Was ist wichtiger: sexuelle Anziehung oder emotionale Verbundenheit?

Hey ihr.

Ich bin Lina, weiblich und 25 Jahre alt.

Die letzten fünf Jahre war ich mit der Liebe meines Lebens zusammen. Ich habe sie im Februar 2021 kennengelernt. Wir waren einen Monat in der Kennenlernphase und sind im März 2021 zusammengekommen. Sie war meine erste Freundin, vorher hatte ich nur heterosexuelle Beziehungen.

Von Anfang an hatte ich totale Angst, irgendwann doch zu merken, dass ich gar nicht bisexuell oder pansexuell bin und ihr dadurch wehtun muss.
In den ersten Monaten hatten wir regelmäßig Sex und tauschten viele Zärtlichkeiten aus. Nach ein paar Monaten wurde der Sex immer weniger. Wenn wir mal Sex hatten, fühlte ich mich danach ekelig, schmutzig und schlecht – obwohl ich es währenddessen sehr genossen habe.
Wir vermuteten, dass das mit der sexuellen Belästigung zusammenhing, die ich ein Jahr zuvor erlebt hatte und die mich damals noch sehr belastete. Sex wurde also immer seltener und ich glaube, nach ungefähr zwei Jahren Beziehung hatten wir gar keinen Sex mehr. Irgendwann ging ich davon aus, dass ich asexuell bin.

Wir haben viel über das Thema gesprochen. Ich hatte immer so starke Schuldgefühle. Sie war verständnisvoll und wollte mich zu nichts drängen. Also war Sex irgendwann einfach kein Thema mehr. Auch die Zärtlichkeiten sind mit der Zeit etwas eingeschlafen. Wir haben uns zwar immer noch umarmt, gekuschelt und gegenseitig gekrault. Geküsst haben wir uns nur noch ohne Zunge, aber auch das wurde seltener.

Seit Mai 2024 haben wir zusammen gewohnt. Ich habe es sehr genossen, meinen Alltag mit ihr zu leben, auch wenn ich durch meine Depression leider oft sehr schwere Zeiten hatte. Letztes Jahr ging es irgendwann nicht mehr und ich wurde krankgeschrieben.

Anfang dieses Jahres wurde ich stationär in einer psychiatrischen Klinik aufgenommen. Dort hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Mir wurde klar, dass ich eigentlich schon seit etwa einem Jahr daran zweifelte, ob ich diese Beziehung noch möchte. Diese Gedanken habe ich aber immer wieder weggeschoben, weil ich meine Partnerin so sehr geliebt habe – und immer noch liebe. Warum sollte ich mich trennen, wenn ich diese Frau abgöttisch liebe?
Während der Zeit in der Klinik wurden die Zweifel immer lauter. Besonders, weil ich schon in meiner ersten Woche bemerkte, dass mich einer der Mitpatienten sehr interessierte und sich eine Schwärmerei entwickelte.
Das war mir noch nie passiert. Ich hatte mich noch nie innerhalb einer Beziehung in jemand anderen verliebt. Ich hatte schreckliche Schuldgefühle.
Zu diesem Mann spürte ich eine sexuelle Anziehung und wollte ihn einfach als Menschen in meiner Nähe haben. Ich fand ihn sowohl charakterlich als auch äußerlich attraktiv. Ich habe so lange gegrübelt. Seitenlange Texte darüber geschrieben, was ich denke und fühle.

Nach anderthalb Monaten in der Psychiatrie habe ich mich von meiner Partnerin getrennt.
Es hat schrecklich wehgetan. Und auch jetzt, mehr als fünf Monate später, tut es noch weh.

Ich bin inzwischen mit meinem neuen Partner zusammen – also mit dem Mitpatienten, den ich damals so interessant fand. Das war alles viel zu schnell nach der Trennung. Darüber bin ich mir bewusst, aber es ist einfach so passiert.

Jetzt ist es für mich unglaublich schwierig. Ich bin in einer Beziehung mit einem tollen Mann, den ich liebe und zu dem ich eine sexuelle Anziehung verspüre. Aber ich liebe meine Ex-Partnerin ebenfalls.
Und zwar über alles.
Niemanden liebe ich so sehr wie sie.
Ich vermisse sie so unfassbar und kann es manchmal kaum ertragen. Ich habe sie sehr verletzt und das zerreißt mich.

Ich stehe ständig vor der Frage, was wichtiger ist: Einen Menschen an meiner Seite zu haben, der mir emotional einfach alles gibt, mit dem es auf allen Ebenen passt, der die Liebe meines Lebens ist – aber ohne Sex. Oder einen anderen Menschen, mit dem es auch sexuell passt.

In meinem Fall ist das gerade mein jetziger Partner, mit dem ich ein tolles Sexleben habe.

Aber emotional kommt niemand an meine Ex-Partnerin heran.
Vielleicht verherrliche ich sie gerade auch und sehe nur das Positive. Aber wir hatten wirklich eine wunderschöne Beziehung.
Ich vermisse diesen Menschen in meinem Leben so schmerzlich. Unseren Alltag, unsere Rituale, ihr Dasein, ihr Lachen, ihre Art.
Ich vermisse einfach alles an ihr und ich liebe sie so sehr.
Ich würde mir so sehr wünschen, dass wir das Sexleben miteinander hätten, das ich mir wünsche.
Ich würde so gerne mit ihr Sex haben wollen.
Ich hasse mich und das Universum dafür. Ich wollte sie heiraten, Kinder mit ihr bekommen und den Rest meines Lebens mit dieser Frau verbringen. Verdammt.

Ich weiß, niemand kann mir eine Antwort auf die Frage geben, was ich tun soll. Aber vielleicht gibt es jemanden, der etwas Ähnliches erlebt hat.

Übrigens ist eine offene Beziehung keine Option. Ich habe das Thema zweimal angesprochen und das möchte sie nicht.

Ich vermisse sie so sehr.
Oft bin ich so verzweifelt, dass ich mir einrede, das alles sei nur ein Traum und ich wache morgen neben der Liebe meines Lebens auf und nichts davon ist wirklich passiert.
Dann würde ich sofort einen Termin zur Paarberatung vereinbaren und schauen, ob wir doch noch einen Weg gefunden hätten.

Verdammt. Mein Herz tut so weh.

Danke fürs lesen.

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Hey​:waving_hand:t3:

Zuallererst: Herzlich Willkommen auf queerpoint^^

Danke, dass du dich uns so öffnest, das sind ja wirklich schon sehr private Gedanken.

Ich finde die Situation extrem schwierig. Ich persönlich könnte mir niemals vorstellen, mit jemandem zusammen zu sein, während ich jemand anderen als die „Liebe meines Lebens“ bezeichne. Ich finde, Sex kann (aber muss nicht) ein wichtiger Teil in einer Beziehung sein, aber man sollte seine Beziehung nicht davon abhängig machen. Viel wichtiger ist es, dass man: mit dieser Person alles teilen kann; lächelt, sobald die Person den Raum betritt; mit der Person sein ganzes Leben verbringen möchte; sich bei dieser Person geborgen fühlt; mit der Person über alles reden kann; etc. etc.

Schwierig wird es an der Stelle, wenn man die Bedürfnisse einer anderen Person nicht erfüllen kann und es auch keine Möglichkeit gibt, dieses Problem zu lösen (wie in deinem Fall jetzt die Tatsache, dass eine offene Beziehung keine Option ist).

Aber um deine anfängliche Fragestellung aufzugreifen, ich finde emotionale Verbundenheit deutlich wichtiger als sexuelle Anziehung.

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