Nachdem ich nun schon seit ein paar Tagen mitlese und -schreibe, sollte ich mich vielleicht auch mal vorstellen.
Meinereiner ist männlich/schwul, 59 Jahre jung (noch) und lebt in Unterfranken, nahe der bayerisch/thüringischen „Grenze“.
War mal (wie viele der Generation 175) hetero verheiratet, was sich aus verschiedenen Gründen als Fehler erwies… Seit der Scheidung solo und nachdem meine Söhne aus dem Haus sind und ihr eigenes Leben leben auch alleine. Hobbys: Lesen, Schreiben, Schach, Musik hören, Digitale Fotografie.
Ich freue mich hierher gefunden zu haben.
Wenn jemand neugierig ist, einfach fragen. Ich beiße selten
Das mit „wissen“ und sich selbst eingestehen, sind zwei verschiedene Paar Schuhe gewesen. „Wissen“ tue ich es seit der Pubertät. Einen Teil meiner Schulzeit habe ich in einem Internat verbracht. Gleich im ersten Jahr - ich war 12 - entwickelte sich etwas, was man heute als „Freundschaft +“ bezeichnen würde, zwischen einem ein Jahr älteren Jungen und mir. Wir waren beide noch zu jung für echte Gefühle, aber es war definitiv mehr als nur pubertäre Neugier, soviel wußten wir beide, wenn auch mehr instinktiv als bewußt. Das Ganze ging etwa ein halbes Jahr. Aber wir waren zu naiv und unvorsichtig. Eines Nachts wurden wir von Mitschülern in „eindeutiger“ Situation erwischt. Was darauf folgte, darüber will ich nicht weiter in Details gehen. Es war das Ende unserer Beziehung. Mein Freund ließ sich von seiner Mutter aus dem Internat nehmen. Ich weiß nicht, ob und was er ihr als Grund genannt hat. Wir hatten nach seinem Weggang keinen Kontakt mehr… Ich lernte jedenfalls, wie die „Gesellschaft“ - sprich meine Mitschüler - mit Menschen wie mir umgeht. Wir reden hier von der Zeit Ende der 70’er. Ich denke, dass auch die Erzieher einiges davon mitbekommen haben, aber es wurde nie mir gegenüber thematisiert.
Jedenfalls lernte ich auf die harte Art meine wahren Gefühle zu verstecken. Nicht zuletzt auch vor mir selbst. Aber je älter ich wurde, umso klarer wurde mir auch, das ich schwul bin. Es gab die eine oder andere Beziehung zu Mädchen, aber keine war von Dauer. Und wenn es intim wurde, mußte ich mir immer vorstellen, ich wäre mit einem Jungen zusammen um „den Job“ zu machen. Ich kann romantische Gefühle für Frauen entwickeln, aber sexuell funktioniert das nicht.
Möglicherweise war das mit einer der Gründe, warum die Ehe gescheitert ist, auch wenn Ex nie erfahren hat, was ich wirklich bin. Nach der Scheidung war ich - zumindest für mein Umfeld - asexuell. Als alleinerziehender Vater hatte ich andere Dinge im Kopf, als eine neue Beziehung - auch wenn zu dem Zeitpunkt der 175’er schon abgeschafft war. Aber innerlich war mir klar, dass - sollte ich je wieder eine Beziehung eingehen - es keine zu einer Frau wäre…
Also kann man sagen: Gefühlt habe ich es schon mit 12, sicher gewußt so etwa mit 20, auch wenn das nur theoretisch war, schließlich fiel der 175’er erst Jahre später…
Das klingt ziemlich hart. Um so mehr bin ich froh, dass ich in einer Welt aufwachse, in der der Großteil der Menschheit ein „anders“ sein zumindest „toleriert“.
Auch ich habe schon oft Erfahrung mit Diskriminierung gemacht, aber zum Glück nichts, was man im Nachhinein nicht einfach mit einem Kopfschütteln wegstecken kann. Die meisten Leute heutzutage wollen dir nicht mal was Böses, sie denken einfach nur nicht darüber nach, dass dich ihre Aussage verletzen könnte.
Ich möchte gar nicht daran denken, wie es ist, als LGBTQ-Mitglied zum Beispiel in einem muslimisch geprägtem Land aufzuwachsen. Dort wird es den Leuten wahrscheinlich ähnlich gehen wie dir damals. Das sehe ich immer noch als ein großes Problem und ich verstehe nicht, wie es heutzutage immer noch Länder geben kann, in denen Homosexualität strafbar ist. Freie sexuelle Orientierung ist ein grundlegendes Menschenrecht. Länder, die sich nicht daran halten, sollten viel stärker sanktioniert werden.
Es war hart. Am schlimmsten war der Rest des ersten Schuljahres nach dem „Outing“. Es ließ im Laufe der Zeit nach, in dem Maß, wie jedes Jahr weniger Schüler übrig waren, die das Geschehen kannten. Aber ich habe nach meiner Internatszeit zu keinem der Mitschüler je wieder Kontakt gehabt…
Die Moralvorstellungen aller Gesellschaften wurden und werden auch heute noch durch Religionen geprägt. Für alle drei Massenreligionen - Christentum, Islam, Judentum - gilt, das Sexualität nur der Fortpflanzung zu dienen hat. Jede andere Art der Sexualität ist in dieser Lesart eine Sünde. Das wurde allen diesen Gesellschaften seit zweitausend Jahren eingeredet und das läßt sich nicht in weniger als sechzig Jahren (wenn man die Stonewall-Riots von 1969 als Ausgangspunkt für die Wende nimmt) aus den Gesellschaften herausbringen. Es ist gerade mal eine Generation her, dass in D der §175 abgeschafft wurde. Es wird noch Generationen dauern, bis jeder Mensch in unserem Land tatsächlich frei und ohne Angst seine Orientierung leben kann. Das hoffe ich zumindest, auch wenn es im Moment eher danach aussieht, als würde die Gesellschaft wieder Rückschritte machen, allen gesetzlichen Verbesserungen zum Trotz. Von anderen Ländern ganz zu schweigen. Je konservativer ein Regime ist und je fundamentalistischer die Religion, umso härter werden Menschen wie wir verfolgt. Und das Schlimmste ist, dass die Mehrheit der Menschen dort das auch noch für richtig hält.
Aber ich freue mich trotz allem, dass es euch heute besser geht als mir und den queeren Menschen meiner Generation in unserer Jugend.