drinnen. Richtig tanzen kann nur Connor, der mal zum Ballett gegangen ist und Anna, die in viele Tanzkurse absolviert hat.“

„Moment mal. Connor ist eine Ballerina?“, fragte ich.

Liam lachte und sagte: „Ja, könnte man so sagen. Schon ziemlich schwul, oder?“

Von Liam kam das lustig rüber. Ich musste lachen.

„Schon ein bisschen.“, sagte ich und grinste.

„Und woher hast du das Talent zum Singen?“, fragte er.

„Dieses Talent, wie du es nennst, habe ich von meiner Mom. Sie spielt am Off-Broadway.“, sagte ich gleichgültig.

„Am Off-Broadway? Welches Musical?“, fragte Liam aufgeregt.

„Ähm „Annie“ glaub ich. Bist du ein Fan von Musicals?“, fragte ich.

„Ja, ich hab schon in zwei mitgespielt.“, sagte er „Wenn auch nur in der Schule. Und auch nie eine richtige Rolle. Nur so Nebenrollen.“

„Ich habe mit meiner Mom eure Aufführung von Wicked gesehen. Die war letztes Jahr, oder?“

„Ja, das war vor einem Jahr.“

„Ich erinnere mich gut daran. Du warst doch der alte Knacker, oder?“

Liam lachte und sagte mit verstellter Stimme: „Ja, der große, mächtige und wundervolle Zauberer von Oz.“

„Wieso warst du nicht die männliche Hauptrolle? Der war doch grottenschlecht soweit ich mich erinnern kann. Meine Mom hat gesagt, dass du mehr Talent hattest.“

„Das hat sie gesagt? Wie cool. Nun es ist etwas schwer für mich eine Chance zu kriegen. Die meisten meinen ich wäre als schwuler Junge nicht im Stande mit einem Mädchen Chemie zu haben, was vollkommener Schwachsinn ist. Außerdem wollen mir die meisten Leute keine Chance geben.“

„Ach so. Das ist beschissen.“, sagte ich.

Einige Minuten später waren wir am Meer. Mich lockte das Wasser schon von weitem. Ich sog den salzigen Geruch ein. Ich öffnete die Hintertür und ließ Rex heraus. Ich hatte ihn mitgenommen als moralische Unterstützung. Glücklich jagte er auf die Wellen zu. Bestimmt wollte er nach Krabben suchen.

„Na los, komm schon ich will schwimmen!“, rief ich Liam zu.

„Komme schon!“, rief er.

Ich streifte mein Hemd ab und zog meine Schuhe aus. Meine Badehose hatte ich bereits unter der Leinenhose angehabt. Sie war einfärbig und neonpink. Die Art von Badehose, die gebräunte Haut zur Geltung brachte. Ich blickte zu Liam. Auch er hatte inzwischen seine Sachen abgeworfen und stand nun in einer Badehose, die exakt seine Augenfarbe wiederspiegelte, da. Auf seiner Brust erkannte man nur noch leicht wo ihm das Gewicht draufgeknallt war.

„Na los!“, rief ich. „Wer zuerst im Wasser ist!“

Ich sprintete los und Liam hinterher. Ich war nicht gerade langsam aber Liam war ein begnadeter Läufer. Ich musste ihn unbedingt in unserem Footballteam haben, fiel mir wieder ein. Er schlug Taylor sicher um Längen und Schnelligkeit und Wendigkeit. Er überholte mich innerhalb von Sekunden und gewann das Rennen. Schon war sein dunkler Haarschopf im Wasser verschwunden. Ich setzte ihm nach und war bald ebenfalls im Wasser. Ich tauchte unter und sah mich um. In der verschwommenen Unterwasserwelt konnte ich Liam doch gut ausmachen. Ich packte ihn am Bein und tauchte auf. Liam ebenfalls. Er spuckte Wasser aus und grinste.

„Lässt du mich los?“, fragte er lachend und ruderte mit den Armen.

„Ja, schon.“, sagte ich. „Aber zuerst muss ich dich noch bestrafen, weil du schneller warst.“

Damit drückte ich seinen Kopf unter Wasser. Natürlich ließ ich ihn darauf wieder los. Prustend tauchte er auf. Er lachte auf und spuckte ein bisschen Wasser, mehr nicht. Ich hatte einen Gegenangriff erwartet.

„Was ist?“, fragte ich „Normalerweise rächen sich meine Kumpels bei mir, wenn ich sowas abziehe."

„Ach wirklich? Dann komm her!“ - Natürlich kam ich nicht her. Ich machte es ihm nicht einfach, doch es gelang ihm schließlich mich unterzutauchen. Das Gerangel mit ihm fühlte sich großartig an. Wann immer sein Körper auf meinen traf, spürte ich wie Adrenalin durch meinen Körper pumpte. Irgendwann musste ich ein Friedensgesuch stellen, denn nicht nur Adrenalin pumpte durch meinen Körper, sondern auch Blut in Richtung Allerheiligstes. Meine Badehose wölbte sich stark nach außen und ich musste von Liam ablassen, denn sonst hätte er es bestimmt gemerkt.

Etwas später saßen wir auf einer uralten Liege und hatten jeweils ein Bier in der Hand. Es hatte eine ganze weile gedauert, bis sich mein kleiner Freund wieder beruhigt hatte. Ich fragte mich ob es Liam auch so gegangen war.

„Es fühlt sich toll an einen Kumpel zu haben.“, sagte Liam und trank einen Schluck. Ich lächelte verstohlen. Wenn der wüsste.

„Hmm“, sagte ich nur und starrte aufs Meer.

„Hey, Brandon?“, fragte Liam.

„Ja?“, fragte ich und sah zu ihm hinüber. Ich wurde kurz nervös.

„Wie ist es so ein ganz normales Hetero-Leben zu führen?“

Meine Gefühle waren gemischt. Einerseits etwas enttäuscht, andererseits belustigt. Und auch ein bisschen erleichtert.

„Haha, ähm… keine Ahnung. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Man führt eben ein Leben in dem die Beziehungspartner kommen und gehen. Die größten Sorgen betreffen da normalerweise Hausaufgaben, Taschengeld und Pickel soweit ich weiß.“

„Und die hast du auch alle nicht.“, sagte Liam. „Ich wäre gerne so wie du.“

Ich blickte ihn an und fragte: „Warum?“

„Es sieht so unbeschwert aus“, sagte er.

„Das ist auch das, was alle denken sollen. Ich lauf immer verstellt rum. Richtig kennen tut mich fast niemand, oder verhalte ich mich gerade so, wie in der High-School?“

„Nein, heißt das, dass du in Wirklichkeit so bist wie du jetzt bist?“

„Ja, eigentlich schon. Aber selbst jetzt bin ich nicht komplett ich selbst“, sagte ich.

„Ich mag dein wahres Ich viel lieber. Das ist nicht so arrogant und prahlerisch wie sonst. Aber was ist mit den Mädchen? Du kannst dich doch glücklich schätzen, das jedes Mädchen was von dir will.“

„Falsch. Jedes Mädchen, das oberflächlich ist will was von mir. Die wissen doch alle nicht wie ich wirklich bin und wollen nicht mich als Freund sondern den coolen Jungen, der Quarterback ist. Die mögen die Idee, oder das, was ich darstelle. Vielleicht sogar nur den Status. Ich glaub viele wollen mich nur benutzen. In der Hinsicht beneide ich dich. Du hast jemanden der dich so liebt, wie du wirklich bist.“

„Du beneidest mich um etwas?“, sagte Liam belustigt.

„Du hast sehr viele Eigenschaften die ich nicht habe. Du bist mutig, stolz und stark“

„Das sind alles Eigenschaften, die ich brauche, um nicht zu zerbrechen.“, sagte Liam nur.

„Die hattest du schon vorher. Ich kenn dich ja schon länger.“

„Ja schon, aber da hab ich sie noch nicht gebraucht.“, argumentierte er.

Ich lehnte mich etwas zurück. Unsere Schultern berührten sich. Feuer.

„Liam?“, fragte ich vorsichtig.

„Hmm?“, sagte er.

„Was fühlst du wenn du Connor küsst?“, fragte ich.

„Glück, Freude, das Gefühl nicht alleine zu sein.“, sagte Liam.

„Was ist mit Geborgenheit?“, fragte ich.

„Auch ein bisschen. Wie fühlst du dich wenn du ein Mädchen küsst?“

„Nicht viel. Es macht Spaß, schätz ich“, sagte ich.

„Ja stimmt, küssen soll auch Spaß machen. War es wirklich nie mehr als Spaß?“, fragte er.

„Nein, das nicht.“, sagte ich „Ich hatte nie das bekommen was ich erwartet habe. Bei noch niemanden. Deswegen hoffe ich auch, dass ich mal die Person finde, bei der das anders ist, sagte ich und trank einen großen Schluck von meinem Bier.

„Wenn du dich mal so richtig verknallst, kann ich dir vielleicht helfen. Ich habe eigentlich einen ganz guten Draht zu Mädchen“, schlug Liam vor.

Ich lachte. Unsere Schultern berührten sich immer noch leicht. Die Stelle wo er mich berührte brannte. Zumindest fühlte es sich so an.

„Ich sag dir Bescheid.“, sagte ich lächelnd.

Das wäre der perfekte Moment um ihm die Wahrheit zu sagen aber ich traute mich einfach nicht. Seit wann war ich feige? Das gab‘s doch gar nicht. Ich brachte auf einen Schlag keinen Ton mehr heraus. Mir wurde heiß.

„Ich geh nochmal schwimmen, ja?“, sagte ich und stürzte mich, ohne auf Liam zu warten, nochmal in die Fluten. Hoffentlich würde es mir Klarheit im Kopf verschaffen. Aber da war diese eine Sache, die nicht mehr aus meinem dummen Gehirn wollte. Natürlich war er es. Er und seine verdammten Augen.

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Sehr schönes Kapitel