Moorwege

Hallo zusammen. Ich habe vor etlichen Jahren mal einen Lyrik-Zyklus geschrieben. Bin mir nicht so ganz sicher, ob man sowas als „Geschichte“ bezeichnen kann, aber ich wage mal den Versuch.

Die einzelnen Strophen entstanden vor dem Hintergrund einer - ich nenne es mal so - Online-Beziehung…

Moorwege

  1. Am Waldrand

    Über uns sanftes Mondlicht
    hinter uns der Dornenwald…
    vor uns – das Moor…
    versteckt unter einem Mantel aus Nebel

    kalt, dick, alles verdeckend, stumm.
    Hinter uns, jenseits des Waldes
    leise das Gebell der Hunde, die Rufe der
    Jäger,
    manchmal verschwindend
    unter den Stimmen der Nachtvögel.
    Wir sehen uns an.
    Die Kleidung zerrissen
    von den Dornen.
    Deine mehr als meine.
    Die Körper gezeichnet.
    Deiner mehr als meiner.
    Ich:
    Eine große Wunde über dem Herzen.
    Alt, längst verheilt,
    die nur noch schmerzt,
    wenn sich das Wetter ändert.
    Viele kleine…
    Alte, jüngere,
    frische, aus denen noch das Blut rinnt…
    Du:
    Einige große, noch kaum verheilt,
    empfindlich, verletzlich…
    Schmerzen verursachend…
    Meine Hand streichelt vorsichtig
    zärtlich über die größte…
    an deinem Arm…
    Unsere Blicke treffen sich.
    Unsere Lippen berühren sich.
    Unsere Hände verbinden sich.
    Ich spüre deine Wärme…
    …und deinen Schmerz…
    Du spürst meine Liebe…
    …und meine Unsicherheit…
    Ich fühle deine Hand
    meine drücken.
    Ich spüre neue Kraft…
    Ein letzter Blick in deine Augen…
    Dein Nicken.
    Ich halte deine Hand
    und wir beginnen unseren Weg
    …durch das Nebelmoor…

2. Im Nebelmoor

Ein Schritt, noch einer, ein dritter.
Der Nebel umfängt uns,
verschluckt uns
wie kalte Watte.
Wo vorher die Geräusche der Nacht
waren, das Hundegebell, die Schreie der Jäger…

Stille nun,
nur unterbrochen von leisem Platschen
einer Pfütze,
vom Schlürfen eines Schlammlochs.
Um uns herum,
nicht dunkel, nicht hell.
Düsternis.
Der Weg
kaum zu sehen
der Boden vor den Füßen.
Ich kann dich nicht sehen
nur spüren,
deine Hand, deine Wärme
deinen Atem
der mich deine Nähe fühlen lässt.
Deine Liebe, deine Stärke.
Schatten umgeben uns.
Dunkle Schemen
in der Düsternis.
Meine Schatten,
deine Schatten.
Du wehrst die meinen ab,
ich die deinen.
Irrlichter narren uns,
verwirren uns.
Ich schließe meine Augen,
lass’ mich führen
von deiner Liebe,
gehe nicht unter.
Ist es noch Nacht?
Naht der Morgen?
Ist es schon Tag?
Zeit verliert ihre Bedeutung…
Ein Schritt nach dem anderen.
Langsam, zaghaft, vorsichtig
…durch’s Nebelmoor…

3 Der Weg nach Tír na nÓg

Immer weiter tragen uns
die Füße
weg von den Jägern,
weg von den Dornen,
weg von den Schatten
durch das düstere Grau.
Stille umfängt uns.
Noch immer hältst du meine Hand,
läufst neben mir.
Immer wieder berühren wir uns
spüren uns
ohne uns zu sehen.

Der Boden steigt an,
wird fester,
trockner.
Der Nebel dünner,
heller.

Langsam beginnst du
Gestalt anzunehmen.
aus dem Schemen
wird ein Mensch.
Wir halten inne.
Du nimmst mich in den Arm,
mein Kopf sinkt an deine Brust.
Zärtlich streicht deine Hand
durch mein Haar,
wandert abwärts
über die große Narbe.

Sanft folgen deine Finger der Spur,
wandern hinauf, hinunter…
Ein leises Ziehen…
die Ränder glätten sich,
das Rot verblasst, verschwindet…
Unsere Blicke treffen sich,
versinken in einander.
Meine Lippen berühren
deine Narbe…
Sie vergeht,
wie zuvor die meine…

Heller wird das Grau,
dünner, nicht mehr so kalt.
Eine bleiche Scheibe
weißt den Weg,
fordert auf
ihr zu folgen
Der Nebel ist verschwunden
gleich einem Geist.

Die Wärme einer Sommernacht
umfängt uns
nach der Kälte.
Umschmeichelt uns
Engelsflügeln gleich,
zärtlich streichelnd.
Kindern gleich
versinken wir in einem Traum,
lassen uns fallen
in unserer Liebe
Tír na nÓg - Insel der Träume
…im Nebelmoor…

4 Wolfsmond

Silbrig scheint der Mond
auf unsere Körper
die frei von zerschliss’nem Stoff
im weichen Moose liegen.
Mein Kopf ruht auf deiner Brust
hebt und senkt sich
im Rhythmus deines Atems.

Deine Augen sind geschlossen
ein Strahlen liegt über
deinem Gesicht.
Leise streichelt uns der Wind,
berührt uns, liebkost uns
wie wir uns zuvor.

Gefühle durchströmen mich
lange vergessen, vergraben
unter Schmerzen, Wunden, Narben.
Verschüttet unter Trümmern,
ertrunken in Tränen,
erstickt unter Zwängen.

Tief atme ich ein,
sauge, trinke die klare Luft.
Etwas erfüllt meinen Körper,
unbekannt, fremd.
Ein Drang…

Vorsichtig
hebe ich meinen Kopf,
löse mich von dir.
Ein Blick auf dich,
ein leises Seufzen von dir.
Dann auch von dir
ein tiefer Atemzug, ein zweiter…
Es kommt…
ich kann es spüren…

Leise erhebe ich mich,
stehe aufrecht,
recke die Arme
in den Sternenhimmel,
die Hände zu Fäusten geballt,
den Kopf in den Nacken gelegt.
Aus meinem Inneren steigt es empor
wild, animalisch, unbezwingbar.

Ich fühle, dass du neben mir stehst.
Auch dich hat es gepackt.
Lautlos stehen wir nebeneinander
übergossen vom Licht des Mondes.
Oft geschlagen, doch letztlich nie
besiegt…

Sie kommen leise, unhörbar
den Waldhügel herab.
Drei, sechs, neun Schatten…
Brüder des Waldes, Kinder der Nacht.
Streichen zwischen unseren Beinen
hindurch,
lassen uns ihr warmes Fell spüren,
…nehmen uns auf in ihr Rudel…
Frei, endlich frei!
Wolfsmond…
…im Nebelmoor…

5 . Am Steinkreis

Leises Rascheln
der Pfoten im Gras,
unhörbar unsere Schritte,
selbst in der Stille der Nacht.

Deine Hand in der meinen,
das Streicheln der Felle
unserer Brüder.
Wir lassen uns führen
von ihnen,
die die Nacht
und die Freiheit lieben
wie wir.

Das Licht des Mondes
schimmert durch die Äste der Bäume
wirft Streifen silbernen Glanzes
auf deine Haut…
Ich wende meinen Kopf
sehe dich an…
Wie schön du bist
in deiner Liebe.

Auch du wendest den Kopf
unsere Blicke treffen sich
liebkosen sich,
verbinden sich…
Unsere Brüder spüren das Band
seine Stärke, seine Kraft,
wollen teilhaben.
Umschmeicheln uns
mal der eine, mal der andere.
Lassen uns ihre Gegenwart spüren.

Der Wald öffnet sich.
Vor uns
eine Lichtung,
vom Mond beschienen,
der hell vom
sternenübersäten Himmel leuchtet.

Zwölf Steine
im Kreis errichtet
von unbekannter Hand
vor unbekannter Zeit.
Silbern im Licht des Mondes.
Die Kinder der Nacht,
unsere Brüder
drängen uns,
den Kreis zu betreten.

In der Mitte
ein weiterer Stein.
Kleiner, flacher…
ein Altar.
Hand in Hand
betreten wir den Kreis.
Treten zum Altar.
Wenden uns einander zu.

Meine Hände erfassen
die deinen.
Wir schauen uns tief in die Augen.
Dann gemeinsam
die ersten Worte,
seit unsere Reise begann:
„Ich liebe dich!“
…im Nebelmoor…

6 . Ewige Sommernacht

Samtene Stille
schützt unsere Liebe…
Nur Mondlicht, die Sterne
als unsere Zeugen.
Die anderen
schlafen,
ahnungslos, lieblos
in ihrer Selbstgerechtigkeit.

Ahnen nichts
von der Freiheit,
der Schönheit der Nacht
und der Liebe…
Haben vergessen,
verlernt,
zu leben.

Verstehen nicht,
was uns verbindet.
Wir brauchen keine Worte,
wissen,
statt zu glauben,
fühlen,
statt zu denken,
leben,
statt zu vegetieren.

Jede Berührung
lässt eine Narbe verschwinden,
jeder Kuss,
eine Träne,
jeder Blick,
einen Schmerz…

Nur der Mond, die Sterne
und unsere Brüder
als unsere Beschützer,
Behüter unserer Liebe.

Ich spüre
jeden Teil deines Körpers,
ganz dicht an dich geschmiegt,
vereint mit dir.
Jede Berührung
ein Streicheln,
voll Zärtlichkeit,
nie endend,
immer während…

Ewige Sommernacht, ewige Liebe…
…im Nebelmoor…

7 . Jäger und Hunde

Leises Gebell
dringt durch den Nebel…
Sie suchen uns,
jagen uns,
wollen uns unsere Liebe nehmen…

Du schreckst hoch,
zitterst am ganzen Körper…
Ich nehme dich in den Arm,
halte dich fest,
streichle sanft durch dein Haar.
Streichle die Angst weg.

Ein zärtlicher Kuss
auf deine Stirn…
Das Zittern lässt nach,
hört auf.

Wir lauschen dem Gebell,
den Rufen…
Es wird wieder leiser,
verstummt.
Stille.
Die Stille unserer Nacht.

Unsere Brüder
schmiegen sich dicht an uns.
Liebkosen uns
mit ihrem weichen Fell,
ihren rauen Zungen.
Wir sehen uns an.

Deine Hand
streicht über meine Wange.
Unsere Lippen berühren sich.
Unsere Zungen…

Wir legen uns
zurück auf das weiche Moos.
Lassen die Jäger und die Hunde
verschwinden
unter dem Rausch unserer Liebe.

Du bist ich,
ich bin du.
Wir sind eins…
…im Nebelmoor…

8 . Auf der Klippe

Sterne glänzen am Himmel
der Mond lässt die Nebelschwaden
leuchten
lässt den Wald unter uns
als dunkle Masse erscheinen.

Hinter uns
rauscht leise der Wind
in den Blättern
der Bäume und Büsche.

Ich spüre dich neben mir,
fühle und genieße
deine Nähe.
Spüre die Wärme
deiner Haut,
deiner Liebe…

Und die Wärme und Liebe
zweier anderer Wesen.
Klein, verspielt,
frech und zärtlich
streicheln sie uns
mit ihrem Fell.
Zaubern ein Lächeln
auf dein Gesicht.

Springen
mal hierhin
mal dorthin.
Suchen unsere
Aufmerksamkeit
um im nächsten Moment
wieder miteinander
zu tollen.

Meine Augen
suchen die deinen.
ich sehe das Leuchten
in deinen
so, wie du
in meinen.

Unsere Lippen
berühren sich -
nur kurz,
doch voll Liebe.
Wir umarmen uns
und versinken
in unserem Traum…
…über dem Nebelmoor…

9 . Gedanken

Allein
durchstreife ich
die Nacht…
Ohne dich.
Versuche,
meine Gefühle
zu ordnen.

Lasse meine Gedanken
treiben.
Zurück in die Zeit,
bevor es dich gab.
In die Einsamkeit,
in die Kälte,
in die Welt der anderen.

Könnte ich zurück?
Die Mauern wieder errichten
die du niedergerissen hast?
Weiter die Jäger täuschen,
ihre Hunde verwirren?
Vergessen
was war,
vergessen,
was hätte sein können?

Und du…
Könnte ich dich loslassen?
Weitermachen
ohne dich?
In der Welt der anderen
weiter vegetieren,
statt zu leben…

Nachdem was war…
Nachdem,
was hätte sein können?

Die Träume
unsere Träume…
Unerfüllbar?
Zuviel?
Für dich…
Für mich…

Von der Klippe
sehe ich hinab.
Sehe, wie die Nebel
das Land herauf kriechen
Monstern gleich.
Sehe sie
den Fleck verschlingen
an dem du meine Narben
verschwinden ließest
gleich einem Magier.

Sehe sie
den Wald erreichen
die Lichtung erobern,
wo wir uns
unsere Liebe gestanden.

Ich habe Angst
vor dem was kommt…
nach unserer Nacht
…im Nebelmoor…

10 . Zurück… bei dir…

Ein leiser Wind kommt auf
sanft, warm,
streift er den Berghang hinunter.
Treibt den Nebel zurück,
verjagt die Monster
von den Plätzen unserer Liebe
und aus meinem Herzen…

Hell leuchtet wieder der Mond,
strahlen die Sterne vom Himmel.
Beleuchten dich
und die beiden Kleinen
dort unten auf der Wiese.
Weisen mir den Weg zurück -
in unsere Welt,
nicht in die der anderen.

In unsere Welt ohne Mauern,
ohne Zäune, ohne Stacheldraht.
In unsere Welt,
in der nur wir die Grenzen setzen.
In unsere Freiheit.

Langsam kehre ich zurück…
…zu dir…
…und unserer Liebe…
Wende mich ab
von der Vergangenheit,
wende mich zu
unserer Zukunft.

Du spürst mich kommen
wendest dich mir zu,
wartest…
Ich gehe zu dir,
umarme dich,
tanke neue Kraft
für den Kampf
um uns…
…im Nebelmoor…